Vor 125 Jahren fuhren zwei Automobilpioniere mit einem Benz Motorwagen vom böhmischen Reichenberg an die Mosel. Die 939 Kilometer lange Reise gilt als erste internationale Autofernfahrt der Geschichte.

Geschichte : Mit drei PS von Böhmen ins Moselland

Vor 125 Jahren fuhren Automobilpioniere mit einem Benz-Motorwagen vom böhmischen Reichenberg an die Mosel. Die 939 Kilometer lange Reise gilt als erste internationale Autofernfahrt der Geschichte.

In den Anfangstagen des Kraftverkehrs waren längere Reisen im Automobil ein abenteuerliches Unterfangen. Zu den ersten mutigen Pionieren, die eine große Fahrtstrecke in einer frühen Benzinkutsche zurücklegten, gehört die berühmte Erfindergattin Bertha Benz. Sie fuhr im August 1888 mit einem Benz Patent-Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim und schrieb damit ein bedeutendes Kapitel der Automobilhistorie.

Wenige Jahre später trat der Unternehmer Theodor Baron von Liebieg am 16. Juli 1894 mit dem Nachfolgemodell des von Carl Benz konstruierten Patent-Motorwagens eine aufsehenerregende Fernreise vom damaligen Königreich Böhmen ins preußische Moselland an. Diese sollte als erste internationale Autofernfahrt der Welt in die Geschichte eingehen.

Der mehrtägige Trip führte den 22-jährigen Spross einer wohlhabenden Industriellenfamilie mit seinem Begleiter Franz Stransky von der Stadt Reichenberg (heute Liberec/Tschechien) in die Moselgemeinde Gondorf, heute Kobern-Gondorf. Bei der 939 Kilometer langen Autotour handelte es sich jedoch um alles andere als eine Spazierfahrt. Denn zum einen waren die beiden Automobilisten durch die offene Bauart ihres drei PS starken Benzwagens vom Typ „Victoria“ allen Witterungen schutzlos ausgesetzt. Zum anderen ließ der Fahrkomfort auf den unbefestigten oder bestenfalls gepflasterten Straßen häufig zu wünschen übrig.

Zu den alltäglichen Herausforderungen gehörten ferner ein verstopfter Vergaser, verstellte Zündkontakte oder lose Radmuttern. Getankt wurde seinerzeit noch an Apotheken oder Drogerien.

Auch Bertha Benz hat sich auf ihrer 106 Kilometer langen Fahrt von Mannheim nach Pforzheim in einer Apotheke mit Ligroin (Leichtbenzin, hauptsächlich Pentan, Hexan und Heptan) versorgt. Der Spritverbrauch des Benz Victoria lag mit rund 21 Litern pro 100 Kilometern im Vergleich zu heutigen Maßstäben sehr hoch. Weitaus höher fiel der Wasserbedarf des offenen Kühlsystems von bis zu 150 Litern auf 100 Kilometer aus.

Trotz kleinerer Schwierigkeiten verlief die historische Fahrt bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,6 Stundenkilometern äußerst zufriedenstellend für die Passagiere. Im Rahmen der sechstägigen Reise besuchten die Fernfahrer am 20. Juli auch den legendären Automobilerfinder Carl Benz in Mannheim. Zwei Tage später erreichten sie auf der letzten Reiseetappe das anvisierte Fahrtziel Schloss Liebieg in Gondorf, wo sie sich einen Monat lang aufhielten. In dieser Zeit unternahm das Duo einige Ausflüge mit dem Benz Victoria, darunter auch nach Reims in Frankreich.

Am 22. August begann die neuntägige Rückreise nach Reichenberg. Inklusive ihrer Ausflugsfahrten legten die böhmischen Autotouristen in jenem Sommer rund 2500 Kilometer zurück – ein beachtenswerter Beweis für die Qualität des Kraftwagens.

Von Liebieg und sein Begleiter genossen ihre Rundfahrt so sehr, dass sie die Tour im Jahre 1895 erneut antraten. Dieses Mal gelangten sie auf einer kürzeren Route bereits innerhalb von vier Tagen nach Gondorf. Auf dem Rückweg statteten sie Carl Benz erneut einen Besuch in Mannheim ab. Benz erinnerte sich später: „Mein Viktoriawagen und der Baron – das waren Freunde, die einander verstanden und aufeinander abgestimmt waren wie zwei Stimmgabeln.

Auf großen und weiten Reisen haben diese beiden Freunde ihren Viktoriaruf hinausgeknattert in die aufhorchende Welt und trugen sehr viel zur Popularisierung des Kraftwagens bei.“ Durch seine engagierten Aktivitäten entwickelte sich Liebieg einst zu einem wichtigen Botschafter für das Automobil. Darüber hinaus nahm er für Benz erfolgreich an großen Automobilwettbewerben teil. So siegte er unter anderem mit einem 8-PS-Wagen beim ersten internationalen Rennen in Wien im Jahre 1899.

Mehr von Volksfreund