77 Stufen führen zum "Klösterchen"

77 Stufen führen zum "Klösterchen"

Hoch über den Dächern der Altstadt von Bernkastel liegt das ehemalige Kapuzinerkloster. Seit 1984 befindet sich im Gebäude das Altenheim "Kloster zur Heiligen Familie", im Volksmund liebevoll das "Klösterchen" genannt, das der TV heute in seiner Reihe "Stadtgeschichten" vorstellt.

Bernkastel-Kues. (mbl) 77 Stufen führen auf der rückwärtigen Seite zum "Klösterchen", die steile Mandatstraße ist der Zugang vom Marktplatz her. Für die alten Menschen und ihre Angehörigen eine Herausforderung, die sie kaum alleine bewältigen können. "Auch wenn ihnen ein elektrischer Rollstuhl zur Verfügung steht, bleibt der Weg in die Stadt ein mühsamer", wie Heimleiterin Christa Schröder berichtet. "Unser großer Wunsch ist ein Aufzug, der an der Außenmauer oberhalb der Treppe angebracht werden könnte", sagt Schröder. So hätten die Bewohner die Möglichkeit, problemlos die Innenstadt zu erreichen. "Dann wären sie nicht mehr so isoliert in ihrem Heim."

Das Kloster zur Heiligen Familie hat 35 Plätze in 27 Einzel- und vier Doppelzimmern. Es gehört zur St. Raphael Caritas Alten- und Behindertenhilfe, Altenzentrum Mittelmosel. Die Bewohner schätzen die familiäre, freundliche Atmosphäre des Hauses. Hier wird noch wie zu Hause am Tisch gedeckt, hier können die alten Menschen Essens-Wünsche äußern. "Der absolute Renner ist Hering mit Pellkartoffeln", verrät Schröder schmunzelnd.

Nicht Heringe, sondern der Rebensaft war es wohl, der Anfang des 17. Jahrhunderts Kapuzinermönche in das für seine vorzüglichen Weine bekannte Städtchen lockte, um an hohen Feiertagen bei Predigten und Beichtehören auszuhelfen. Kurfürst Karl Kaspar von der Leyen schenkte den Patres Mitte des 17. Jahrhunderts Gelände zum Bau eines Klosters über der Stadt, dazu einen Obstgarten. Das nötige Wasser kam aus der Wasserleitung des Schlosses. Im Zuge der französischen Revolution wurde das Kloster 1802 aufgelöst. Ein Jahr später ersteigerte Bürgermeister Anton Cetto Kloster und Garten zum Preis von 1340 Thaler für die Stadtgemeinde Bernkastel. Das Kloster diente als Pfarrhaus, der Garten als Kirchhof, und in der Kirche wurden bei Überschwemmungen der Mosel die Gottesdienste gehalten.

Im 17. Jahrhundert lehrten die Klosterbrüder die Bernkasteler das Latein. 1857 fiel das Gebäude einer Brandstiftung zum Opfer. Der finanziellen Unterstützung von Jodocus Prüm aus Wehlen ist es zu verdanken, dass das Kloster 1870 wieder aufgebaut wurde zu einem "katholischen Waisenhaus, Kleinkinder-Verwahranstalt, katholischem Krankenhaus" unter der Obhut der Dernbacher Ordensschwestern. Später wurden hier Altersschwache versorgt und junge Mädchen in die Kunst des Nähens und Handarbeitens eingeführt. Nach dem Krieg waren zwei Klassen des Gymnasiums und später die Handels- und Berufsschule hier untergebracht.

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