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Albert-Schweitzer-Familienwerk übernimmt ehemaliges Hotel in Bernkastel-Kues

Gesellschaft : Großes Haus für eine große Familie

Das Albert-Schweitzer-Familienwerk bietet voraussichtlich ab Mai jeweils sieben vernachlässigten Kindern und Jugendlichen in einem ehemaligen Hotel in Bernkastel-Kues eine Bleibe.

Ob sich Nikolaus Cusanus und Albert Schweitzer verstanden hätten, wenn sie zur gleichen Zeit gelebt hätten? Der Gesprächsstoff wäre ihnen wahrscheinlich nicht ausgegangen. Hier Cusanus (1401-1464), der Kardinal, Philosoph und Mathematiker, dort Schweitzer (1875-1965), der Arzt, Philosoph, Theologe, Organist und Musikwissenschaftler. Beide mit einer Vita, wie sie nicht viele Menschen aufweisen können. An der Mosel könnte bald eine neue Verbindung zwischen den beiden bedeutenden Männern der Geschichte entstehen. Cusanus stiftete seinem Geburtsort Kues bereits vor mehr als 550 Jahren ein Altenheim, unter Schweitzers Namen wird voraussichtlich im Mai eine Familiengruppe beziehungsweise Familienstelle in das ehemalige Hotel Panorama im Kueser Rebschulweg einziehen.

Und so sieht das Projekt des Albert-Schweitzer-Familienwerks aus: Zwei Personen, die sogenannten Hauseltern, leben mit bis zu sieben Kindern und Jugendlichen in einem Haus zusammen. „Das Aufnahmealter reicht von 0 bis 13 Jahren“, berichtet Manuela Schettler, die beim Familienwerk für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Spätestens mit 18 Jahren verlassen sie dann wieder das Haus. Aufgenommen und betreut werden traumatisierte, entwicklungsverzögerte, verhaltensauffällige und/oder vernachlässigte Kinder und Jugendliche. Häufig seien die Eltern drogenabhängig, berichtet Schettler. Die Hauseltern, in der Regel Erzieher mit Berufserfahrung, und weitere pädagogische Mitarbeiter sollen ihnen Orientierungshilfe, Sicherheit geben und sie durch die ersten Jahre des Lebens begleiten. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern bleibe. Bessere sich deren Situation, sei natürlich auch gewollt, sie wieder in deren Obhut zu geben.

Solche Familiengruppen gibt es in ganz Deutschland. Zwei davon gibt es bisher in Rheinland-Pfalz, eine im Westerwald, eine in der Pfalz. Bis 2030 will das Familienwerk, das hierzulande seinen Sitz in Diez an der Lahn hat, in jedem Kreis vertreten sein. „Der Bedarf steigt rasant“, sagt Manuela Schettler.

Die Konstellation in Bernkastel-Kues sieht nach Auskunft der Fachfrau so aus: Der Herbergsvater hat das seit Jahren leerstehende Haus gekauft und vermietet es an das Familienwerk. Das zahlt zusätzlich die Gehälter. Es speist sich aus den Geldern, die das Gesetz für solche Aufgaben vorsieht sowie aus Spenden und Mitteln aus Stiftungen. So können zum Beispiel Richter Geldstrafen von Verurteilten an das Familienwerk leiten.

Derzeit werde das Haus renoviert, berichtet Schettler. Dann entscheide das Landesjugendamt über die Betriebserlaubnis, sagt Mike D. Winter von der Presseabteilung der Kreisverwaltung. Das Jugendamt des Kreises sei in den Prozess eingebunden, habe aber keine Entscheidungsbefugnis. Nach Erteilung der Betriebserlaubnis schließe es aber mit dem Träger Vereinbarungen ab – zum Beispiel über die zu erbringenden Leistungen und das Entgelt.

Wie ist das Familienwerk an die Immobilie gekommen? Es suche ständig nach Häusern und sei in einer Anzeige auf das ehemalige Hotel gestoßen. Die wichtigste Voraussetzung. „Ein für uns passendes Haus muss mindestens 14 Zimmer haben“, sagt Schettler.

Wie sieht die Stadt Bernkastel-Kues das Projekt? Der Staat sei in der Pflicht benachteiligten Kindern zu helfen. „Deshalb sind solche Modelle gut“, sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port. Er hoffe auf ein gutes Miteinander.