Alle sechs Sekunden ein Lastwagen

WITTLICH-WENGEROHR. Gut Ding will Weile haben? Für die Anwohner der Bernkasteler Straße in Wengerohr weilt es schon zu lange. Seit Jahrzehnten ist eine Ortsumgehung für die Straße im Gespräch, durch die inzwischen jeden Tag 15 000 Fahrzeuge rollen. Ende des Jahres sollen drei Viertel der Strecke fertig sein. Die Umgehung kostet elf Millionen Euro.

16.30 Uhr, Feierabend-Verkehr, ein Lastwagen rollt nach dem anderen am Küchenfenster der Familie Berens vorbei. Gespräche fallen schwer, man versteht sein eigenes Wort kaum, in den Schränken vibrieren die Gläser, auf der Fensterbank bildet sich ein dichter Staubfilm. "Unsere Fenster sind immer dreckig, egal wie oft ich putze", sagt Edeltrud Berens. Für ein paar Wochen waren die Anwohner von Lärm und Schmutz verschont, weil die Bernkasteler Straße saniert, und der Verkehr durch die Eifeler Straße umgeleitet wurde (der TV berichtete). "Das war schön. Die ganze Nachbarschaft hat aufgeatmet. Und dann hatten wir von jetzt auf gleich wieder das ganze Programm", sagt Peter Berens. Anwohner fürchten: "Es geht nicht richtig weiter"

Ihren Nachbarn geht es nicht besser: "Ich mache mir keinen Kummer mehr, wer mal nach mir in unserem Haus wohnen wird", sagt Elisabeth Nicolai. Die 83-Jährige leidet sehr unter dem Verkehrslärm: "Wir haben ja hier die reinste Autobahn vor der Haustür." Ihr Haus hat bereits Risse von den Erschütterungen durch den Schwerlastverkehr. Verwandte würden ihr raten umzuziehen. "Aber ich habe es mir hier gemütlich gemacht und Wurzeln geschlagen", sagt Nicolai. Als sie 1949 mit ihrem Mann in das Haus einzog, war die Bernkasteler Straße noch eine enge Dorfgasse, über die Kühe getrieben wurden. Heute brausen dort nach einer Bundesverkehrszählung tagtäglich 15 000 Fahrzeuge (siehe Extra) vorbei. Statistisch bedeutet das: alle sechs Sekunden ein Fahrzeug. Entlastung wird erst die Ortsumgehung bringen. Eine Wirtschaftsweg-Überführung dafür ist bereits fertig. "Da steht das arme Brücklein nun allein, es geht irgendwie nicht richtig weiter", fürchtet Berens - wie so viele der lärmgeplagten Nachbarn. Kein Wunder: Schließlich ist die Ortsumgehung schon Jahrzehnte im Gespräch, aber mit der Umsetzung wurde erst vergangenes Jahr begonnen. Inzwischen kursiert sogar schon das Gerücht, die für 2010 geplante Fertigstellung müsse um ein Jahr verschoben werden. "Nein, nein", sagt Ortsvorsteher Theodor Brock und bestärkt: "Spätestens 2010 ist die Umgehung fertig." Warum es mit der Ortsumgehung so lange gedauert hat, obwohl das Projekt immer als dringlich eingestuft wurde, liegt für Berens auf der Hand: "Die so genannte kleine Ortsumgehung war der größte Fehler, den sie machen konnten. Seitdem steht das Altdorf doch auf dem Abstellgleis." Bei der kleinen Ortsumgehung wurden 1978 zwei Unterführungen unter der Bahnlinie gebaut. "Dadurch wurden nicht die Anwohner entlastet, sondern die Autofahrer, die dann nicht mehr bis zu einer halben Stunde wegen der Züge warten mussten", erklärt Hans Gass, der bis zu seiner Pensionierung Amtsleiter des Wittlicher Verkehrsamts war und unter anderem auch mit der Projektierung der Ortsumgehung beauftragt war. Diese "kleine Ortsumgehung" ist auch seiner Einschätzung nach der Grund, warum die wirkliche Ortsumgehung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Gass: "Solche Provisorien sind der Feind endgültiger Lösungen." Befürworter dieser kleinen Ortsumgehung waren seinerzeit die Verantwortlichen bei der Stadt. Das Prinzip: Nachdem die Auto- und Lastwagenfahrer erst mal mit der "kleinen Lösung" beruhigt worden waren, war die große Ortsumgehung eben nicht mehr ganz so dringlich. Schließlich hatte sich damit die Zahl der Leidtragenden auf die paar Anwohner in den gut 20 Häusern links und rechts der Bernkasteler Straße reduziert. Gass: "Die Ortsumgehung wurde dann erst wieder Ende der 80er-Jahre im Zusammenhang mit der B 50 neu aktuell." Dieses Jahr fließen zweieinhalb Millionen Euro in das Projekt. Dafür sollen drei Viertel der 4,5 Kilometer langen Umgehungsstrecke und zwei weitere kleine Brücken gebaut werden. Für 2008 steht die Überführung der Bahntrasse an. Insgesamt kostet die Ortsumgehung elf Millionen Euro.