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Kirche
Missbrauchsopfer kritisieren Trierer Bischof Ackermann

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist seit acht Jahren Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche.
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist seit acht Jahren Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche. FOTO: picture alliance / Harald Tittel / Harald Tittel
Trier. Eine Studie über die sexuelle Gewalt von katholischen Geistlichen gegen Minderjährige lässt das tatsächliche Ausmaß der jahrzehntelangen Übergriffe nur erahnen. Von Rolf Seydewitz

Nach Bekanntwerden erster Ergebnisse der noch unveröffentlichten kirchlichen Missbrauchsstudie sehen Vertreter von Opferinitiativen ihre Befürchtungen bestätigt. Die Ergebnisse seien nicht repräsentativ, weil Akten vorsortiert worden seien und einige Bistümer nicht alle Informationen zur Verfügung gestellt hätten, sagte der Sprecher der Trierer Opfervereinigung Missbit, Thomas Schnitzler, unserer Zeitung. Scharfe Kritik äußerte Schnitzler am Trierer Bischof Stephan Ackermann, dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz. Auch Ackermann habe „kein wirkliches Aufklärungsinteresse“, so der Missbit-Sprecher, auch bei ihm stehe das Image der katholischen Kirche im Vordergrund.

Die vor über vier Jahren von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Studie wird offiziell erst bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe am übernächsten Dienstag vorgestellt. Mehrere Medien berichteten aber vorab über die Ergebnisse. Danach werden in der 350 Seiten umfassenden Studie für den Zeitraum von 1946 bis 2014 sexuelle Übergriffe an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen aufgelistet. Insgesamt 1670 Kleriker hätten diese Taten begangen. 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach mutmaßlich Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen.

Die Forscher gehen davon aus, dass es in dem Bereich eine hohe Dunkelziffer gibt. Ein Grund: Nach Angaben der Zeit gab es beispielsweise aus zwei Bistümern Informationen, „dass Akten- oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet wurden“. Im Bistum Trier wurden zwischen 2010 und 2017 insgesamt 42 verstorbene und 33 noch lebende Priester beschuldigt, Kinder sexuell missbraucht zu haben. 135 Opfer hatten sich bis Januar beim Bistum gemeldet. Aktualisierte Zahlen will das Bistum laut Sprecherin Judith Rupp erst veröffentlichen, wenn die Studie offiziell vorgestellt wird. Und auch erst dann will sich der Trierer Bischof Stephan Ackermann ausführlich zu den Ergebnissen der Studie äußern, sagte seine Sprecherin am Donnerstag unserer Zeitung.

In einer Stellungnahme nach Bekanntwerden erster Ergebnisse hatte sich der Missbrauchsbeauftragte verärgert gezeigt über „die verantwortungslose Vorabbekanntmachung der Studie“. Gleichzeitig sagte Ackermann aber auch, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs sei „für uns bedrückend und beschämend“. Der Trierer Bischof wörtlich: „Wir Bischöfe stellen uns den Ergebnissen.“ Man werde alles dafür tun, dass sich derartige Verfehlungen nicht wiederholten.

Der Sprecher der Trierer Opferinitiative Missbit, Thomas Schnitzler, fordert eine „unabhängige Studie mit Zugriff auf das gesamte Aktenmaterial aller Bistümer“. Da dies bei der aktuellen Studie nicht der Fall gewesen sei, habe man „den Bock zum Gärtner gemacht“.

Nach dem Bericht der Zeit liegen die Daten über den Missbrauch in der katholischen Kirche derzeit nur zusammengefasst für ganz Deutschland vor. Erst nach Veröffentlichung der Studie könnten die Bistümer Einzelergebnisse beantragen. Die Forscher müssten die Daten dann wieder auseinanderrechnen.

Die katholische Kirche in Deutschland war vor acht Jahren von dem Missbrauchsskandal erschüttert worden. Seitdem ist der Trierer Bischof Missbrauchsbeauftragter.