Nach schweren Ausschreitungen bei Lokal-Derby: Gewaltdiskussion im luxemburgischen Fußball

Nach schweren Ausschreitungen bei Lokal-Derby: Gewaltdiskussion im luxemburgischen Fußball

Fußballfans liefern sich nach einem Spiel der beiden Escher Clubs Fola und Jeunesse schwere Auseinandersetzungen mit einer privaten Sicherheitsfirma. Bilanz des Spiels am vergangenen Sonntag: Mindestens neun Verletzte. Im Nachbarland wird jetzt über die Gewalt in Stadien und die Rolle der Polizei diskutiert.

Letzten Sonntag, gegen 18.00 Uhr, geht es im Emile-Mayrisch-Stadion (Esch) plötzlich rund. Das Derby zwischen der Heimmannschaft Fola und den Gästen von der Jeunesse ist seit etwa 20 Minuten abgepfiffen. Während des Spiels gab es keine nennenswerten Ausschreitungen.

Außer Kontrolle

Doch nun gerät die Lage zusehends außer Kontrolle. Die noch anwesenden Anhänger der Jeunesse, die meisten Ultras, weigern sich, das Stadion zu verlassen, zünden Bengalos, die ordentlich qualmen. Sie tun dies abseits von Dritten; verboten zwar, aber eher ungefährlich. Gleichwohl, die Security muss eingreifen. Das ist ihr Job. Es kommt zu Diskussionen. Es folgt ein Handgemenge. Ein Schubser. Dann geht es richtig los. Mindestens einer der Sicherheitsleute zieht einen Teleskopstock aus der Hose, fährt diesen sofort aus und schlägt auf einzelne Ultras ein. Der Mann sieht sich nicht alleine einer Gruppe von Angreifern gegenüber, vielmehr bildet er mit anderen die zweite Reihe hinter seinen vorpreschenden Kollegen. Einen Teleskopstock kann man sich vom Prinzip her vorstellen wie eine alte Radioantenne, nur dass der Stock meist aus Hartplastik ist und sich an der Spitze eine Metallplatte oder Metallkugel befindet. Der Teleskopstock gilt als Waffe und ist in Luxemburg verboten. Darauf angesprochen, erklärte die Sicherheitsfirma, dass Waffen bei ihren Mitarbeitern nicht erlaubt seien.

Mindestens ein Fußballspiel-Besucher wird am Hinterkopf getroffen. Seine Haut platzt auf. Der Arzt muss die Wunde später mit acht Klammern tackern. Im ärztlichen Attest ist die Rede von einer drei Quadratzentimeter großen Platzwunde.

Drei Meter abseits wird ein Mülleimer in Richtung Security geworfen. Im gleichen Pulk wird ein weiterer Mann von zwei Security-Angestellten erst zu Boden geworfen, dann von einem mit Fausthieben traktiert, während der andere sein Knie in den Rücken des am Boden liegenden Mannes drückt. Ob der Mann da schon bewusstlos ist, weiß man nicht. Wenig später ist er es und wird es auch, trotz von einer Frau geleisteter Erster Hilfe, einige Minuten bleiben. Auf einer Videoaufzeichnung, die ein Anwesender machte, soll zu sehen sein, dass die Polizei erst auftauchte, als sich der Tumult bereits auflöste.

Später werden die Polizisten die zehn Mitarbeiter der Securityfirma durchsuchen und drei Teleskopstöcke beschlagnahmen. Dass die Polizei während der Schlägerei nicht anwesend war, darf verwundern. Während des Spiels waren Polizisten anwesend; im verstärkten Aufgebot sogar wegen der Risikolage bei einem solchen Spiel. Immerhin war Derby-Zeit in Esch. Und da geht es manchmal etwas rauer zu. Nach übereinstimmenden Aussagen von Zuschauern und Vereinsoffiziellen haben die Polizisten das Stadion etwa zehn Minuten vor Abpfiff verlassen.

Wie gesagt, während des Spiels gab es keine nennenswerten Zwischenfälle und für die Sicherheit im Stadion ist vorrangig auch der austragende Verein verantwortlich. Die Polizei schreitet nur ein, wenn es eskaliert. Doch ist es nun mal so, dass es bei Fußballspielen oft erst nach dem Schlusspfiff zu Ausschreitungen kommt. Die Anhänger der Jeunesse, deretwegen statt vier ganze zehn Sicherheitsleute und die Polizisten vor Ort waren, waren da noch anwesend. Trotzdem, die Polizei räumte das Feld. Der weitere Verlauf ist nun bekannt. Laut Aussagen der betroffenen Sicherheitsfirma gab es nicht bloß auf Besucherseite Verletzte. Von den zehn anwesenden Angestellten seien neun krankgeschrieben.

Zu beklagen seien unter anderem ein einfacher und ein dreifacher Armbruch, desweiteren Schürfungen und Prellungen. Auf dem erwähnten Video, das mit dem Wiedereintreffen der Polizei endet, sind keine verletzten Sicherheitsleute zu erkennen. Laut Aussagen aus der Firma seien diese Verletzungen aber im Stadion zugefügt worden. Auch wird von dieser Seite aus angenommen, dass die Anhänger der Jeunesse bewaffnet waren, unter anderem mit Schlagringen.

Stadionverbot droht

Die Ultras streiten dies ab und aus den Videobildern wird auch dies nicht ersichtlich. Genauso wenig wie Schläge oder Hiebe gegen die körperlich überlegenen Angestellten der Firma. Das Video endet mit einem Gruppenbild von Polizisten und Sicherheitsleuten. Auch auf diesem Bild ist nicht zu erkennen, dass es sich hierbei um Verletzte handelt. Und es sind zehn Sicherheitsbeamte auf dem Bild zu sehen. Doch wie kann dies sein? Die Sicherheitsfirma, bei der sich jetzt neun Angestellte im Krankenschein befinden, hat auf jeden Fall Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Auch der Heimverein Fola Esch will reagieren. Ein Stadionverbot für die in die Auseinandersetzung verwickelten Jeunesse-Fans wird gefordert. Zu diesem Zweck werde in nächster Zeit ein Brief an die Jeunesse Esch adressiert, um die Namen der Fans zu bekommen und diese so mit einem Verbot belegen zu können. Kritisiert wird von dieser Seite auch, dass sich kein Mitglied des Jeunesse-Vorstands im Stadion befunden habe, was vielleicht deeskalierend hätte wirken können. Solche Fans, so der Fola-Offizielle weiter, wollten das "Derby vernichten". Die Fans sehen dies naturgemäß anders. Sie fühlen sich "wie Dreck behandelt".

Wo ist die Polizei?

Für alle Befragten unverständlich war die Abwesenheit der Polizei zum Spielende und nach dem Spiel, der sogenannten "Dritten Halbzeit", also dann, wenn es rund um Fußballspiele, wenn es denn so kommt, am häufigsten ungemütlich wird. Einsatz von Waffen "Ich gehe schon 20 Jahre zum Fußball, so etwas habe ich noch nie erlebt", so ein Augenzeuge. Auch andere Befragte haben einen derartigen Einsatz von Sicherheitsbeamten noch nie gesehen. Gemeint war hiermit insbesondere der Einsatz von Waffen. Was aber vor allem bleibt, sind die widersprüchlichen Aussagen - und vermutlich auch ein juristisches Nachspiel. Wann und wo wurden die Sicherheitsbeamten derart verletzt? Im Stadion kann dies kaum passiert sein. Und draußen? Und noch wichtiger: wie und von wem?

Bericht im  Tageblatt