Wirtschaft: Quo vadis Luxemburg?

Wirtschaft : Quo vadis Luxemburg?

Luxemburgs Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Und darauf bauen auch die Prognosen der Regierung auf. Doch ab dem Jahr 2040 könnten die Finanzreserven aufgebraucht sein – wenn es keine Reformen gibt, sagt der Chefvolkswirt der größten Bank des Landes.

Jährlich zusätzlich 10 000 Arbeitsplätze und damit ein Plus von rund drei Prozent, eine steigende Bevölkerung, die derzeit bei 602 000 Einwohnern liegt, immer mehr Grenzpendler (aktuell 440 000), ein prognostiziertes Wirtschaftswachstum von jährlich etwa 3,5 Prozent – in Luxemburg scheint der Boom kein Ende zu nehmen. Zwar haben sich die Steigerungsraten seit der Wirtschaftskrise 2008 im Land verringert: „Aber es gibt immer noch viele Luxemburger Erfolgsgeschichten“, sagt Yves Nosbusch, Chefvolkswirt der Bank BGL BNP Paribas, der größten Bank in Luxemburg und einer der größten Arbeitgeber mit über 2500 Beschäftigten.

Und so sieht auch er in seiner Analyse des Finanzplatzes anlässlich eines gemeinsamen Treffens der Deutsch-Luxemburgischen Wirtschaftsinitiative (DLWI), der Financial Planner Luxemburg (FPL), des International Bankers Forum (IBF) und des Business Clubs Luxemburg das Wachstum generell nicht gefährdet. Allerdings gibt er zu bedenken: „International gesehen sind wir eines der produktivsten Länder. Wenn wir allerdings die Produktivität zum Maßstab eines qualitativen Wachstums machen, haben wir uns anhand der nationalen Daten in den vergangenen 20 Jahren nicht verbessert“, sagt der ehemalige Vorsitzende des Nationalen Rates für Staatsfinanzen. 

Dennoch geht das europäische Statistikamt Eurostat davon aus, dass Luxemburg auch langfristig weiter stark wachsen wird. Es rechnet sogar damit, dass das Großherzogtum im Jahr 2060 die Ein-Millionen-Einwohner-Marke geknackt hat. Doch Nosbusch ist auch hier vorsichtig. „Auch alle unsere Sozialsysteme beruhen auf der Prognose eines solch stetigen Wachstums“, warnt er. So habe der Nationale Rat für Staatsfinanzen der Politik zuletzt bescheinigt, dass dieses System „langfristig über keine garantierte Nachhaltigkeit“ verfüge. Heißt: Spätestens 2040, so Nosbuschs Prognose, bei geringerem Bevölkerungswachstum noch früher, werden die Staatsfinanzen kollabieren. „Der Staat wird sich verschulden, die Sozialleistungen werden massiv gekappt – „sofern es keine Reformen gibt. Aber ob die bei den Einnahmen ansetzen sollen, also in Form höherer Steuern, oder ob es bei den Sozialleistungen Ausgabenkürzungen geben soll, das muss die Politik entscheiden“, sagt der Experte für Finanzrisikoanalyse, Staatsverschuldung und Rentensysteme.

Doch welche Branchen könnten für noch mehr Wachstum sorgen? Nach Stahlbranche, Satelliten und Finanzsektor sollen es nun mehrere Bereiche zugleich richten: Weltraumerkundung, Gesundheitsforschung und Logistikzentrum hat die Politik als Zielbranchen definiert. „Wir wussten historisch gesehen nie, was erfolgreich wird. Diesmal gibt es allerdings mehrere Standbeine, und wir können nicht sicher sein, ob und was funktioniert“, sagt Nosbusch.

Und so weiß auch der deutsche Botschafter in Luxemburg, Heinrich Kreft, dass die Luxemburger Wirtschaftsentwicklung auch auf Deutschland einen Einfluss haben wird: „Luxemburg strahlt in die Großregion aus. Und steigert damit die Vernetzung, die innerhalb der EU einmalig ist“, sagt er. Und wo Daten und Waren keine Grenzen mehr kennen, könnte auch die Politik die Weichen noch stärker stellen, etwa bei grenzüberschreitenden Gewerbegebieten bis hin zu einer Art Sonderwirtschaftszone. 

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