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"Ab null Grad setze ich die Pelzmütze auf"

"Ab null Grad setze ich die Pelzmütze auf"

Wer zu Bett geht, zieht sich aus — normalerweise. Gunhild Neußer aus Wolf hingegen zieht sich warm an, wenn sie in die Federn steigt, denn ihre Schlafstätte befindet sich auf dem überdachten Balkon. Die vitale Seniorin nächtigt bei Wind und Wetter, Sturm, Regen und eisigen Minusgraden im Freien. "Seit zwei Jahren habe ich kein Schlafzimmer mehr betreten", erklärt sie lachend.

 Katzendame „Rocky“ macht sich schon über das Frühstück direkt aus der Dose her, während Frauchen Gunhild Neußer noch mit der warmen Pelzmütze im Freiluftbett liegt. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz
Katzendame „Rocky“ macht sich schon über das Frühstück direkt aus der Dose her, während Frauchen Gunhild Neußer noch mit der warmen Pelzmütze im Freiluftbett liegt. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz

Traben-Trarbach/Wolf. (GKB) Vor drei Jahren entdeckte sie, wie wohltuend der Schlaf an der frischen Luft ist. Damals allerdings stieg sie nur im Sommer in das Freiluftbett und amüsierte sich, wenn ihr Lebensgefährte Ernst Kammrath sie damit aufzog, dass doch nur Obdachlose draußen schlafen. Als ihr Partner starb, verwaiste das Doppelbett vollends, denn Gunhild Neußer hielt es nun auch im Winter nicht mehr in der Stube. Die pensionierte Lehrerin, die in Neuwied geboren wurde und seit 1970 an der Mosel lebt, rüstete ihre Schlafstatt auf: Warme Bettwäsche, ein extradickes Federbett, Woll- und Heizdecke, die eine Stunde vor dem Zubettgehen das Lager erwärmt, Hüttenschuhe und ein warmer Pulli über dem Schlafanzug machen den Schlaf im Freien kuschelig. "Ab null Grad setze ich die Pelzmütze auf", sagt sie und lacht. Eine Nachttischlampe benötigt sie nicht, denn zwei Straßenlaternen sorgen für viel Licht. Das störte sie anfangs beim Schlafen, aber nun hat sie sich daran gewöhnt und schätzt den Vorteil: "Ich kann sogar im Bett lesen." Den Nachbarn ist der direkte Blick ins Bett verwehrt, denn eine große Konifere steht vor dem Balkon. Marder und Mäuse haben keine Chance: Auf dem Stuhl neben Gunhild Neußers Schlafstatt bewacht nämlich Adoptivkatze "Rocky", eine muntere Dame im schicken grauen Pelz, jede Nacht ihr Frauchen pflichtbewusst. Beide hören oft die Füchse bellen, ansonsten kann Gunhild Neußers Schlaf aber durch nichts erschüttert werden. Regen und Gewitter und das morgendliche Glockengeläut werden ignoriert. "Ich lege mich hin und bin nach 15 Minuten eingeschlafen."Wenn sie morgens aus den Federn steigt, geht es erst mal unter die heiße, dann die kalte Dusche, und qualvoll wird es für die Seniorin nur, wenn sie auf Reisen ist. Als sie unlängst in Leipzig war, seufzte sie beim Anblick des Hotelbettes. Lieber hätte sie ihr Lager auf dem Augustus-Platz vor dem Gewandhaus aufgeschlagen. Der Freiluftschlaf sorgt bei Gunhild Neußer für einen klaren Kopf und frische Energie. "Ich brauche keinen Arzt und keine Grippeimpfung", sagt sie und wenn ihre Bekannten, mit denen sie alle 14 Tage Hausmusik macht, angesichts zweistelliger Minusgrade entgeistert fragen, ob sie denn immer noch draußen nächtige, dann entgegnet sie vergnügt: "Das ist doch mein Schlafzimmer."