10 000 Menschen weniger in 20 Jahren

10 000 Menschen weniger in 20 Jahren

Bislang ist für die meisten Menschen der demografische Wandel nur ein Fachbegriff ohne Bedeutung. Doch Schulschließungen und der Abbau von Infrastruktur lassen sich nicht mehr aufhalten. Denn spätestens 2035 hat der Kreis mehr als 10 000 Einwohner weniger als heute.

Wittlich. Vermutlich hat Herwig Birg noch nie im Landkreis Bernkastel-Wittlich einen Vortrag gehalten. Darin macht er meist auf die dramatischen Folgen des demografischen Wandels aufmerksam. Würde er in Wittlich oder Bernkastel-Kues sprechen, bliebe dem Zuhörer wohl nicht mehr übrig, als das bittersüße Resümee zu ziehen: Der demografische Wandel hat auch seine Vorteile. Mittelfristig gesehen können sich die Träger den Ausbau von Kindergärten nämlich sparen. Denn es gibt immer weniger Kinder im Kreis. Selbst in dem Fall, dass die optimistische Prognose für die Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Bernkastel-Wittlich eintritt, den die Damen und Herren des Landesamts ausgerechnet haben.
Bildung: Weil die Zahl der Senioren laut Prognose rapide steigt, wird möglicherweise in ein paar Jahren aus dem einen oder anderen Kindergarten eine Seniorenbegegnungsstätte. Fakt ist, dass heutzutage die Zahl der Menschen bis 20 Jahre ähnlich hoch ist wie die der Rentner. 2050 ist die Zahl der älteren Mitbürger doppelt so hoch wie die der Heranwachsenden. Das ist die Konsequenz aus der Erkenntnis, die Professor Birg so auf den Punkt bringt: "Nicht geborene Kinder können eben keinen Nachwuchs zeugen."
Sorgen müssen sich auch die Menschen in den Dörfern machen, in denen es kleine Grundschulen gibt. Im Landkreis Bernkastel-Wittlich gibt es besonders viele davon.
Im Vergleich mit den anderen Kreisen in der Region hatte der Landkreis zwar im abgelaufenen Schuljahr nicht die meisten Erstklässler. Mit 43 Grundschulen ist der Kreis im Vergleich mit den Nachbarn üppig ausgestattet - auch wenn es an 14 Standorten nicht mal für jeweils eine eigene Klasse pro Jahrgangsstufe reichte.
Viele Standorte werden in wenigen Jahren Geschichte sein. Denn die Zahl der Grundschulkinder ist heute schon viel geringer, als 2006 für den schlechtesten Fall für das Jahr 2020 angenommen worden war.
Im Jahr 2006 gab es 4639 Grundschüler im Kreis. 2009 waren es nur noch 4119. Selbst unter der Annahme, dass die Frauen mehr Kinder bekommen und massenhaft Menschen in den Kreis ziehen, werden es laut Statistischem Landesamt in neun Jahren nur noch 3890 sein. Konsequenzen dar aus werden bislang keine gezogen. Schulschließungen werden so lange wie möglich hin ausgezögert. Das Ergebnis sind Zwergschulen mit drei oder vier Kindern pro Jahrgang.
Infrastruktur: Die Freude über sinkende Kosten für Bau und Unterhalt von Schulen und Kindertagesstätten ist eine trügerische. Denn die sinkende Zahl von Menschen im Landkreis macht das Leben auf dem Land immer teurer. Warum? Der demografische Wandel zeichnet sich dadurch aus, dass er ein schleichender Prozess ist.
Von heute auf morgen werden die Dörfer und Städte nämlich nicht aussterben. Die Bertelsmann-Stiftung hat diesen Prozess unter anderem für Bernkastel-Kues durchexerziert. Ausgehend von einer Bevölkerung von rund 6700 Menschen im Jahr 2006 wird die Zahl der Einwohner im Jahr 2025 auf 6100 sinken. Für die werden jedoch genauso viele Straßen, Leitungen und Kanäle vorgehalten werden müssen wie bisher. Gleich hohe Fixkosten werden also auf weniger Verbraucher und Nutzer aufgeteilt. Die Konsequenz: Wasser-, Abwasser- oder Müllgebühren werden steigen.
Einwohnerzahlen: Das Leben aufgrund des demografischen Wandels wird nicht überall gleich viel teurer. Denn größere Städte haben nicht so stark mit dem Rückgang der Bevölkerung zu kämpfen wie eher ländliche Verbandsgemeinden. Stimmen die Zahlen der Statistiker des Landesamts, nimmt die Zahl der Wittlicher zwischen 2006 und 2020 um gut vier Prozent zu. Im gleichen Zeitraum würde die Zahl der Einwohner der Verbandsgemeinde Neumagen-Dhron um rund zehn Prozent sinken, wenn es die kleinen Verbandsgemeinde an der Mosel noch gäbe.
Baugebiete: Möglicherweise nur in wenigen Dörfern haben die Kommunalpolitiker in die Zahlen des Statistischen Landesamts geschaut. Denn der heute schon bestehende Wohnraum reicht in den meisten Gemeinden aus, um den Bedarf zu decken.
Und trotzdem gibt es noch Baugebiete, in denen Plätze begehrt sind. Wo diese liegen, lässt sich größtenteils an der Landkarte erkennen. Solange es noch finanziell attraktive Arbeitsplätze in Luxemburg gibt, werden Bauplätze in Orten entlang der Autobahn gefragt sein. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist Hetzerath. Innerhalb von zehn Jahren (Ende 1999 bis Ende 2009) wuchs die Zahl der Einwohner um rund sieben Prozent auf gut 2100. Da versteht es sich fast von selbst, dass - die mahnenden Worte Professor Birgs hin oder her - in der Gemeinde kräftig in den Ausbau des Kindergartens investiert werden musste.