Großregion: Zu wenig digitale Zusammenarbeit

Großregion : Zu wenig digitale Zusammenarbeit

Internationale Arbeitsmarktexperten nehmen die Großregion unter die Lupe: Es gibt nicht nur Sieger und nicht nur Verlierer in den sechs Teilregionen von Deutschland, Luxemburg, Belgien und Frankreich.

Die Großregion ist nicht nur ein künstliches Gebilde, das an den gemeinsamen Grenzen von Deutschland, Luxemburg, Belgien und Frankreich aufgrund der gewachsenen Wirtschaftsverflechtung entstanden ist, sondern auch eine sehr heterogene Einheit. Und dass sich trotz zunehmender Zusammenarbeit und dem Abbau von Hemmnissen bei Bürokratie, Sozialversicherung und Arbeitsrecht nicht gleich jede der sechs Teilregionen gleich positiv entwickelt hat, zeigt die Interregionale Arbeitsmarktbeobachtungsstelle (IBA), die alle zwei Jahre ihren Bericht herausgibt. „Es gibt nicht eine Region von sechs, die besonders toll dasteht“, sagt Jeanne Ruffing, Koordinatorin der IBA.

In zwei Teile gegliedert, haben die Statistiker und Analysten um Ruffing mit Sitz in Saarbrücken (siehe Info) diesmal mittels 50 verschiedenen Indikatoren die Großregion unter die Lupe genommen und die Demografie, Wirtschaft, Beschäftigung und die Lebensbedingungen der Bürger untersucht. Das Ergebnis: „Es ist weder alles besser noch alles schlechter geworden. In den deutschen Bundesländern, vor allem in Rheinland-Pfalz, hat sich der Arbeitsmarkt sehr positiv entwickelt, in Lothringen dagegen relativ schlecht“, sagt Ruffing. Dafür schnitten die deutschen Teilregionen bei der Bildung schlechter ab als beispielsweise Ostbelgien/Wallonie oder Lothringen. „Das liegt teils an der Politik in den Regionen selbst, teils an nationalen Einflüssen.“ Und auch Jean-Claude Reding, Präsident des Wirtschafts- und Sozialausschusses der Großregion (WSAGR)  der die Schaffung der IBA vor 20 Jahren angeregt hat, stellt fest: „Die Unterschiede sind immer noch stark ausgeprägt. Umso wichtiger ist es, eine Politik zu betreiben, in der sich alle Teile der Großregion entwickeln können“, sagt er. Denn eine zunehmende Integration der Großregion und eine wachsende wirtschaftliche Kooperation seien – und das zeige die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte – keine hinreichende Bedingung für die „Gewährleistung einer ausgewogenen und harmonischen Entwicklung in allen Partnerregionen“.

Vor allem in zwei Bereichen haben die Forscher erheblichen Verbesserungs- und Abstimmungsbedarf festgestellt: in der Weiterbildung und bei der Digitalisierung. „Hier hat jede Teilregion ihre Schwerpunkte gelegt und auch Erfolge erzielt. Aber weder sind die Weiterbildungsträger über die Erkenntnisse in den Teilregionen informiert noch sind die einzelnen Angebote miteinander koordiniert“, bemängelt Jeanne Ruffing. Heißt: Die Unterschiede wirken sich hemmend auf die Entwicklung der gesamten Großregion aus.

Beispiele für Leuchtturmprojekte: Laut IBA liegt Deutschland bei der Digitalisierung im Mittelstand allgemein und im Handwerk im Besonderen vorn (Zertifikat Industrie 4.0 im Saarland). Frankreich dagegen setzt in der Weiterbildung vor allem auf die Qualifizierung von Schul- und Studienabbrechern im Bereich der Digitalisierung /Grande École du Numérique), und Luxemburg setzt Schwerpunkte bei der Digitalisierung in der Finanzwirtschaft (Digital Lëtzebuerg), wovon jedoch auch andere Dienstleistungsbranchen profitieren könnten. „Es gibt wenig Zusammenarbeit, obwohl dies Teil der Rahmenvereinbarung zur grenzüberschreitenden Berufsausbildung ist. Jetzt kommt es darauf an, darauf in der Phase der Umsetzung zu achten“, mahnt Ruffing.

Auch Reding warnt vor wachsender Konkurrenz: „Es ist enorm wichtig, die verschiedenen Initiativen zu vernetzen und dass die verschiedenen Abschlüsse anerkannt werden.“ Was auf Ebene der Berufsausbildung bislang erreicht sei, fehle jedoch bei der Weiterbildung.

Folglich formuliert die IBA fünf verschiedene Handlungsfelder, wie die Digitalisierung bei allen Arbeitnehmern, Unternehmen und Arbeitssuchenden in der Großregion ankommen könne. Dabei geht es einerseits um die Schulung der einzelnen Zielgruppen, um die Erschließung auch von Geringverdienern, älteren Beschäftigten und Mitarbeitern kleinerer Betriebe sowie die Ansprache aller Branchen. Gerade in Bereichen wie der Gesundheit und Pflege sieht die IBA großregional kaum Angebote und daher einen „erheblichen Weiterbildungsbedarf“. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Förderung sogenannter Schlüsselkompetenzen bei der Arbeitsorganisation, bei Datenschutz und Mitarbeiterführung sowie um eine „Kultur des lebenslangen Lernens“. Und auch wenn etwa in Lothringen die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu Rheinland-Pfalz gut drei Mal so hoch ist: „Wir haben überall in der Großregion das Risiko von Mangelerscheinungen. Denn in vielen Branchen fehlen uns Fachkräfte mit der nötigen Ausbildung. Hier muss es eine stärkere Zusammenarbeit geben“, sagt Jean-Claude Reding.

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