Kriminalstatistiken Trotz deutlicher Zunahme der Vergehen: „Luxemburg ist immer noch ein sicheres Land“

Luxemburg · In Luxemburg hat die Zahl der Straftaten letztes Jahr deutlich zugenommen: Laut Statistik gibt es ein Plus von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Welche Gründe das hat und warum Luxemburg laut des Polizeiministers trotzdem nicht unsicherer geworden sei.

Luxemburg: Zahl der Straftaten ist gestiegen
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

„2022 gab es einen deutlichen Anstieg, was die Zahl der Straftaten in Luxemburg angeht“, stellte Polizeiminister Henri Kox („déi gréng“) am Mittwoch gleich zu Beginn der Präsentation der alljährlichen Kriminalstatistiken fest. Diese Situation wolle man weder verstecken, noch verharmlosen. Doch: „Wir leben immer noch in einem Rechtsstaat und Luxemburg ist immer noch ein sicheres Land“, so der Minister, der den relativ starken Anstieg der Straftaten an gesellschaftlichen Entwicklungen festmachte.

So sei nach der Pandemie eine Art „Nachhol-Effekt“ eingetreten: Man habe das Gefühl, als seien Land und Leute nach der Pandemie wieder erwacht – was die Behörden nicht weiter überrascht habe. Die Menschen hätten wieder ihrem Alltag nachgehen können, während auch die Verbrecher freier zur Tat geschritten seien. „Dieses Phänomen gab es auch in anderen Ländern Europas – in manchen Hinsichten sogar noch stärker als im Großherzogtum“, so der Minister.

So ist die Zahl der von der Polizei erfassten Fälle von 2021 auf 2022 auf 37.864 gestiegen, was ein Plus von 7.651 Fällen oder 25,32 Prozent ausmacht. Die Zahl der Vergehen stieg im gleichen Zeitraum sogar um 27,23 Prozent – von 42.875 auf 54.552. 66,6 Prozent davon waren Eigentumsdelikte, während 17,4 Prozent davon Vergehen gegen Personen waren. Die restlichen 16 Prozent fallen in die Kategorie „Divers“, in welcher etwa Drogendelikte oder nächtliche Ruhestörungen erfasst werden.

Zum besseren Verständnis: Die Polizei unterscheidet zwischen Fällen und Vergehen, da ein einzelnes Verbrechen gleich mit mehreren Strafverstößen geahndet werden kann. Einer Person, die mit Drogen erwischt wird, kann man beispielsweise Besitz, Konsum und den Verkauf dieser Drogen vorwerfen. Ein Fall, drei Vergehen. Letztere werden wiederum den Kategorien „infractions contre les biens“ (Eigentumsdelikte), „infractions contre les personnes“ (Straftaten gegen Personen) oder „Divers“ zugeteilt, in welcher u.a. Drogendelikte oder nächtliche Ruhestörungen erfasst werden.

Aufklärungsrate sinkt

Auf einen weiteren wichtigen Punkt verwiesen am Mittwoch sowohl Polizeiminister Henri Kox als auch der Direktor der Verwaltungspolizei, Pascal Peters: Bei den vorgestellten Statistiken handele es sich ausschließlich um polizeiliches Zahlenmaterial. Also Taten, wie sie der Polizei berichtet oder von Beamten festgestellt wurden. Ob und inwiefern diese Vergehen später auch juristische Folgen hatten, geht nicht aus dem Zahlenmaterial hervor. Nicht erfasst wurden indessen Verkehrsdelikte, die zu einem späteren Zeitpunkt separat veröffentlicht werden.

Doch die Tendenz ist klar: Die Kriminalitätsrate ist in den letzten fünf Jahren kontinuierlich gestiegen. Dem gegenüber steht eine Aufklärungsrate, die seit 2020 wieder rückläufig ist. Konnten in dem genannten Jahr noch 56,7 Prozent der Fälle aufgeklärt werden, waren es 2021 noch 53,2 Prozent. Letztes Jahr ist die Quote allerdings um 7,3 Prozentpunkte auf 45,9 Prozent gefallen.

Dies dürfte wohl dem Umstand geschuldet sein, dass die Zahl der Eigentumsdelikte deutlich zugenommen hat. Bei fast der Hälfte der 54.552 erfassten Vergehen – 45,3 Prozent – handelte es sich um einfache Diebstähle, Ladendiebstähle, Benzinklau oder Taschendiebstähle. Gesichtslose Delikte, deren Urheber weitaus schwieriger zu fassen sind als etwa gewalttätige Täter, die sich an Personen vergreifen. An zweiter Stelle folgen Betrug und Schwindel mit 33,6 Prozent. Eigentumsdelikte, die sich zu weiten Teilen im Netz zutragen und deren Urheber eine gewisse Anonymität genießen.

„Ist das Geld erst mal ausgehändigt, wird es schwer, es wieder aufzutreiben“, erklärte Chefermittler Marc Wagner. Bei sogenannten Cybercrimes handele es sich in der Regel um Täter im Ausland, die meist in Ländern sitzen, die wenig bis gar nicht mit den Luxemburger Behörden kooperieren. Demnach lag die Aufklärungsquote bei Eigentumsdelikten im Jahr 2022 bei weniger als 25 Prozent, während auf der anderen Seite aber neun von zehn Tätern gefasst werden konnten, die Gewalt gegenüber anderen Menschen angewendet hatten.

Gesellschaftliche Entwicklungen

Warum wiederum die Zahl der Eigentumsdelikte stark zugenommen hat, erklärt sich laut Polizeiminister Kox zum Teil mit der hohen Inflationsrate und den Preisexplosionen der letzten Monate. Somit sähen immer mehr Menschen keinen anderen Ausweg, als ins Regal zu greifen oder die Zeche zu prellen. Eine andere Erklärung liefern gesellschaftliche Phänomene: Zum Einen nannten die Verantwortlichen das Ende der Pandemie mit der damit verbundenen Zunahme an Einbrüchen und Diebstählen.

Zum Anderen spielt auch die Digitalisierung eine Rolle. Mit dem eComissariat ist die Polizei heute auch im Netz zugänglich. So wurden 2022 rund 90 Prozent der einfachen Diebstähle über die digitale Dienststelle an die Sicherheitsbehörden herangetragen. Allein in 44 Prozent der Fälle handelte es sich dabei um Benzinklau. Zusätzlich dazu fallen – wie bereits erwähnt – immer mehr Menschen auf Betrüger im Netz herein.

Im Umkehrschluss will die Polizei vor allem bei Cybercrimes verstärkt auf Prävention setzen. Weil die Täter in der Regel im Ausland säßen, seien den Ermittlern in Luxemburg oft die Hände gebunden. „Deswegen müssen wir alles daran setzen, dass es gar nicht erst zur Tat kommt“, so Peters. Man wolle deswegen auf Aufklärung setzen, verstärkt auch Familienmitglieder mit in die Verantwortung nehmen, die ihre älteren Verwandten für die Gefahren im Netz sensibilisieren.

Gleichzeitig will die Polizei künftig in ihrer repressiven Herangehensweise proaktiver vorgehen. Peters sprach in diesem Zusammenhang von „arrestations de qualité“ – Verhaftungen mit hoher Wirkung. Dabei soll gezielter gegen Täter ermittelt werden, deren Verhaftung sich einschneidend auf deren Umfeld auswirkt. Diese Herangehensweise habe im Drogenmilieu bereits Früchte getragen.

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