Vom Bankenparadies zum Nischenfinder

Luxemburg · Ein Wirtschaftswachstum von bis zu vier Prozent, eine gestiegene Arbeitslosigkeit, der Arbeitsplatzabbau bei Banken und die Schaffung weiterer Stellen überwiegend für Grenzgänger: Die Luxemburger Ökonomie ist vielschichtig und lässt sich nicht nur auf den Finanzplatz reduzieren.

Luxemburg. Wer an Luxemburg denkt, denkt automatisch an den Bankenplatz und den Kirchberg mit den Glitzerfassaden an der Avenue John F. Kennedy. In der Tat, der Finanzsektor macht 38 Prozent des Wirtschaftsaufkommens aus (siehe Splitter). Allerdings wird die Bedeutung der Luxemburger Finanzwelt immer weniger von Banken, vor allem von deutschen Banken, getragen. Zwar sind sie mit 28 Häusern von 144 immer noch Platzhirsch. Aber viele Institute haben Federn gelassen, neun Banken haben in zwei Jahren ganz aufgegeben, die Zahl der Bankbeschäftigten ist gestutzt. Luxemburg - Staat im Umbruch

Das führt zu Sozialplänen wie bei der Deutschen Bank 2013 mit 175 Entlassungen, zur Aufgabe von Töchterfirmen wie bei der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt oder zur Schließung von Niederlassungen wie die der Bayerischen Landesbank zum Ende 2014. Wandel im Laufe der Jahre

Beispiel Deutsche-Bank-Tochter Postbank: "Als ich vor 15 Jahren im Bankenboom angefangen habe, gab es zu wenig Mitarbeiter, um alle Kunden für 250 000 Depots zu erfassen. Es wurden sogar Apothenkenhelferinnen, Erzieher, Geografen und Postbeamte für die Abwicklung eingestellt", sagt eine ehemalige Postbank-Beschäftigte, der inzwischen gekündigt wurde. Mit der 2013 angekündigten Schließung des Privatkundengeschäfts und der Entlassung 2014 vor Augen mussten dann gut ein Dutzend Angestellte rund 80 000 Depots abwickeln.Auch andere stellen einen Wandel im Bankensektor fest. "Vor Jahren waren Banken zu 90 Prozent meine Auftraggeber, heute fahre ich noch einen Tag pro Woche nach Luxemburg", sagt eine Sprachlehrerin aus der Region. Martina Weber, Jobcoach aus Trier, sieht sich erstmals mit Ex-Bankmitarbeitern konfrontiert, die gar aus dem Metier aussteigen wollen. "Der Druck nimmt zu, das Arbeitsklima wird schlechter", sagt sie. Während deutsche Häuser traditionell arbeiteten und großzügig abfänden, "tickt die internationale Bankenwelt mit Befristung und amerikanischer Firmenkultur anders". Dass Luxemburg ein Drehkreuz beim Vertrieb von Finanzprodukten bleiben wird, da ist sich Claude Prim, Leiter Kreditmanagement Retail Banking der BGL BNP Paribas, dem größten Bankenarbeitgeber mit 3890 Beschäftigten, sicher: "Der Bankplatz Luxemburg befindet sich seit 2008 im Umbruch, und eine weitere Konsolidierung ist wahrscheinlich. Die gestiegenen Anforderungen an die Banken sind teilweise mit enormen Investitionen im IT-Bereich verbunden, die sich nur sehr schwer abfedern lassen." Rendite gibt's künftig vor allem in der Fondsindustrie (siehe Splitter), der Bedarf an Beratern und Sachbearbeitern sinkt.Neue Wege

Auch wenn die EU-Kommission von einem Wachstum bis zu vier Prozent ausgeht, so stellt sie klar, dass der Finanzsektor nur einen schwachen Beitrag dazu leisten wird. "Um von einem Konjunkturumschwung zu sprechen, ist es zu früh", stellt auch Prim klar. Die Unternehmer blieben angesichts neuer Projekte vorsichtig. "Häufig werden diese abgebrochen, weil die Unternehmer sie als zu riskant oder zu unrentabel einstufen." Der Aufschwung trägt sich laut EU aus der Dienstleistungsbranche (siehe Splitter). Auch wenn die Konkurse zunähmen und die Mehrzahl Dienstleister seien, so seien dies "keine katastrophalen Zustände", sondern "ein Zeichen für die Dynamik der Luxemburger Wirtschaft", sagt Herbert Eberhard, Chef von Creditreform Luxemburg und Trier. Dazu zählt eine Reihe von weltweit aktiven Unternehmen, die bei uns kaum bekannt sind (siehe Extra)."Die Regierung hat systematisch versucht, die Wirtschaft zu diversifizieren", sagt Karin Schintgen, Initiatorin des Lux Future Labs, einem Gründerzentrum für Start-Up-Unternehmen. Als Beispiele nennt sie die RTL-Gruppe, Europas größter Privatfernsehenbetreiber, SES, einer der weltweit führenden Satellitenbetreiber, und die Filmwirtschaft, die 2014 für einen Trickfilm den Oscar gewonnen hat. Extra

Ceratizit: Wohl jeder hat einen Kugelschreiber, dessen Hartmetallkugel vom Luxemburger Unternehmen Ceratizit ist. Der Global Player aus Mamer produziert ein Viertel aller Kugelschreiberkugeln weltweit. Aus der Produktion von Lichtfäden entstanden, ist Ceratizit Weltmarktführer bei der Holz- und Steinbearbeitung, hinzu kommen Verschleißschutz und Metallzerspanung. Die Fakten: 22 Produktionsorte, 5300 Mitarbeiter, 800 Millionen Euro Umsatz. "Ziel ist es, Unternehmen zu akquirieren, um bei Vollhartmetallwerkzeugen zuzulegen", sagt Chef Jacques Lanners. Zielbranche ist die Luft- und Raumfahrt. Il Cosmetics: Jeder siebte Nagellack, der weltweit auf Finger und Zehen aufgetragen wird, stammt aus Luxemburger Herstellung. Il Cosmetics in Bettembourg produziert mit 400 Mitarbeitern bei einem Umsatz von jährlich 65 Millionen Euro 700 Millionen Fertigerzeugnisse wie Nagellacke in 1500 Arten, Mascara, Eyeliner und Lipgloss für alle Kontinente der Welt. Die Firmenphilosophie mit Bekenntnis zum Luxemburger Standort: "Wir müssen innovativ sein, das Ohr am Kunden haben und das am besten geeignetste Produkt anbieten", sagt Jean-François Harpès, Il Cosmetics-Präsident, auf TV-Anfrage. sas