Alles im Lott

RAVERSBEUREN. Die Lott, das ist das etwas andere Festival: Da steht Jung-Punk neben Alt-Hippie und "Normalo". Entsprechend bunt ist auch die Musik – am Wochenende lockte die Lott rund 5500 Musikfans nach Raversbeuren.

Impressionen von der Lott: Ein Siebenjähriger tollt über die nasse Wiese. Vielleicht ist er Festival-Neuling. Seine Mutter ist es nicht. "Der Kleine wurde hier gezeugt", sagt sie, ohne dass man sie danach gefragt hätte. Ein langmähniger Mittvierziger im bunten Flicken-Outfit bringt Mini-Gitarren unter die Leute. Andere brutzeln "indianische Pfanne" nach Hopi-Rezept oder verkaufen Batik-Tücher, geschnitzte Amphibien und afrikanische Holz-Masken. Gleichzeitig tanzt eine Gruppe Jugendlicher bierwild zum dreckigen Rock der "Fyredogs". Weiter oben auf der Wiese trägt ein Typ mit Stahlhelm eine Botschaft spazieren. Auf dem Transparent vor der Brust vergleicht er provokativ Bush mit Hitler. "Adolf B." hat er sich auf den Helm gemalt. Nein, die "Lott" ist kein politisches Festival. Es geht nicht ums Missionieren, sondern ums Feiern, eine Brücke über die mühevoll geschaufelten Generations-Gräben. Aber es ist ein Festival mit Haltung. Sonst hätte es die Jahrzehnte seit der Erstauflage 1977 wohl kaum schadlos überstanden. Eher alternativ als konventionell, eher bunt als schwarz-weiß, eher individuell als Mainstream. Rund 5500 Zuschauer kamen am Wochenende wieder aufs Gelände bei Raversbeuren. Im vergangenen Jahr waren es ein paar Hundert mehr. Aber das sei kein Beinbruch, findet Jürgen Moog von der Lott-Gesellschaft: "Wir müssen nicht immer noch einen draufsetzen. Wir sind sehr zufrieden", sagt der Traben-Trarbacher. Übliche Begleiterscheinungen von großen Festivals wie Schlägereien gibt es beim Hunsrück-Woodstock kaum einmal. So erntet man beim 47-jährigen Moog nur einen ungläubigen Blick, wenn man ihn fragt, ob ihn schon mal der Festival-Überdruss gepackt hätte. Lott-Müdigkeit? So was kenne er nicht. In jedem Jahr haben die 140 Mitglieder der Lott-Gesellschaft (zumindest die vielen aktiven) dabei reichlich Arbeit. Bands auswählen und buchen etwa, die große Bühne aufbauen, für die Infrastruktur sorgen - und nicht zuletzt drei Tage lang abbauen. Nachwuchs soll später mit eigenen Kindern kommen

Die Lott braucht keine ganz großen Namen, um Tausende Besucher anzuziehen. Viele kommen einfach, weil Lott-Wochenende ist. Weil das Bier nur halb so viel kostet wie bei manchen anderen großen Open Airs. Und weil die Bands vielleicht nicht übermäßig bekannt sind, aber erfahrungsgemäß gut. Zumal es immer positive Überraschungen gibt. Wie diesmal "Lampshade". Nach dem Konzert am Freitagabend haben die beiden bezaubernden Sängerinnen trotz halber Sintflut gut mit dem Verkauf von CDs und Postern zu tun. Am Samstag begeistert - bei deutlich besserem Wetter - die französische Ska-Band "Babylon Circus". "Wir wollen abwechslungsreich sein", sagt Moog. Schließlich sollen alle auf ihre Kosten kommen - die Lott-Urgesteine, die zumindest die "40" deutlich hinter sich gelassen haben, aber auch der Nachwuchs. Denn der soll wiederkommen. Später auch mit eigenen Kindern.

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