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Missbrauchsopfer greifen Trierer Bischof an

Katholische Kirche

Missbrauchsopfer kritisieren Trierer Bischof

Vor dem Trierer Priesterseminar demonstrierten Mitglieder der Opferorganisation Missbit schon vor zwei Jahren gegen die schleppende Aufarbeitung im Bistum.   FOTO: Friedemann Vetter

Trier Vertuschung, Lügen, Hinhaltemanöver: Die Opferinitiative Missbit fährt wegen der vermeintlich laschen Missbrauchsaufarbeitung im Bistum Trier scharfe verbale Geschütze gegen Bischof Stephan Ackermann auf. Dessen Kommunikationschefin hält dagegen: Die Aufarbeitung läuft.

Der Ton zwischen der Opfervereinigung Missbit und dem Bistum Trier wird rauer. In einer unserer Zeitung vorliegenden mehrseitigen Erklärung wirft die Organisation der Missbrauchsopfer den Verantwortlichen im Generalvikariat vor, beim Thema Aufarbeitung schon vor dem eigentlichen Beginn gescheitert zu sein. Anders als mit dem Beauftragten der Bundesregierung, Wilhelm Rörig, vereinbart, habe die sogenannte Aufarbeitungskommission in Trier immer noch nicht mit der Arbeit begonnen, kritisiert Missbit-Sprecher Hermann Schell. Damit würden die im April 2020 unterzeichneten Richtlinien ausgerechnet im Bistum des kirchlichen Missbrauchsbeauftragten und Trierer Bischofs Stephan Ackermann „eklatant missachtet“, so der Sprecher, dessen Verein nach eigenen Angaben mehr als 20 direkt Betroffene angehören.

Die Kommunikationschefin des Bischofs, Judith Rupp, wies die Vorwürfe der Opferorganisation zurück. „Die Aufarbeitung im Bistum ist gestartet“, sagte Rupp unserer Zeitung. Die Bildung des Betroffenenbeirats laufe, wenn auch durch die Corona-Pandemie „leider nicht so zügig wie erhofft“. Aber man gehe davon aus, dass der Beirat in den nächsten Wochen gebildet werden könne, so die Bischofssprecherin.

Als erste Institution in Deutschland hatte die katholische Kirche im April vergangenen Jahres mit dem Beauftragten der Bundesregierung eine Vereinbarung zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch beschlossen. Danach müssen sich in den nächsten Jahren alle 27 Bistümer einer unabhängigen Aufarbeitung durch eigens eingerichtete Kommissionen stellen, in der es um Verantwortlichkeiten gehen soll und darum, wie mit Tätern und Opfern in der Vergangenheit umgegangen wurde.

Während die Kommissionen in einigen Bistümern schon ihre Arbeit begonnen haben, hinken andere hinterher. Missbit kritisiert, dass es im Bistum Trier nach wie vor keine unabhängige Aufarbeitung, Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe gebe. So werde die Opferorganisation weiter im Unklaren gelassen, wer über die Zusammensetzung des sogenannten Betroffenenbeirats entscheide. Auch diese Aussage weist Bischofssprecherin Judith Rupp zurück. „Wir werden die Namen der Personen im Auswahlgremium veröffentlichen, ebenso die Kriterien für die Auswahlgespräche“, sagte Rupp unserer Zeitung.

Doch das Tischtuch zwischen Missbit und dem Trierer Bischof scheint endgültig zerrissen. Der Verein wirft Stephan Ackermann „Generalversagen“ vor, Missbit-Vize Thomas Kiessling lehnt sich im Internet sogar noch weiter aus dem Fenster. „Clanchef Ackermann schweigt und vertuscht und lügt weiter, ebenso seine Weihbischöfe“, schreibt der bekannte Trierer Tenor auf seiner Facebookseite.

So sehen es Kiessling und die anderen Missbit-Verantwortlichen als erwiesen an, dass der ehemalige Trierer Bischof Bernhard Stein Missbrauchstaten vertuscht und -täter gedeckt habe. So soll Stein  in den 70er Jahren einen Bistumspriester als Pastor im Kreis Trier-Saarburg eingesetzt haben, obwohl er nach einem persönlichen Gespräch von dessen sexuellen Vorlieben für Kinder gewusst habe (der TV berichtete). In einem anderen Fall habe Stein in den 1960er Jahren einen wegen mehrfachen Missbrauchs aufgefallenen Kaplan als Priester in die Eifel versetzt, obwohl er zuvor über die Missbrauchsvorwürfe gegen den Geistlichen informiert worden sei.

Bischofssprecherin Judith Rupp hatte in der Vergangenheit schon mehrfach auf die bevorstehende bistumsweite Aufarbeitung verwiesen und gesagt, dabei werde auch die Frage nach der Rolle von Bischof Bernhard Stein und sei Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs beleuchtet. Dem hält der Trierer Opferverein entgegen, dass die Beweise, dass Bischof Stein vertuscht habe, längst erbracht seien. Eine Forderung in diesem Zusammenhang ist, dass dem von 1967 bis 1980 amtierenden Bischof die Ehrenbürgerwürde der Stadt Trier wieder aberkannt werden soll. Außerdem soll der zwischen Dom und Diözesanmuseum gelegene Bernhard-Stein-Platz wieder umbenannt werden.

Einen ersten Anlauf dazu hatte der zuständige Trierer Ortsbeirat vor einem guten Jahr mit knapper Mehrheit abgeblockt. Aufgrund des inhaltlichen Klärungsbedarfs sei ein Beschluss in dieser Sache zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich, hieß es zur Begründung. Nun gibt es einen neuerlichen Anlauf: Auf Antrag der Grünen wird sich der Trierer Stadtrat übernächsten Mittwoch mit dem leidigen Thema befassen. „Bischof Stein hat nicht nur die Täter gedeckt, sondern sie in ihren Ämtern belassen oder an andere Orte versetzt, wo sie erneut übergriffig wurden“, heißt es in der Antragsbegründung, in der gefordert wird, mit der Umbenennung nicht zu warten, bis die vom Bistum eingesetzte Kommission in einigen Jahren ihre Arbeit beendet hat.

Ganz ähnlich sitzt dies übrigens auch die Opfervereinigung Missbit. Sie hat den Trierer Stadtrat aufgefordert, sich nicht „durch kirchenrechtlich begründete Hinhaltetaktiken vertrösten“ zu lassen. Bischof Ackermann sei in der Beweispflicht, „und zwar umgehend“.