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Steve Kayser über die wahre Bedeutung der Luxemburger Schobermesse

Schobermesse in Luxemburg : Quartiersfeier statt Volksfest: „Freizeit kann man nicht komplett abwürgen“

Angesichts der abgesagten Schobermesse plädiert der Luxemburger Kulturexperte Steve Kayser für kontrollierte Freizeitkonzepte.

Ohne Covid-19 würde jetzt auf dem Glacisfeld, einem zentralen Platz in Luxemburg-Stadt, ein 55 Meter hohes Riesenrad stehen und gut 230 Jahrmarktstände überragen: Das Symbol der Luxemburger Schueberfouer, die sonst in 20 Tagen zwei Millionen Besucher anlockt. Statt der abgesagten Fouer werden noch bis 13. September auf Plätzen und in Parks acht kleinere Quartiersfeste veranstaltet. Für Steve Kayser, Luxemburger Experte für Freizeitkultur und Schaustellerei, ist das Luxemburger Volksfest ein Paradebeispiel dafür, dass unser Freizeitleben unersetzbar ist.

Ist eine fragmentierte Kirmes mit Quartiersfesten ein guter Ersatz für die traditionelle Schueberfouer?

KAYSER In meinen Augen sind jegliche Lösungen momentan nur Notlösungen. Durch die Quartiersfeste hat die Stadt versucht, den Sommer anders zu gestalten. Die Plätze, welche über das Stadtgebiet verstreut von Schaustellern bespielt werden, schreiben sich in die „Summeraktivitéiten“ ein. Und dennoch: es fehlt das Feierliche und Bunte. Es sind nun mal keine Kirmessen. Das Virus verpflichtet uns zu Vorsicht und angepasstem Handeln, es darf aber nicht zu dem Reflex führen, dass künftig automatisch abgesagt und ersetzt wird. Wir müssen irgendwann zum richtigen Volksfest und zur Kirmeskultur zurück. Überall im Land. Die Schobermesse ist dieses Jahr ausgefallen, und das war aufgrund der sanitären Lage richtig.

 Freizeitkulturexperte Steve Kayser im Europa-Park vor einem Mack - Salonwagen
Freizeitkulturexperte Steve Kayser im Europa-Park vor einem Mack - Salonwagen Foto: Steve Kayser

Statt nachts um eins oder um zwei, ist diesmal um 20 Uhr Schluss. Es gibt keine großen Fahrgeschäfte und keine Festzelte. Sind die Quartiersfeste eher für Kinder?

KAYSER Den Kindern fehlt es an nichts, für sie gibt es viele Attraktionen. Ich war aber ein bisschen überrascht, dass sich, bis auf zwei Autoscooter, keine Angebote für Jugendliche finden. Auch nicht für die Junggebliebenen. Dabei hätte es sehr gute Beispiele von Pop-Up-Jahrmärkten aus den Nachbarländern gegeben. Dass wir als Erwachsene auf Vieles verzichten, ist ok, aber ein angepasstes, limitiertes Angebot für die Jugend hätte uns allen gutgetan. Ich finde auch die Definition, die einige Politiker von der Schobermesse haben, sehr bedenklich.

Welche Definition wäre das?

KAYSER Als Veranstaltung, die sich ohne Bier- und Festzelte nicht rechnet, was die Kultur der Schaustellerei völlig vernachlässigt. Aber das Problem zwischen Schaustellerei und Partykultur gibt es überall, auf den traditionellen Volksfesten fehlen seit einigen Jahren Orte, an denen man sich einfach unterhalten und entschleunigen kann. Die Kirmes muss wieder ein Fest der Freunde, Familie und Integration werden. Alles andere artet aus, und dann ist es verständlich, wenn Politiker sagen, dass sie das jetzt nicht verantworten können.

Wie steht es um die Existenz der Schaustellerei?

KAYSER Viele Schausteller hatten ihre letzten Einnahmen im Januar oder Dezember. Da steht nicht nur eine Branche auf dem Spiel, sondern Existenzen. Es wäre lobenswert, wenn die Politik alles täte, diese Volksfeste zu retten. Sollten die Weihnachtsmärkte wegbrechen, sehe ich eine konkrete Bedrohung. Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, den Schaustellern beim Überleben zu helfen. Ihre Zukunft kann nicht sein, im Supermarkt aufzutreten. Auf- und Abbauen und Reisen gehören zu ihrer Kultur. Die lokalen Kirmessen, nicht nur die Schueberfouer, müssen erhalten bleiben. Bei den „Summeraktivitéiten“ bekommen die Schausteller je nach Geschäftstypus eine Pauschale. Die Fahrten auf den Kinderfahrgeschäften und den Autoscootern sind kostenlos, bei einer Familienattraktion im Stadtpark muss der Kunde allerdings in die Tasche greifen. Das ist weder kohärent, noch auf Dauer ein gesamtgesellschaftlich gutes Signal. Reduzierte Fahrpreise auf jeder Attraktion wären angebrachter gewesen.

Warum ist die Schaustellerei wichtig?

KAYSER Schausteller sind wichtige Akteure unserer Populärkultur und Teil eines historisch gewachsenen immateriellen Kulturgutes. Sie ermöglichen es uns, mitten in der Stadt in ein anderes Ambiente abzutauchen. Ihre Fahrgeschäfte zaubern uns eine Minireise in den Alltag. Diese Fahrten schaffen oder wecken Erinnerungen, die wir alle teilen. Solche Feste schreiben sich auch in die Demokratisierung der Freizeit ein. Auch wenn man sich keine Karussellfahrt leisten kann, ist die Kirmes niemandem verschlossen. Jeder kann einfach über den Kirmesplatz schlendern und die Atmosphäre genießen.

Welche Bedeutung hat die Luxemburger Schueberfouer?

KAYSER Die Fouer ist das größte Volksfest in Luxemburg und der Großregion, sie ist unter den Top Ten der europäischen Großveranstaltungen dieser Art. Sie hat eine europäische Dimension, es gibt kaum ein Volksfest, auf dem so viele Sprachen gesprochen und so viele Spezialitäten angeboten werden. Sie ist Treff für die Menschen der Großregion – dass sich Freunde, aber auch Betriebe, hier abends einfinden, Luxemburger und Grenzgänger, gehört dazu.

Die Schobermesse fällt für viele aus, wie Fußballspiele, Festivals und Urlaubsreisen. Was bedeutet es, wenn Ereignisse, die das Jahr strukturieren, wegbrechen?

KAYSER Die ganze Pandemie drückt auf die Seele, und wir müssen uns daran gewöhnen, angepasst und leiser zu feiern. Die Fouer ist ein fester Punkt in der Jahresplanung und der Ort, an dem man den Urlaub ausklingen lassen kann, die letzte Raststätte, bevor es wieder losgeht. Das fehlt jetzt, und es wird ein komischer Übergang in den Herbst. Freizeit ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Für Menschen, besonders in beklemmenden Verhältnissen, sind ein Fußballspiel oder die Fouer die Chance, etwas zu erleben. Da müssen wir uns überlegen, wie wir das für alle – nicht nur für Kinder – auffangen können. Statt abzusagen, kann man auch Konzepte anbieten, bei welchen die Einlässe kontrolliert werden. Mit Maskenpflicht! Da muss die Politik viel Fingerspitzengefühl zeigen. Das Freizeitleben kann man nicht komplett abwürgen.

Die Quartiersfeste in Luxemburg-Stadt dauern bis zum 13. September.
Informationen unter www.vdl.lu