Urbanismusforscher Rafferty zur Immobilienkrise in Luxemburg.

Immobilien : Wohnen in Luxemburg – eine echte Krise

Wer es sich nicht leisten kann, im Großherzogtum zu wohnen, lebt jenseits der Grenze und pendelt von dort zur Arbeit. Derzeit tagen Urbanismusforscher dazu in Luxemburg.

Die Zahl der Grenzgänger hat sich in zwei Jahrzehnten fast verdoppelt und liegt in diesem Jahr erstmals bei etwa 200 000; der Zuwachs der Zahl der Grenzpendler liegt damit deutlich über dem Bevölkerungswachstum. Das Großherzogtum hat in den letzten drei Jahren monatlich etwa 500 Mindestlohnarbeiter zu seiner Arbeitnehmerschaft hinzugewonnen. Auch Mittelschichthaushalte können sich die Lebenshaltungskosten innerhalb des Landes immer weniger leisten. Dies hat mittelfristig Auswirkungen auf alle Sektoren, vom Einzelhandel über die Produktion bis hin zur Logistik und Sozialfürsorge. Dass hier ein ernsthaftes Problem vorliegt, ist mittlerweile breit akzeptiert.

In Luxemburg gibt es jedoch keinen Wohnungsaktivismus im Berliner Stil, Besetzung und Protest ist praktisch unbekannt. Wohnungsgenossenschaften sind kaum verbreitet; Zwangsversteigerungen und Räumungen sind in Luxemburg unbekannt, anders als etwa in Dublin oder London. Die Wut über die kaum erschwinglichen luxemburgischen Wohnungen ist daher in den Bussen von Emile Weber, den Staus an der französischen Grenze und den Zügen der SNCB sicher aufbewahrt. Die Anziehungskraft des luxemburgischen Gehalts – ob für den mehrsprachigen Finanzdienstleistungsmanager oder die Supermarktmitarbeiterin – ist das Ventil, das innovative politische Maßnahmen zur Bereitstellung von erschwinglichem oder sozialem Wohnen bisher noch verhindert hat.

Was hat die Krise verschärft? Von den Wohnungsmärkten zwischen Osteuropa und Spanien fließen zuverlässig riesige Kapitalerträge an europäische Investmentbanken, auch in die von Kirchberg aus verwalteten Konten. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Die „Wohnungskrise“ findet nur an anderen Orten statt, und dort ist sie gut fürs Geschäft. Natürlich ist dies nicht immer so gewesen, und die Krise wird nicht durch unrealistische Verbrauchervorlieben seitens der Arbeitnehmer verursacht, sondern durch eine Akzeptanz der neoliberalen Governance-Logik der letzten Jahrzehnte. Nach dieser Logik wird das „Zuhause“ als Anlagegut geplant, gebaut und gehandelt, anstatt seine soziale und wirtschaftliche Funktion als Lebensraum für Arbeitnehmer zu erfüllen.

Während im 19. Jahrhundert die Industrielle Revolution Europa und Nordamerika veränderte, wurde die Bereitstellung von Arbeiterwohnungen von den Kapitalisten nach und nach als eine Bedingung für die Rentabilität eines Industrieunternehmens anerkannt. Im 20. Jahrhundert wurde es daher für die Industrie üblich, ihren Arbeitern aktiv Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Es bot Sicherheit für Arbeiter und Chefs gleichermaßen und reduzierte die Wahrscheinlichkeit von Streiks und Arbeiterrevolten. In der Nachkriegszeit verbreiteten sie sich und mutierten zu einem sozialdemokratischen (gleichwohl kapitalistischen) Modell, was anhand von „Arbeiterstädten“ im gesamten Ruhrgebiet und Saarland zu sehen ist. Wohnungsbau und Eigentum wurden von Industrieunternehmen teilweise durch eine subventionierte Hypothekensicherheit für Arbeiter und Chefs erleichtert – zumindest bis zur Schließung der Fabriken, Werke und Minen. Eine Version davon ist im Minett zu sehen, wo zwischenzeitlich 25 000 Arbeiter beschäftigt und dort zusammen mit ihren Familien untergebracht waren. Denn der Wohnungsbau hat sich von einer industriellen Notwendigkeit des städtischen Lebens zu einem der problematischsten – und gleichzeitig finanziell lukrativsten – Güter der Welt entwickelt. Das britische Immobilienberatungsunternehmen Savills sagt: „Immobilien sind die wichtigste Anlageklasse, die am stärksten von globalen monetären Bedingungen und Investitionstätigkeiten beeinflusst werden wird, die aber wiederum die Macht haben, die nationalen und internationalen Volkswirtschaften am stärksten zu beeinflussen.“

Von einem Schreibtisch in der neu eröffneten Universitätsbibliothek in Belval, die in der ehemaligen Möllerei des 1997 geschlossenen Stahlwerks aufwendig eingerichtet wurde, wird der strukturelle wirtschaftliche Wandel Luxemburgs vom industriellen Kraftwerk zur finanzierten Dienstleistungswirtschaft deutlich spürbar. Die Mainstream-Politikvorgaben, um eine echte „Wohnungskrise“ zu verhindern, bestehen wohl eher darin, weiter private Wohnanlagen mit immer zweifelhafter werdenden Definitionen von „bezahlbar“ zu bauen. Die postindustrielle wirtschaftliche Verwandlung Luxemburgs seit den 1970er Jahren wird oft als relativer Erfolg gelobt, teilweise auch deshalb, weil sich die Folgen der „schöpferischen Zerstörung“ durch die Deindustrialisierung weniger schädlich entfalteten als in den nördlichen Städten Englands, in Lothringen oder im Ruhrgebiet. Auch wenn dies zum Teil zutrifft, ist es trotzdem schwer, die Narben in den Gemeinden des Minett zu ignorieren.

Doch unter den Narben gibt es aufschlussreiche Spuren und Hinweise darauf, wie man in früheren Phasen des strukturellen industriellen Wandels mit grundlegenden Anforderungen wie dem Wohnen umgegangen ist. Wohngebiete mit Namen von Magnaten der Stahlindustrie wie Mayrisch in Düdelingen und anderen im Minett zeigen, dass lokale Arbeitgeber in Häuser für Arbeiter investiert haben. Viele dieser Adressen mögen inzwischen ihren Weg in die Bilanzen der globalen Finanzgläubiger gefunden haben und als liquide Mittel auf dem Immobilienmarkt getauscht worden sein. Der Punkt aber ist, dass luxemburgische Industrielle in Abwesenheit von öffentlichem Wohnungsbau direkt in den Wohnungsmarkt eingegriffen haben.

Die Verwandlung seit den 1970er Jahren hat das Arbeitsprofil des Landes und auch sein Wohnungssystem völlig neu geordnet, von dem ein großer Teil inzwischen effektiv nach Frankreich, Deutschland und Belgien ausgelagert wird. Gleichzeitig wurde das weltweite Kapital mobiler, da die Attraktivität dieser Konzernzentralen für die neue Nische Luxemburgs in der neoliberalen Wirtschaftsordnung von zentraler Bedeutung wurde. In der Vergangenheit haben sich arbeitsintensive Industrien direkt an der Behausung ihrer Arbeiter beteiligt – nicht aus Altruismus, sondern aus schierer Einsicht in die Notwendigkeit der Selbsterhaltung. Die Finanzialisierung Luxemburgs spiegelt heute eine komplexere, verflochtene und dienstleistungsorientierte Wirtschaft wider – aber sie ist deshalb nicht weniger arbeitsintensiv als zuvor. Auch wenn der Grenzgänger, der als Angestellter bei einer Gebäudemanagementfirma den Empfang einer Investmentbank in Cloche d’Or betreut, vielleicht kein direkter Mitarbeiter ist, so muss er trotzdem in der Lage sein, in der Nähe seiner Arbeit zu wohnen. Selbst ein unternehmerischer Staat könnte Unternehmen dazu veranlassen, Wohnraum für ihre Mitarbeiter zu schaffen – da er ein Interesse daran haben muss, das System weiter funktionsfähig zu halten.

Doch die Lösung für die drohende Immobilienkrise in Luxemburg kann nicht einfach durch Lohnerhöhungen finanziert werden, noch wird sie durch den Bau von weiteren Geldanlagen gelöst. Womöglich ist nur der Staat in der Lage, das Gleichgewicht zwischen den Ansprüchen der Arbeitnehmer und der neuen „Barone“ und den gelebten Realitäten der Marktwirtschaft über die Grenzen hinaus herzustellen. Dies könnte mit der Gründung einer nationalen Wohnungsbaugesellschaft beginnen, die durch Steuerbeiträge der Arbeitgeber finanziert wird. Sie könnte einen Maßnahmenkatalog entwerfen, mit dem die Probleme sukzessive lösbar gemacht werden. Nach Ansicht des Autors sollte dies mehrstufig erfolgen, d.h. mit einer Mischung aus neuem Sozialwohnungsbau, Enteignung leerstehender Häuser bzw. Wohnungen und Transfers an angrenzende Kommunen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Michael J. Rafferty hat Humangeografie an der Queen’s University Belfast, Nordirland, studiert und ist Doktorand am Institut für Geografie und Raumplanung der Universität Luxemburg. Sein Gastbeitrag ist im Luxemburger Tageblatt erschienen.

Bis 9. August findet an der Uni Luxemburg erstmals das Forschertreffen der IGU Urban Geography Commission zu Raumplanung statt. 

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