Reise ans Ende der Menschlichkeit

Reise ans Ende der Menschlichkeit

Die Deportation der ersten 323 Juden aus Luxemburg durch die Nazi-Besatzungsmacht ins Vernichtungslager Lodz jährt sich an diesem Sonntag, 16. Oktober, zum 75. Mal. Es handelte sich um den Sondertransport Nr. Da 3 der Deutschen Reichsbahn "Luxemburg-Litzmannstadt". Der Jahrestag des traurigen Ereignisses wird an diesem Sonntag mit einem Staatsakt am Luxemburger Hauptbahnhof begangen.

Luxemburg. Wir schreiben das Jahr 1941. Im Mehrfamilienhaus Nummer 76 Petrusring (heute: boulevard de la Pétrusse) in der von Nazi- Deutschland besetzten Stadt Luxemburg wohnte der Künstler Frantz Kinnen mit seiner Ehefrau Lucie und den beiden Töchtern Françoise und Alice. Seit einigen Jahren waren die Etagen über den Kinnens von zwei jüdischen Familien bewohnt, die vor der deutschen Rassenpolitik nach Luxemburg geflüchtet waren: die Familien Dura und Kuliasko. Letztere hatte es noch geschafft, rechtzeitig Papiere für die Ausreise nach Übersee zu erhalten. Die Familie Dura hatte weniger Glück: Sie erhielt Anfang Oktober von der Gestapo ein Schreiben zwecks "Aussiedlung ins Reichsgebiet" und verließ ihre neue luxemburgische Heimat und somit auch die Familie Kinnen an einem grauen 16. Oktober 1941. Es handelte sich um Georg Dura, Jahrgang 1873, und Regina Dura sowie ihren Sohn Hans und ihre Tochter Margarete. Alice Kinnen (geboren 1936), die spätere Ehefrau des luxemburgischen Schauspielers Tun Deutsch, blickt zurück: "Ich war erst fünf Jahre alt, aber ich kann mich sehr gut an Frau Regina Dura erinnern. Sie war wie eine ,Bomi' für mich. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr. Sie sang mir Kinderlieder und las mir Märchen vor. Ich hatte so ein gutes Gefühl wenn ich bei ihr war." Am Morgen des 16. Oktober 1941 wurde die Familie Dura zum Hauptbahnhof Luxemburg gebracht. Sie würde auf eine lange Reise gehen, hieß es. Frau Kinnen hatte für die Reise Butterbrote vorbereitet und ging mit Françoise und Alice zum Bahnhof. Alice hatte dabei eine vage Ahnung, dass sie diese lieben Menschen nie mehr wiedersehen würde. Einfache Fahrkarte, Rückkehr nicht vorgesehen Gestapo am Bahnhof

Am Hauptbahnhof hatten sich die 323 jüdischen Mitbürger, alle mit dem gelben "Judenstern" gekennzeichnet, mit dem erlaubten Reisegepäck schon ab 10 Uhr im Gebäude der Zollabfertigung einfinden müssen. Dieser Teil des Bahnhofs wurde von der Sicherheitspolizei abgeriegelt. SS-Sturmbannführer Otto Schmalz, der "Leiter des Judenreferats im Luxemburger Einsatzkommando", überwachte die Registrierung und Inspektion der Deportierten. Die Gestapo machte das israelitische Konsistorium (später: "Judenrat") für das pünktliche Erscheinen der Menschen verantwortlich. Alice erinnert sich: "Es war alles abgesperrt und man konnte die Menschen, die sich dort drängten, nur aus einer gewissen Entfernung sehen. Ich erinnere mich, dass mir die liebe Frau Regina Dura von weitem zuwinkte. Ich erinnere mich auch an ein tief trauriges Gefühl und dass ich dabei weinte. Später sagte mir meine Mutter, sie sei sich sicher, dass dies der letzte Abschied von der Familie Dura gewesen war." Der Sondertransport dritter Klasse Nr. Da 3 fuhr nach 14 Stunden Drangsalierens und Kontrollierens gegen 1.00 Uhr am 17. Oktober mit 323 Personen allen Alters an Bord von Luxemburg ab. In der zensierten luxemburgischen Tagespresse wurde am 17. Oktober 1941 berichtet, der Zug habe noch in Trier gehalten, wo jüdische Deportierte aus der Eifel- und Moselgegend dazugestiegen seien - um die 190 Personen. Der Transport soll dann am 18. Oktober 1941 um 14.30 Uhr am Bahnhof Radegast in Lodz angekommen sein. Schon kurz nach dem deutschen Einmarsch in Polen am 1. September 1939 unternahmen die Besatzer erste Schritte, um "Lodsch" zu "entjuden" und vollständig zu germanisieren. Die Stadt wurde auf Befehl Hitlers in "Litzmannstadt" umbenannt. Ende April 1940 wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung auf einer Fläche von kaum mehr als vier Quadratkilometern zusammengepfercht, etwa 163 000 Menschen. Die restlichen der 233 000 Lodscher Juden waren schon in andere Teile Polens deportiert oder in Arbeitslager verschleppt worden. Die Lebensbedingungen im Ghetto Lodz, das den Nazis als Übergangslager auf dem Weg zu ihrem Endziel, "der physischen Vernichtung des Judentums", diente, waren unmenschlich: Überbevölkerung, schlechte Versorgung, Krankheiten, Unterernährung, hohe Sterblichkeitsrate. Welche Qualen Dauerhunger und Seuchen sowie die Grausamkeit der NS-Schergen den Opfern bereiteten, lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Die Insassen wurden zudem zu Zwangsarbeit verpflichtet. Die zur Massenvernichtung bestimmten jüdischen Menschen wurden in speziell hergerichteten Lastwagen mit Auspuffgasen umgebracht. Das 60 Kilometer von Lodz entfernte Lager Chelmno wurde zum ersten rein "industriell organisierten" Vernichtungslager der Nazis. Dort wurde auch die Mehrheit der Juden aus Luxemburg vom Transport Da 3 Luxemburg- Litzmannstadt auf grausame Weise ermordet. Von den am 16./17. Oktober 1941 "ausgesiedelten" 323 jüdischen Mitbürgern überlebten nur zwölf. Die Familie Dura befand sich nicht unter den Überlebenden. Extra

Dem Überlebenskampf jüdischer Deportierter aus Luxemburg und der Trierer Region im Ghetto Litzmannstadt ist eine Ausstellung gewidmet, die am 21. Oktober in Wittlich eröffnet wird. Die vom Kulturamt Wittlich, dem Emil-Frank-Institut und dem Arbeitskreis Jüdische Gemeinde Wittlich veranstaltete Ausstellung ist vom 21. Oktober bis 9. November im Alten Rathaus - Städtische Galerie für moderne Kunst am Wittlicher Marktplatz, Neustraße 2, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 11 bis 17 Uhr, sonntags 14 bis 17 Uhr. Im Rahmen der Ausstellung wird am Mittwoch, 26. Oktober, 19 Uhr, über die 54 jüdischen Zwangsarbeiter aus Luxemburg berichtet, die bis Mitte Oktober 1941 im Autobahn-Lager Greimerath (neun Kilometer nördlich von Wittlich) interniert waren. 36 von ihnen sind von den Nazis deportiert worden, darunter 29 ins Ghetto "Litzmannstadt". Wolfgang Schmitt-Kölzer (Wittlich) stellt dabei sein neues Buch über die Zwangsarbeit an der Eifel-Autobahn (1939-1941/42) vor und geht insbesondere auf die jüdischen Zwangsarbeiter aus Luxemburg ein. redExtra

Was geschah mit den deportierten Menschen im Vernichtungslager? Der hier abgedruckte Bericht ist die Kurzversion eines gleichnamigen vierseitigen Dossiers des Autors Mil Lorang, das am 29. September im Luxemburger Tageblatt erschienen ist. Wer die komplette spannende Dokumentation nachlesen möchte, findet sie im Internet unter: goo.gl/m3UAKh

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