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Mit Günter Netzer bei Borussia Mönchengladbach: Christian Kulik

Fußball-Historie, an die wir uns gerne erinnern : Plötzlich aufm Dorf: Als die Gladbacher Fußball-Legende Christian Kulik in die Eifel wechselte

Er hat mit Borussia Mönchengladbach die Deutsche Meisterschaft geholt, den DFB-Pokal gewonnen und war Protagonist bei der wohl berühmtesten Auswechslung der Fußball-Geschichte: Christian Kulik. Erinnerungen an unvergessene Momente und einen kuriosen Transfer in die Eifel vor 35 Jahren.

Was könnte der Mann für Geschichten erzählen. So richtig dick auftragen könnte er. Stünde ihm zu. Wenn nicht ihm, wem dann? Er, der Protagonist gleich mehrerer Stücke auf der ganz großen Bühne des europäischen Fußballs, die wohl auf ewig in den so häufig erwähnten Geschichtsbüchern zu finden sein werden. Er, der allein für Borussia Mönchengladbach 220 Spiele in der Fußball-Bundesliga absolvierte, dreimal die Deutsche Meisterschaft gewann, zweimal den Uefa Cup. Er, der am 25. Mai 1977 in Rom im Endspiel des Europapokals der Landesmeister stand.

Aber Christian Kulik trägt nicht dick auf. Auch nicht dünn. Eigentlich trägt er gar nicht auf. Überhöhung oder Glorifizierung sind nicht seins. Ob die Leute denn nicht neugierig geschaut hätten, als er, der ehemalige Gladbach-Star, damals Ende der 80er unter der Woche in diesem Hotel in Wittlich nächtigte? Nichts Besonderes, normaler Standard, irgendwo unweit der Autobahn. „Star?“ – Nein, niemand habe geschaut, niemand habe ihn nach Autogrammen gefragt, versichert Kulik. „Ich glaube auch nicht, dass mich dort viele Menschen erkannt haben. Ich war ja nicht Günter Netzer.“

Nein, Christian Kulik war nicht Günter Netzer, er war auch nicht Jupp Heynckes, auch nicht Allan Simonsen – er war leiser, zurückhaltender, ist es bis heute. Aber Netzer, Heynckes, Simonsen und wie sie alle heißen, die Legenden des Jahrhundertkaders der Gladbacher Borussia aus den 70er Jahren, sie wären wohl nicht zu Legenden geworden, hätte Christian Kulik damals bei der Borussia im Mittelfeld nicht die Bälle verteilt, die Fäden gezogen, wie es so schön heißt.

Kulik, der Stammspieler in den drei Gladbacher Meisterschafts-Saisons 1975, 1976, 1977. Der Torschütze zum entscheidenden 3:2 im Uefa-Cup-Endspiel 1980 gegen Eintracht Frankfurt, der DFB-Pokalsieger von 1973 – der wechselte vor fast genau 35 Jahren, im November 1986, in die Südeifel, zum FSV Salmrohr. Mit Gladbach durch die große Welt gereist und dann ins Dörfchen, irgendwo im Nirgendwo? Wieso das denn, bitte? Christian Kulik lacht leise, als er die Frage hört. „Ganz ehrlich? Von Salmrohr hatte ich vorher noch nie gehört. Aber der Klaus hatte mich damals gefragt, und dann habe ich halt einfach mal spontan zugesagt.“

Der Klaus, das ist Klaus Toppmöller. Spieler-Legende in der Pfalz, Trainer-Legende in Bochum, Lebens-Legende in Georgien – jeder kennt ihn, viele schätzen ihn. Seine Karriere, die lässt Toppmöller Ende der 80er im Salmtal ausklingen. „Klaus und ich, wir kannten uns aus der Bundesliga“, erzählt der 68-Jährige. Als der Mann aus Rivenich anruft, hat Kulik seine Profikarriere bei der Borussia bereits beendet, kickt in der Amateuroberliga für Düren 99, hat aber noch Lust auf ein Abenteuer auf dem Dorf. Er sagt zu, und macht sich im Herbst 1986 tatsächlich auf in den kleinen Ort circa 30 Kilometer von Trier entfernt, zieht für die Zeit ins eingangs beschriebene Hotel in der nahegelegenen Kreisstadt Wittlich. „Dass ich tatsächlich nach Salmrohr gegangen bin, war meiner Frau übrigens ziemlich egal. Sie interessiert und interessierte sich überhaupt nicht für Fußball“, sagt Kulik lachend. „Als wir uns kennenlernten, musste ich ihr auch erst mal erklären, was es mit Borussia Mönchengladbach auf sich hat.“

 Legenden unter sich: Christian Kulik (links) und Hennes Weisweiler.
Legenden unter sich: Christian Kulik (links) und Hennes Weisweiler. Foto: imago sportfotodienst/imago sport

Was es mit dem FSV Salmrohr auf sich hat, erlebt Christian Kulik erstmals am 8. November 1986. 2. Bundesliga, 14. Spieltag. Die Macht vom Dorf tritt auswärts bei Viktoria Aschaffenburg an. Stadion am Schönbusch, 3000 Zuschauer. Beim Durchstöbern des damaligen Salmrohrer Kaders dürften Fußball-Nostalgikern vor Begeisterung reihenweise die Schuhe aufgehen: Edgar Schmitt, Wolfgang Kleff, Klaus Toppmöller, Manfred Plath, Hamid Ali-Doosti – und eben Christian Kulik. Der damals 34-jährige Mittelfeldmann kommt für Klaus-Dieter Augst aufs Feld, vier Minuten bevor Schiedsrichter Werner Föckler aus Weisenheim am Sand die Partie abpfeift. Am Ende steht es 2:2. Der siebte Punkt für das Team von Trainer Robert Jung. Bedeutet: Tabellenplatz 20. In anderen Worten: Letzter. „Ja“, sagt Christian Kulik knapp 35 Jahre danach an einem Tag im August 2021, „ja, sportlich war die Zeit in Salmrohr nicht überragend, viel gerissen haben wir nicht“. Aber menschlich, also in Sachen Zusammenhalt, sei das mehr als überragend gewesen. „Was dort von Spielern und Verantwortlichen geleistet wurde, um diesen kleinen Club in die 2. Liga zu führen, das war der Wahnsinn.“ Insbesondere FSV-Langzeit-Präsident Peter Rauen habe Unglaubliches geleistet.

Vier Siege, 13 Unentschieden und 21 Niederlagen heißen unterm Strich – direkter Wiederabstieg. Ein Tor erzielt Christian Kulik für die Südeifeler, beim 2:2 gegen Union Solingen am vorletzten Spieltag. Nach dem Abstieg in die drittklassige Oberliga Südwest bleibt Kulik noch ein paar Monate im Salmtal, verletzt sich dann allerdings schwer und beendet seine Karriere endgültig.

Heute, mehr als 30 Jahre später, genießt er seinen Ruhestand daheim in Kerpen mit Ehefrau und Hund, fährt ab und an nach Spanien. „Ich hätte Ihnen jetzt gerne erzählt, dass ich nach meiner Profizeit noch Karriere als Bauamtsleiter gemachte habe oder so“, sagt er ruhig mit beinahe schelmischem Unterton. „Aber das war so nicht. Ich habe mich um ein paar Immobilien gekümmert, mehr nicht.“ Schließlich habe er ja während seiner Zeit als Spieler auch genug erlebt.

Und was er erlebt hat: Christian Kulik war mittendrin, als Fußballgeschichte geschrieben wurde –gleich mehrfach. Nehmen wir den 23. Juni 1973, den Tag des DFB-Pokalendspiels zwischen den rheinischen Rivalen Borussia Mönchengladbach und 1. FC Köln.

Das Fachmagazin Kicker schreibt später von einem der „besten und spannendsten“ Pokalspiele aller Zeiten. In der Anfangself damals im Düsseldorfer Rheinstadion: Christian Kulik. Nach 90 Minuten steht’s 1:1. Verlängerung. Kulik erinnert sich: „Ich lag in der kurzen Pause zwischen dem Ende der regulären Spielzeit und dem Beginn der Verlängerung auf dem Feld, war völlig fertig. Ich glaube, ich wurde gerade massiert, als plötzlich Günter Netzer vor mir stand.“

 Ziemlich erfolgreiche Truppe: Das Bild zeigt den Kader von Borussia Mönchengladbach zur Saison 1974/1975 mit Meisterschale und Uefa-Cup: Christian Kulik ist der Siebte von links in der hinteren Reihe. Vorne, der linke der beiden Torhüter, das ist Wolfgang Kleff. Auch er spielte einst für den FSV Salmrohr.
Ziemlich erfolgreiche Truppe: Das Bild zeigt den Kader von Borussia Mönchengladbach zur Saison 1974/1975 mit Meisterschale und Uefa-Cup: Christian Kulik ist der Siebte von links in der hinteren Reihe. Vorne, der linke der beiden Torhüter, das ist Wolfgang Kleff. Auch er spielte einst für den FSV Salmrohr. Foto: imago/WEREK/imago sport

Der Mann mit der blonden Mähne, der so oft im Clinch lag mit Borussen-Trainer-Legende Hennes Weisweiler, der hat plötzlich eine kurze aber folgenreiche Frage an seinen Teamkollegen. Kulik: „Günter fragte: ‚Christian, kannst du noch?‘ Daraufhin habe ich ihm geantwortet, dass ich total fertig bin.“ Netzer, der das Spiel bis dahin nur von der Ersatzbank aus verfolgen durfte, wendet sich wortlos ab und geht. „Ich wusste nicht, was er vorhatte. Es war mir in dem Moment auch echt egal, ich habe mir gar nichts gedacht.“ Doch Netzer denkt sich was: Ohne Coach Weisweiler zu fragen, wechselt er sich zu Beginn der Verlängerung selber für Kulik ein, stiefelt aufs Feld – und trifft prompt zum 2:1 für die Borussia, die den Pokal somit an den Niederrhein holt.

„Das war Wahnsinn“, erinnert sich Christian Kulik. Theater habe es nach dem Spiel zwischen Weisweiler und Netzer übrigens keins gegeben, die Freude über den Pokalsieg habe alles überstrahlt. „Außerdem ist Günter wenige Wochen später zu Real Madrid gegangen, da war das mit der Einwechslung auch egal.“

Wäre das nicht der Fall gewesen, glaubt Kulik, hätte es sicherlich nochmal ordentlich gerumst zwischen „dem Alten“ – wie Kulik Weisweiler nennt – und Netzer. „Als Mensch war Hennes nicht einfach“, gesteht sein ehemaliger Spieler. Da habe man häufig schon mal verbal was einstecken müssen. „Wenn er einen nach den Spielen ansprach, und dabei siezte, wusste man schon, was kommt. Dann gab’s was auf die Ohren.“ Sei er dagegen gut drauf gewesen, habe er seine Jungs geduzt.

Über den Trainer Weisweiler jedoch, da könne es keine zwei Meinungen geben: Er sei unglaublich gewesen, eine Legende, betont Kulik. Weisweiler habe den Fußball mit seiner offensiven Spielweise revolutioniert. „Auch wenn wir schon hoch führten, haben wir weiter nach vorne gespielt“, erzählt der 68-Jährige.

„Ich erinnere mich an ein Spiel, das war im Herbst 1971. Wir empfingen mit der Borussia als Vierter zu Hause Tabellenführer Schalke.“ Schon nach einer halben Stunde habe es 4:0 für die Elf vom Niederrhein gestanden. „Aber wir hörten einfach nicht auf, spielten weiter nach vorne.“ Gladbach gewann am Ende 7:0 – so ging Weisweiler-Fußball.

  
  
  
  
  
 Christian Kulik im Jahr 2021.
Christian Kulik im Jahr 2021. Foto: christian Kulik/privat

Sieben Tore hatten die Fohlen auch wenige Tage vor besagtem Schalke-Spiel erzielt – und zwar im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister, der heutigen Champions-League. Womit wir bei einem weiteren ganz großen Moment der Fußballgeschichte wären, den Christian Kulik mitgestaltete, und der sich in wenigen Wochen zum 50. Mal jährt. 20. Oktober 1971: Die Borussia empfängt am heimischen Bökelberg Inter Mailand, das wohl größte europäische Team der damaligen Zeit. Kulik steht in der Startformation. Die Fohlen-Elf spielt die von Giovanni Invernizzi trainierten Italiener an die Wand, führt bereits zur Pause mit 5:1, nach 90 Minuten steht es 7:1 – ein sensationelles Spiel.

Nicht nur wegen des Resultats, viel mehr wegen einer Szene in der 28. Minute. Inters Roberto Boninsegna geht plötzlich zu Boden. Eine Cola-Dose – von den Rängen auf den Platz gepfeffert –  hat den italienischen Nationalspieler getroffen. Boninsegna lässt sich vom Feld tragen, kam nicht mehr zurück. Schauspielerei – finden Zuschauer und Kommentatoren.

Christian Kulik erinnert sich 50 Jahre später: „Wir waren gerade im Angriff. Plötzlich wurde das Spiel unterbrochen, ich drehte mich um und sah, dass da einer auf dem Rasen lag. Das war Boninsegna.“ Er sei direkt hingelaufen, um zu sehen, was los war. „Dass da eine Dose im Spiel war, wusste ich in dem Moment gar nicht und auch, was das für Folgen für uns haben sollte, war mir nicht klar.“

Die Folgen sahen so aus: Das „Büchsenwurfspiel“ wurde aufgrund des Vorfalls von der Uefa annulliert. Die Wiederholungspartie in Berlin endete 0:0, das Rückspiel in Mailand verlor die Borussia mit 2:4 und war somit ausgeschieden.

Übel nehme er Boninsegna die Nummer heute übrigens nicht mehr, betont Kulik: „Das ist für mich gegessen. Ich muss aber auch sagen, dass ich ihn bis heute nicht mehr getroffen habe.“ Er habe vernommen, dass der frühere Stürmer mittlerweile ein Restaurant am Gardasee betreibe. Die größte Enttäuschung seiner Karriere sei das „Büchsenwurfspiel“ ohnehin nicht gewesen, da gebe es eine andere Partie, die ihm bis heute übel aufstoße: das verlorene Finale im Europapokal der Landesmeister im Mai 1977 gegen den FC Liverpool. „Das 1:3 war richtig bitter, das werde ich nie wieder vergessen.“

Noch so ein Stück auf der ganz großen Bühne des internationalen Fußballs, bei dem Christian Kulik zu den Protagonisten zählte…