1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Abhängigkeit bei Jugendlichen und Kindern: Fachleute informieren in Wittlich

Abhängigkeit bei Jugendlichen und Kindern: Fachleute informieren in Wittlich

Aktuell steigt die Zahl junger Patienten, die wegen vermutetem Drogenmissbrauch im Wittlicher Krankenhaus behandelt werden. Dort hat sich die Kinderschutzgruppe Känguruh gegründet, um auf das hohe Gesundheitsrisiko, das auch von legalen Kräutermischungen ausgeht, hinzuweisen. Sie hat Fachleute zum Thema Abhängigkeit eingeladen.

Wittlich. "In Wittlich kommt man an alles ran!" Stadtpark oder Busbahnhof seien bekannt als Plätze für Drogengeschäfte, die auch mit Minderjährigen gemacht werden. Das ist eine Aussage von Experten, die die Kinderschutzgruppe Känguruh des Wittlicher Krankenhauses eingeladen hat. Sozialarbeiter, Mediziner, Mitarbeiter von Wohlfahrtsorganisationen, Eltern und Großeltern kamen ins Jugendheim St. Bernhard, um sich bei ihnen über Suchtprobleme bei Kindern und Jugendlichen zu informieren. Eine Polizistin, ein Sozialpädagoge und eine Psychotherapeutin sprachen über Hintergründe, Auswirkungen und Anzeichen von Abhängigkeit.
Gefordert wird ein Verbot von Glücks- und Online-Rollenspielen für Kinder. Die Fachleute warnen auch vor der Gefährlichkeit der leicht erhältlichen sogenannten Legal Highs (legale, aber gefährliche Kräutermischungen). Diese im Internet angebotenen Stoffe beunruhigen Oberärztin Andrea Jehn von der Kinderschutzgruppe Känguruh: "Kaum einer der jugendlichen Käufer weiß um das hohe Gesundheitsrisiko." Der TV fasst die Schwerpunkte der Info-Veranstaltung zusammen.

Andrea Jehn, Kinder- und Jugendärztin am Wittlicher St. Elisabeth Krankenhaus, erwartet gegenüber 2011 in diesem Jahr fast eine Verdopplung der bestätigten Fälle, bei denen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren im Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich behandelt wurden. "2011 hatten wir 23 Fälle. Seitdem hat sich das kontinuierlich gesteigert", erzählt sie.
2012 gab es 28, vergangenes Jahr 34 Fälle. In den ersten drei Quartalen 2014 waren es bereits 30. Etwa genauso oft könne man einen vermuteten Drogenmissbrauch nicht nachweisen. Der Großteil der bestätigten Fälle gehe auf Alkohol zurück. "Aber es gibt aber auch einige Fälle von Cannabis, Kräutermischungen und Amphetaminen", sagt Jehn. Saisonale Häufungen stelle man dabei nicht mehr fest. Zu Fastnacht, der Säubrennerkirmes oder dem Oktoberfest griffen wohl die strengeren Kontrollen, vermutet die Oberärztin.
Kriminalhauptkommissarin Heike Raskob sagt zum frühen Einstiegs alter: "Wir machen oft die Erfahrung, dass sich die Eltern gar nicht vorstellen können, dass ihre Kinder so etwas machen." Dass 13-Jährige im Zusammenhang mit Rauschgift aufgegriffen würden, sei "keine Seltenheit", so die Leiterin des Sachgebiets Jugendkriminalität.
Dabei sei insbesondere der Konsum der Legal Highs wie Russisch Roulette. "Die, die das zusammenmixen, interessiert die Dosierung weniger", sagt Raskob. Ähnlich sei es bei den bei Jugendlichen beliebten Amphetaminen. Sie rät, die Frage zu klären: "Ist mein Kind für Drogen empfänglich?"
Und: "Man muss sein Kind selbstbewusst machen, damit es Nein sagen kann. Die größte Anzahl der Drogenkonsumenten sind Schulversager. Kinder brauchen Anerkennung und Bestätigung." Als Anzeichen für Drogenkonsum nennt Raskob gerötete Augenbindehaut, verengte oder erweiterte Pupillen, auffällige Gesprächigkeit oder Schweigsamkeit. Beim Schniefen von Kokain, Speed, Crystal oder Heroin werden zudem die Nasenschleimhäute verletzt. Konsumenten ziehen ständig die Nase hoch.

Sozialpädagoge Ralph Dobberke erläutert: Sucht entstehe, wenn eine unerträgliche Situation ausgehalten werden müsse, bei Jugendlichen sei das oft Einsamkeit. Bei Drogen, die Zellgifte sind wie Alkohol oder Nikotin, gebe es aber oft körperliche Barrieren wie Übelkeit. Abhängigkeiten seien nicht nur stoffgebunden. Dobberke: "Jedes Verhalten kann Suchtcharakter annehmen." Und: "Jeder ist bestrebt, sein eigenes Verhalten als normal darzustellen. Wir glauben, uns passiert das nicht." So rutsche man schnell in die Abhängigkeit.

Psychotherapeutin Ruth Knecht sprach über Internet-Sucht: Wer mehr als 30 Stunden wöchentlich nur zum Zeitvertreib online sei, könne als internetsüchtig bezeichnet werden. Internetsucht habe ähnliche Auswirkungen wie andere Abhängigkeiten: "Die Betroffenen sind gedanklich und emotional eingeschränkt und nur auf die Befriedigung ihrer Sucht fixiert. Schnell tritt ein Kontrollverlust ein." Im Internet vergessen die Konsumenten die Zeit, aber auch Alltägliches wie die tägliche Körperhygiene.
"Ich habe eine Mutter kennengelernt, die sagte, sie könne nicht mehr ins Obergeschoss gehen, weil ihr Sohn dort sein Zimmer habe, der sich nicht mehr wusch", erzählt Knecht von einem Extremfall. Sie sagt auch: "Glücks- und Online-Rollenspiele haben hohes Suchtpotenzial und sollten für Kinder verboten werden." Internetsüchtig seien oft junge Menschen, denen es schwerfalle, in der realen Welt soziale Kontakte zu knüpfen. In manchen Familien werde zudem viel virtuell kommuniziert. Je früher Lernerfahrungen mit PC-Spielen gemacht würden, desto größer sei die Gefahr. "Man darf die Gefahr, abhängig zu werden aber nicht unterschätzen - auch bei Rentnern", sagt Knecht.Extra

Drogen sind heimtückisch. Die Stoffe täuschen dem Gehirn etwas vor. Zum Beispiel Glück. Oder, dass man nicht mehr müde wird. Das kann gefährlich sein. Wenn zum Beispiel jemand meint, die ganze Nacht tanzen zu können, aber irgendwann zusammenbricht und ins Krankenhaus muss. Und es kommt noch schlimmer! Das Gehirn gewöhnt sich ganz schnell an diese Stoffe und will diese immer wieder. Bekommt es sie nicht, tut das weh. Man wird abhängig. Kinder und Jugendliche werden sogar noch schneller süchtig als Erwachsene. Aufhören ist dann ganz schwer. teuExtra

Suchtberatung Caritas, Kurfürstenstraße 6, 54516 Wittlich, Telefon 06571/915516, Internet: www.caritas-wittlich.de . Lebensberatung des Bistums Trier, Kasernenstraße 37, 54516 Wittlich, Telefon 06571/4061, E-Mail: lb.wittlich@bistum-trier.de.Diakonisches Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach, Telefon 0651/20900-47/-57/-58, Internet: www.ekir.de/trier/839.0.html . teu