660 Kilometer in zehn Stunden

Taubenzüchter sind Einzelkämpfer und zugleich Vereinsmitglieder. Werner Marschinski aus Platten schickt 14-mal jährlich seine Brieftauben mit der Reisevereinigung Bitburg auf große Tour.

Platten. Werner Marschinski ist die Freude anzusehen, wenn er sich mit seinen 80 Tauben beschäftigt. Zwei Taubenschläge, einer davon zwölf Meter lang mit vier Einflugklappen, hat er in seinem großen Garten am Ortseingang von Platten. Seit 1977 wohnt der aus Hemer im Sauerland stammende Marschinski in Platten. Beruflich war er bei Ideal Standard in Wittlich angestellt, hat sogar ein halbes Jahr in Korea gearbeitet. "Aber so oft wie möglich bin ich zu Hause gewesen und habe in all den Jahren nur selten mit der Familie Urlaub gemacht", sagt der 72-Jährige. So sehr liegen ihm die Tauben am Herzen.
MENSCHEN GANZ NAH



Diese Leidenschaft hält seit fast 60 Jahren. "Ich miste jeden Tag die Taubenschläge aus", sagt Marschinski. "Das muss nicht sein, aber ich will, dass meine Tauben gesund bleiben." Jedes der 80 Tierchen trägt einen Fußring mit drei Kenn-Nummern und ist dadurch identifizierbar. 36 davon gehören zu den sogenannten Reisetauben. Das bedeutet nicht, dass Brieftauben in der heutigen Zeit tatsächlich mit Botschaften abgesandt werden. Die Zeiten sind vorbei. Es geht den Züchtern um die Freude, zu sehen, dass die Tiere wieder in ihren Schlag zurückkehren, und um den Wettbewerb, wessen Taube am schnellsten fliegt.
Marschinski hat sich dem Brieftaubenverein Osann-Monzel angeschlossen. Zusammen mit weiteren Vereinen der Region mieten sie in der Brieftaubenreisevereinigung Bitburg gemeinsam mit der Reisevereinigung Trier einen LKW, um die Tiere zum Startort zu fahren, zum Beispiel ins 660 Kilometer entfernte Ruffec in Frankreich.

Bevor das geschieht, "vermählt" Marschinski ein Männchen mit einem Weibchen, lässt die beiden eine Stunde miteinander schmusen. Dann wird das Männchen zusammen mit weiteren Tieren per Käfig zum Ausgangspunkt der Reise transportiert.

"Das ist das Fantastische daran, wenn so ein Tier die 660 Kilometer in zehn Stunden macht und dann in meinen Schlag reinspringt." Oft gewinnen Marschinskis Tauben erste und zweite Plätze bei so einem Wettbewerb. Der Züchter wird über die Rückkehr des Tieres informiert, indem ein Chip am Fuß der Taube den in der Einflugklappe angebrachten elektronischen Empfangssensor aktiviert: Dadurch wird ein Signal zu Marschinski ins Wohnhaus übermittelt. Dann weiß der Taubenzüchter: Meine Taube ist zurück.
Marschinskis Augen strahlen nicht nur, wenn die Tauben zurück sind. Es ist dem Rentner anzumerken: Die 80 Tauben sind mehr als nur ein Hobby, und er weiß: "Wer einmal Taubenzüchter ist, der bleibt es sein Leben lang".
Zum Verband Deutscher Brieftaubenzüchter gehören 64 000 Brieftaubenzüchter in 8000 Brieftaubenzuchtvereinen. Diese haben sich zu Reisevereinigungen zusammengeschlossen, um Wettflüge mit Brieftauben durchzuführen. Die Brieftaubenvereine aus Wittlich, Osann-Monzel, Platten, Brauneberg und weitere gehören zur Reisevereinigung Bitburg. Die wiederum ist zusammen mit den Reisevereinigungen Trier, Völklingen, Merzig, Saarlouis und Schwalbach zum Regionalverband Saar-Mosel zusammengeschlossen. Während bei Brieftaubenzüchtervereinen eher Flugwettbewerbe organisiert werden, geht es bei Rassetaubenzüchtervereinen hauptsächlich um Ausstellungen. Diese sind im Verband Deutscher Rassetaubenzüchter organisiert. ger