Kündigungen und Personalaufbau - Lage am Finanzstandort Luxemburg nur scheinbar paradox

Kündigungen und Personalaufbau - Lage am Finanzstandort Luxemburg nur scheinbar paradox

Was ist am Finanzplatz Luxemburg los? Immerhin wollen mehrere Banken Personal entlassen. Parallel dazu sind die Gewinne in diesem Jahr gestiegen. Und die Unwägbarkeiten des Brexit verursachen auch im Großherzogtum Unsicherheit.

Luxemburg. Es scheint paradox: Die Schweizer Bank UBS legt einen Sozialplan auf und entlässt etwa 14 Prozent ihrer 420 Luxemburger Mitarbeiter. Auch der US-amerikanische Mitbewerber JP Morgan streicht knapp jede vierte seiner knapp 500 Stellen.Drastische Einschnitte


Die drastischen Einschnitte bei der niederländischen ING Luxembourg (weltweit minus 7000 Stellen) und der deutschen Commerzbank (weltweit minus 9000 Stellen) gehen wohl ebenfalls nicht ganz am Großherzogtum vorbei.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Mitarbeiter im Bank- und Finanzsektor laut Angaben des luxemburgischen Statistikamtes Statec kontinuierlich an - auf zuletzt knapp 45 500, allein bei den 141 Banken sind es 26 300 Beschäftigte. Immerhin wurden in der Branche seit Juni 2015 knapp 600 Menschen mehr eingestellt. Ebenso auffällig ist, dass trotz der Niedrigzinsphase die im Großherzogtum ansässigen Banken ihren Gewinn auf 2,4 Milliarden Euro steigern konnten, ein Plus von 1,5 Prozent.

Doch dafür gibt's gleich mehrere Gründe: "Es gibt einen Umbruch im Bankensektor, das ist ein weltweiter Trend", sagt Philipp von Restorff, Pressesprecher des Luxemburger Bankenverbands ABBL, unserer Zeitung. Im niedrigeren Zinsumfeld und angesichts von zunehmendem Online-Banking seien die Banken gezwungen, sich neu aufzustellen. "Es gibt zunehmend einen Trend zur Spezialisierung sowohl beim Personal als auch bei den Tätigkeiten, die eine Verlagerung von Geschäftsfeldern in sogenannte Kompetenzzentren zur Folge hat." In welchem Land die dann lägen, sei eine Entscheidung des jeweiligen Geldhauses.
Herbert Eberhard, Chef des Trierer und Luxemburger Dienstleisters Creditreform für Bonitäts- und Insolvenzuntersuchungen, hält die Auswirkungen dieser Umstrukturierungen auf die Region Trier für gering.Austausch von Mitarbeitern


"Einige Reformen sind bereits vollzogen. Teilweise werden jetzt noch Mitarbeiter ausgetauscht, weil die Produkte sich ändern und andere Spezialisten gefragt sind", sagt er. So berichtet die Luxemburger Finanzaufsicht CSSF, dass "der starke Anstieg des Gewinns von einer kleinen Zahl von Kreditinstituten stammt und durch spezifische Faktoren erklärbar ist". Durch strengere Regulierungsvorgaben seien die Ausgaben zwar gestiegen, allerdings hätten auch die Einnahmen zugelegt, so dass unterm Strich mehr Gewinn übrig sei. Ein Vorteil für den Standort Luxemburg, bemängelt doch Yves Mersch aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank und einst Luxemburger Zentralbankchef, dass es zu wenig Banken in Europa gebe, "die ihre Geschäftsmodelle in Ordnung bringen und ihre Risikomängel beheben". Das Ziel von Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna ist es demnach, der führende Finanzplatz im Bereich Digitalisierung zu werden - und ein bedeutendes Zentrum für internationale Finanzdienstleistungen.Luxemburg als Tor zur Welt



Außerdem will er das Land als Einstiegsort für Nicht-EU-Banken in den europäischen Binnenmarkt ausbauen (siehe Extra). Luxemburg sei ein "Standort als Tor zur Welt", schrieb er in der Börsen-Zeitung. Folglich sieht er den Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) optimistisch. Beide Länder seien wechselseitig die größten Partner beim Ex- und Import von Finanzdiensten. Und so sei "mehr denn je Zusammenarbeit gefragt".
Luxemburgs Finanzstandort scheint demnach gut gerüstet. Schließlich habe sich das Land im internationalen Finanzplatzranking (Global Financial Centre Index Studie) um zwei Plätze verbessert, sagt von Restorff. "Erstaunlich angesichts der Hürden von Zinstief und höheren Kosten. Aber Luxemburg ist sehr innovativ. "Extra

Luxemburg gehört international zu den wichtigsten Bank- und Finanzstandorten. Es ist europaweit der größte und weltweit der zweitgrößte Fondsstandort. US-Amerikaner und Briten stellen dort die größte Gruppe der Fondsmanager. Vor allem in grünen Bonds und nachhaltigen Klimafonds versucht sich das Land für die Zukunft zu positionieren. Zuletzt hat es vor allem Nicht-EU-Banken ins Großherzogtum gezogen, etwa Institute aus der Schweiz, aus Brasilien und aus China, das inzwischen gar mit sechs Banken am Finanzplatz vertreten ist. sas

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