Unverstanden im eigenen Land

Unverstanden im eigenen Land

Die Luxemburger wollen in ihrer Muttersprache angesprochen werden. Doch vielerorts wird nur noch Französisch geredet. Das löst heftige Debatten aus. Experten warnen vor einer unterschwelligen Ausländerkritik.

Luxemburg. Ein Leserbrief, im November in der Tageszeitung Luxemburger Wort erschienen, hat in Luxemburg die Diskussion über die nationale Identität wieder angefacht. Eine Luxemburgerin beschwert sich unter der Überschrift "Lëtzebuerg, mäi friemt Land!" (Luxemburg, mein fremdes Land), dass sie mit ihrem Kind in einer Kinderklinik keinen Arzt und keine Krankenschwester gefunden hat, die Luxemburgisch oder Deutsch gesprochen haben, sie sei nur auf Französisch angesprochen worden. Sie habe sich gefühlt, als ob sie in einem fremden Land sei, "wo mich keiner versteht", schreibt sie.
Eher ironisch, aber aus Sicht der Luxemburger sehr treffend greift ein im Internet kursierendes Video das Sprachenproblem im Nachbarland auf. Zu der Melodie des Schlagerklassikers "Aber dich gibt es nur einmal für mich" wird sich auf Luxemburgisch darüber lustig gemacht, dass man fast überall, ob beim Bäcker, in der Kneipe oder auf öffentlichen Toiletten, kein Luxemburgisch mehr versteht - und dass man gefragt wird, ob man kein Französisch kann: "S\'il vous plaît, parlez-vous pas français?"
Doch genau das scheint die Stimmungslage vieler Luxemburger wiederzugeben: Unverstanden im eigenen Land. Laura Zuccoli, Vorsitzende der Ausländervereinigung Asti, spricht von einer unterschwelligen Angst vor dem Verlust der nationalen Identität und der Bedeutungslosigkeit der Muttersprache.Stimmung im Internet


Eine nennenswerte Ausländerfeindlichkeit gebe es in Luxemburg nicht, sagt der Soziologe Fernand Fehlen von der Uni Luxemburg. "Die Ausländer werden eigentlich mit offenen Armen empfangen." Trotzdem wird vor allem im Internet Stimmung gemacht. Als "Ausländer im eigenen Land" empfindet sich eine an den Bodensee ausgewanderte Luxemburgerin. In ihrem Internetblog beschwert sich die 47-Jährige, dass es "in Luxemburg immer schlimmer" werde, man finde niemanden, der einen versteht oder "verstehen will".
Obwohl die Portugiesen mit 16 Prozent die stärkste Gruppe der 168 in Luxemburg lebenden Nationalitäten ausmachen und die Franzosen mit 6,6 Prozent auf Platz zwei folgen, scheint sich das "Ausländerproblem" vor allem an den französischen Pendlern festzumachen. Sie arbeiten überwiegend in Geschäften, aber eben auch in Krankenhäusern.
Womöglich hängt die Aversion gegen Französisch auch damit zusammen, dass trotz des hohen Ausländeranteils von 44,5 Prozent in den Grundschulen Luxemburgs, wo mittlerweile zwei Drittel der Schüler keine luxemburgischen Muttersprachler sind, noch immer Deutsch unterrichtet wird. Französisch als Unterrichtssprache kommt erst später an weiterführenden Schulen dazu. Soziologe Fehlen sieht in der unterschwelligen Ausländerkritik in seinem Heimatland aber auch eine Gefahr. Komme es zu dem von der Regierung geplanten Volksentscheid über das Wahlrecht für Ausländer, könnten die Populisten die Abstimmung zu einer Abrechnung mit der aus ihrer Sicht zu liberalen Ausländerpolitik nutzen.
Fehlen befürchtet, dass der Bürgerentscheid, der für 2015 oder 2016 geplant ist, anders ausgehen könnte, als die Regierung das erwarte. Davon geht auch die Ausländervereinigung Asti aus. Zumal die Ausländer, die der Volksentscheid betrifft, gar nicht mitabstimmen können. Und die populistischen Strömungen finden sich durchaus auch bei den Christkonservativen, der CSV. Die Partei hatte im Wahlkampf 2013 gegen das Ausländerwahlrecht Stimmung gemacht. Nur eingebürgerte Einwohner sollten das Recht erhalten, an Parlamentswahlen teilzunehmen. "Steuerzahler zu sein allein reicht nicht! Oder sollen in Zukunft etwa auch alle Grenzgänger an den Nationalwahlen teilnehmen dürfen?", fragte der damalige Fraktionschef Gilles Roth provokant in einem Zeitungsartikel. Ähnlich populistisch argumentiert die rechtskonservative Alternativ Demokratische Reformpartei ADR, die die luxemburgische Staatsangehörigkeit für alle im Großherzogtum lebenden Ausländer fordert.
Mit den Perspektiven und Herausforderungen Luxemburgs beschäftigt sich ein Seminar an der Uni Trier am kommenden Freitag ab 14.30 Uhr. Infos: 0651/2012138Extra

In Luxemburg leben rund 537 000 Menschen. 44,5 Prozent davon besitzen nicht die luxemburgische Staatsbürgerschaft. In Luxemburg-Stadt liegt der Ausländeranteil sogar bei 64 Prozent. Menschen aus 168 verschiedenen Nationen leben im Land. Den größten Anteil bilden die Portugiesen, gefolgt von Franzosen, Italienern, Belgiern und Deutschen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 7,1 Prozent, unter den Jungen beträgt sie 20 Prozent. wie