Als die Tallinger vom Backsteinfieber befallen waren
Not macht erfinderisch. Diese Volksweisheit galt in besonderem Maße in den entbehrungsreichen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Tallinger sich auf unkonventionelle Weise Baumaterial besorgten.
Talling. (red) Als die Amerikaner Anfang 1945 die Hunsrückhöhen eroberten, war Helmut Müller gerade 15 Jahre alt. Er hatte schon den Einberufungsbefehl für die Wehrmacht in der Tasche, konnte sich jedoch drei Tage im Haardtwald verstecken, bis der Spuk vorbei war und die Amerikaner ostwärts weiterzogen.
Alsbald wurde das Rheinland zur französischen Besatzungszone erklärt. Die Bevölkerung der Mark Thalfang war hierüber nicht besonders erfreut, da die neuen Herren allerhand Requirierungen und sonstige Repressalien im Schilde führten.
Doch nun zum eigentlichen Thema, den Backsteinen. Die deutsche Wehrmacht hatte vor dem Krieg eine Fernmeldeleitung von Zerf nach Koblenz verlegt.
Da verschiedene Tallinger bei der Verlegung des Kabels mitgeholfen hatten, wussten einige über deren Lage im Hardtwald genau Bescheid. Sie wussten jedoch nicht, dass die französische Armee die Leitung erneut in Betrieb genommen hatte. In jener Zeit herrschte ein enormer Mangel an Bedarfsgütern insbesondere Baumaterial. So hieß es ab sofort in Talling: "Jetzt werden Backsteine gegraben und nach Hause geschafft!" Hierzu muss man wissen, dass das Kabel mit Ziegelsteinen im Querformat abgedeckt war, wodurch sich pro laufendem Meter acht Steine ergaben.
Wahrscheinlich wäre die ganze Sache im Sande verlaufen, hätte nicht einer ein Stück des Kabels abgehackt. Die Telefonverbindung riss ab und die Franzosen kamen den Übeltätern auf die Schliche. Eine Abordnung des Militärs verhaftete sie. Ein Lastwagen, eskortiert von zwei Motorrädern, transportierte die ganze "Bagage" nach Bernkastel. Das von dort verkündete Urteil schlug wie eine Bombe ein: "Sabotage!" hieß es. Die Reise ging direkt nach Koblenz: ins Gefängnis auf der Karthause. Zwei Minderjährige wurden sofort entlassen.
Ein zufällig in Richtung Heimat fahrender "Holzvergaser" nahm die beiden mit, und sie gelangten über Umwege glücklich nach Hause.
Erst nach cirka drei Wochen, nachdem das Urteil der Sabotage auf Diebstahl umgewandelt wurde, konnten die Tallinger wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren.
Während der evangelische Pfarrer sich tatkräftig für die Freilassung der Leute aus Talling einsetzte, spielte der damalige Amtsbürgermeister dahingehend eine mehr oder weniger unrühmliche Rolle. Er verleugnete dieselben und weigerte sich, den "Dieben" irgendwelche Unterstützung zukommen zu lassen. Die Tallinger bestraften ihn später dadurch, dass sie aus Protest gegen ihn bei einer Einweihungsfeier geschlossen den Saal verließen.
Viele Märker haben das Verhalten der Tallinger immer mit leichter Schadensfreude kommentiert. Doch ich würde sagen: "Nehmt es von der lustigen Seite und seht es unter den rauen Bedingungen der Nachkriegszeit."
Diese Episode stammt von Horst Fetzer aus Thalfang unter der Mithilfe von Helmut Müller aus Talling.