Unglück: Nach tödlichem Badeunfall: Konzerin erhebt Vorwürfe

Unglück : Nach tödlichem Badeunfall: Konzerin erhebt Vorwürfe

Ein Sechsjähriger ertrinkt im Grevenmacher Freibad. Der Bürgermeister droht einer Augenzeugin mit einer Klage.

Sie habe damit gerechnet, dass ihr Eintrag bei Facebook auch negative Reaktionen auslösen wird, sagt Natalie Welch. Dass sie aber auch viele positive Rückmeldungen und Unterstützung erhalten würde, damit habe sie nicht gerechnet, sagt die Studentin aus Konz.

Gemeinsam mit ihrer Mutter Tania war sie am vergangenen Freitag im Freibad im luxemburgischen Grevenmacher. „Das, was wir am Freitag im Schwimmbad in Grevenmacher erlebt haben, werden wir nie vergessen“, schreiben Tania Welch und ihre Tochter gemeinsam auf der Facebook-Seite der Mutter. Ein sechsjähriger Junge war kurz nach 16 Uhr vor den Augen der zahlreichen Schwimmbad-Besucher im Nichtschwimmerbecken untergegangen und am Boden liegen geblieben. Bademeister haben ihn geborgen und erste Hilfe geleistet. Natalie Welch erinnert sich heute noch mit Schrecken an die Reaktion der verzweifelten Mutter des Jungen. Sie habe geschrien und geweint. „Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben“, sagt die junge Frau gegenüber dem Trierischen Volksfreund. Am vergangenen Dienstag ist der Sechsjährige im Krankenhaus gestorben. Die luxemburgische Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen. Doch es ist nicht der schreckliche Unfall an sich, der Natalie und Tania Welch empört. Vielmehr werfen sie den Bademeistern in dem auch bei vielen Deutschen aus den umliegenden Gemeinden beliebten Freibad direkt an der Mosel vor, nicht ausreichend aufgepasst zu haben. „Die Bademeister befanden sich am Schwimmerbecken, haben Musik gehört und Kinder und Jugendliche davon abgehalten, vom Rand zu springen. An dem Pool für Kleinkinder und am Nichtschwimmerbecken befand sich, so wie ich das beobachtet habe, kein Personal“; heißt es auf der Facebook-Seite. Die 22-jährige Tochter ergänzt, das Personal sei mit dem Smartphone und Funk-Lautsprechern beschäftigt gewesen, aus denen Reggae-Versionen von Pop-Klassikern zu hören gewesen seien.

Nach dem tragischen Unfall hätten die Bademeister nicht sofort die Becken räumen lassen. „Viele Leute befanden sich trotz allem noch im Wasser. „Ich verstehe nicht, wieso das Personal nicht sofort alle weggeschickt und die Schwimmbecken abgesperrt hat. Da sich meines Erachtens alle Angestellten zu dem Zeitpunkt unten befanden, hätte wieder etwas im Schwimmerbecken oben passiert können.“ Den Rettungseinsatz bezeichnet sie als chaotisch: Eintreffende Sanitäter hätten durch den umständlichen Zugang zum umzäunten Ort wertvolle Zeit verloren, die Polizei sei sogar erst „nach einer gesamten Stunde“ eingetroffen. Sie hätten noch im Bad versucht, die Bademeister und die Polizei auf die ihrer Ansicht nach offensichtlichen Mängel bei der Aufsicht hinzuweisen. Keiner habe darauf reagiert, sagt Tania Welch.

Zwei Tage nachdem die Vorwürfe von Tania Welch und ihrer Tochter öffentlich geworden sind, hat die 54-jährige Konzerin eine E-Mail des Bürgermeisters von Grevenmacher, Léon Gloden, erhalten. Die Gemeinde ist Betreiber des Freibades. Darin wirft er ihr Verleumdung vor: „Ihre Darstellung der Fakten ist falsch und verleumderisch“, heißt es in dem Schreiben, das dem Volksfreund vorliegt. Sowohl die Bademeister als auch der Notdienst und die Feuerwehr hätten alles Mögliche getan, um dem Kind Erste Hilfe zu leisten. „Fakt ist, dass unser Personal keine Musik gehört hat und dass die Mitarbeiter ihre Überwachungsmission korrekt ausgeführt haben.“ Die Feuerwehr, „wie auch unsere Mitarbeiter“ behielten sich das Recht vor, gegen Welch Klage wegen Verleumdung einzureichen. Gegenüber der luxemburgischen Tageszeitung Tageblatt betont der Bürgermeister ausdrücklich, dass  alle Rettungskräfte an dem Tag, an dem mehr als 1300 Besucher im Bad gewesen seien, schnell und optimal reagiert hätten.

Tania Welch und ihre Tochter sind empört über die Reaktion des Bürgermeisters. „In welchem Land leben wir denn, dass Politiker glauben, sie könnten Bürger mundtot machen“, ärgert sich die Mutter. „Wir leben in einem demokratischen Land, wo folglich auch Meinungsfreiheit herrschen sollte“, ergänzt die Tochter.

Mittlerweile hätten sich viele Zeugen bei ihnen gemeldet, die die von Mutter und Tochter gemachten Beobachtungen bestätigen würden, sagt Natalie Welch. Am gestrigen Freitag habe sich die luxemburgische Kriminalpolizei bei ihnen gemeldet und sie zwecks Zeugenaussage vorgeladen. Von einer Klage gegen sie wisse man dort angeblich nichts. Es gehe nicht darum, das Personal zu beschuldigen, sagt Natalie Welch. Man hoffe aber, dass alle Abläufe ehrlich und schonungslos überprüft würden, „damit es in Zukunft vielleicht besser läuft“. Ob das Schicksal des Jungen ohne etwaige Verzögerungen bei der Rettung anders ausgesehen hätte, ist ohnehin fraglich: „Hat ein Kind erst einmal Wasser eingeatmet, geht es ganz schnell”, erklärt etwa die luxemburgische Kinderärztin Michèle Kayser. „Das Gehirn wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, so dass es unverzüglich zu einer Bewusstlosigkeit kommt.“ Nach einem Herzstillstand schwinden dann die Chancen auf Rettung rapide, selbst bei zügigem Auffinden.

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