Alte Masche, neue Freunde

Schick in Strick und selbst Genähtem: Kreisweit steigt das Interesse an Handarbeit auch bei jungen Menschen. Nicht nur Näh-, Häkel-, Strick- oder Filzkurse sind wieder gefragt, auch das Rohmaterial vom Stoff bis zur Wolle, das vor Ort eingekauft wird.

Bernkastel-Wittlich. Eira Visapää trägt immer etwas Weiches am Körper. Kein Wunder: Seit rund 30 Jahren betreibt sie in Wittlich ein Woll-Lädchen. Da wird Wolle befühlt, gewogen, Farbtöne werden begutachtet, Muster bewundert. Dazu zeigt und erklärt die 65-Jährige, wie aus einem Faden Hausschuh, Tasche oder Kleid werden. Und es scheint zu stimmen, was im Geschäft zu lesen ist: "Stricken ist Yoga für die Seele". Vor der Kasse warten Handarbeitsfreunde mit zufriedenem Gesicht, um Geld für ihr Material auszugeben. Eine 39-Jährige mit Tochter steht am Ende der kleinen Schlange und ist froh mit ihrem neuesten Knäuel. Sie sagt: "Mit 20 hatte ich für so was keine Zeit. Jetzt habe ich vor zwei Jahren mit Socken angefangen und auch Schals, Mützen, Filzschuhe gemacht. Und hier im Geschäft können wir immer so nett reden."
"Ja, hier dreht sich alles nur um Wolle, und das macht glücklich", sagt Eira Visapää. Sie sagt auch: "Das Publikum hat sich verjüngt. Es gibt jetzt Kinder, die das Häkeln entdeckt haben. Auch werden auffallend mehr Accessoires gemacht wie Mützen und Schals." Das ist was für Einsteiger, etwa Teenager: "Die kommen, wenn sie das erste Mal verliebt sind und dem Freund was stricken wollen."
Andere setzen auf andere Nadeln: Seit Jahrzehnten gibt es in Wittlich das Knode Nähzentrum Pfaff. Christel Kinzinger arbeitet rund 30 Jahre dort. Nicht nur die Stoffe sind gefragt: "Bei unseren Nähkursen ist die Nachfrage so groß, dass wir die Interessenten nicht alle unterkriegen. Das war früher weniger."
Der Kundenstamm habe sich gewandelt. Christel Kinzinger: "Früher kamen viele, die Schneiderin gelernt und mehr Kleidung genäht haben. Heute kommen auch junge Mädchen. Mittlerweile ist das ein Hobby, und es werden mehr Accessoires genäht wie Handy-Taschen, Schals und solche Dinge."
Dieses Interesse bestätigt Maria Stuff, Volkshochschule Bernkastel-Kues: "Seit zwei Jahren bieten wir Nähkurse, aktuell haben wir sie verdoppelt, so nachgefragt sind die. Genäht wird alles von der Kissenhülle bis zum Rock. Wir hatten sogar über einen Kurs zur Moselblümchen-Tracht nachgedacht. Aber das wäre vom Stoff her zu teuer."
Walter Feltes, Leiter der Volkshochschule Wittlich-Stadt und Land, kann ebenfalls den Trend bestätigen: "Erstmals hatten wir im vergangenen Herbst gleich drei Nähkurse. Die Nachfrage ist merklich gestiegen. Dazu kamen mehrere gut besuchte Kurse in Filztechniken. 2007 bis 2009 hatten wir dagegen Filzen vergeblich angeboten." Er sagt auch: "Die Interessentinnen für die Nähkurse sind jünger als früher. Etliche Frauen melden sich, die unter 30 sind."
Weiterhin kam mehrfach der Workshop "Nadel und Faden" für Kinder zustande, den die VHS in Kooperation mit dem Wittlicher Mehrgenerationenhaus anbietet. Für diese Institution sagt Andrea Stark:
"Besonders gefragt war zuletzt Nähen. Dann folgen Stricken und Häkeln, auch ,Resteverwertung-Shabby chic\' oder ,Guerilla-Stricken\'." Sie sagt auch, noch 2008 bei der Eröffnung des Mehrgenerationenhauses "waren das Stricken und besonders das Häkeln nur mit Schmunzeln bedacht worden".
Nähkurs für Gewandung


Wäre das noch so, müsste Hartwig Trasser, die in Traben-Trarbach die Handarbeitsstuben betreibt, ihren Laden dichtmachen. Dem ist nicht so. Für die TV-Umfrage war sie einfach nicht ans Telefon zu bekommen: "Entschuldigen Sie, ich habe schon wieder Kundschaft."
Ob die Kundschaft aus Manderscheid bis an die Mosel anreist, ist zweifelhaft. Von der dortigen Volkshochschule kommt die einzige Gegenstimme zur Trendnachfrage in Sachen Handarbeit. Marlene Thullen, Verbandsgemeindeverwaltung: " Für die VHS Manderscheid kann ich den Retro-Trend hin zu Handarbeiten in diesem Umfang nicht bestätigen. Wir haben auch keine vermehrten Nachfragen."
Aber das Burgenstädtchen versucht es mit einem Extra-Angebot: "In diesem Jahr bieten wir erstmalig einen Nähkurs speziell für mittelalterliche Gewandung fürs Burgenfest an." Wer weiß, vielleicht meldet sich sogar ein Mann an. Denn mancher scheint die Scheu vor der Handarbeit mit Nadeln zu verlieren. Eira Visapää hat da so ihre Beobachtungen gemacht: "Vor ein paar Jahren gab es Männer, die gestrickt haben. Die sind viel mutiger in der Farb- auswahl. Später sind Männer lieber draußen geblieben und haben eine geraucht. Jetzt kommen sie wieder gerne mit in den Laden." Immerhin ist das Metier technikaffiner geworden: Anleitungen mit QR-Code gibt es auch.

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