Aus der Wittlicher Historie Am Ende ein „Mitläufer“ – Die Geschichte von Wilhelm Enck

Wittlich · Als Wittlichs Bürgermeister Dr. Karl Hürter im Sommer 1943 zur Luftwaffe eingezogen wird, übernimmt Wilhelm Enck dessen Vertretung. TV-Gastautor Franz-Josef Schmit zeichnet seine Geschichte nach.

 Wilhelm Enck in den Jahren 1943 (links) und 1993, zwei Jahre vor seinem Tod.

Wilhelm Enck in den Jahren 1943 (links) und 1993, zwei Jahre vor seinem Tod.

Foto: TV/Franz-Josef Schmit

Uhrmachermeister Rudolf Pohl aus Köln musste wegen Wehrkraftzersetzung und politischer Unzuverlässigkeit 18 Monate in der Wittlicher Strafanstalt einsitzen. Als er Ende August 1944 freikommt, darf er sein Geschäft in Köln nicht wieder eröffnen. Nach dem Krieg schreibt Pohl für den in Diez an der Lahn internierten Wilhelm Enck einen so genannten „Persilschein“, in dem es unter anderem heißt: „In meiner Not wandte ich mich an den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Wittlich, Herrn Wilhelm Enck, der mir persönlich zwar unbekannt, aber als rechtlich denkender hilfsbereiter Mensch mit anständiger Gesinnung geschildert worden war. Er nahm sich meines Falles bereitwilligst und nachdrücklich an.“ Daraufhin kann Pohl in Wittlich einen Uhrmacherbetrieb mit Laden eröffnen, obwohl es bereits zwei dieser Geschäfte in der Stadt gibt.

Ein Verwaltungsbeamter unter dem Druck der Partei

Wilhelm Enck, 1902 in Treis/Mosel geboren, hatte schon nach sieben Jahren die Volksschule mit einem sehr guten Abschlusszeugnis verlassen und im Amt Treis 1915 seine Ausbildung in der Verwaltung begonnen. Im neu gegründeten Amt Carden-Treis wird er 1932 Büroleiter. Seit Ende 1934 fungiert er als Kreisinspektor bei der Kreisverwaltung Cochem. NSDAP-Kreisleiter dort ist der berüchtigte Eisenbahnbetriebsassistent a.D. Karl Gewohn. Im Mai 1933 schreibt der NS-Fanatiker an Wilhelm Enck: „Als Beamter sind Sie verpflichtet, sofort der NSDAP beizutreten und ein Amt zu übernehmen. Ihre Entschuldigungsgründe können nicht angenommen werden. Wenn Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, werden Sie gemaßregelt.“ Was das zu bedeuten hatte, konnte sich der damals 31-Jährige und seit 1929 mit der Lehrerin Magdalena Schuster aus Treis verheiratete Enck denken. Ein Jahr später erhält Enck erneut ein Schreiben von Gewohn. Auch hier ist der Ton klar und verbindlich: „Sie haben sofort das Amt des kommunalpolitischen Fachberaters zu übernehmen. Entschuldigungsgründe können nicht gelten. Uniform müssen sie anschaffen.“ Enck bleibt bis Ende Juni 1938 in Cochem. Der auch in der Bevölkerung unbeliebte Karl Gewohn ist wiederholt in Strafsachen verwickelt und wird Ende Oktober 1935 „auf Anordnung des Führers aus allen Ämtern entfernt.“

Auf gut ausgebildete Verwaltungsbeamte konnten auch die Nationalsozialisten nicht verzichten. Wilhelm Enck, inzwischen Oberinspektor, wird im Oktober 1938 Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik des Kreises Daun-Wittlich und ab Juni 1943 Vertreter des Landrates bei der Kreisverwaltung in Wittlich. Seit Ende Oktober 1940 trägt er die Amtsbezeichnung „Kreisbürodirektor“. In Wittlich hat er einen zwar etwas korrekteren, aber nicht weniger überzeugten Nazi als Vorgesetzten seitens der Partei, den seit Januar 1938 amtierenden Kreisleiter Walter Kölle. Als Wittlichs Bürgermeister Dr. Karl Hürter im Sommer 1943 zur Luftwaffe eingezogen wird, übernimmt Wilhelm Enck dessen Vertretung – und wie sich zeigen wird, nicht zum Nachteil der „Volksgenossen“, aber auch etlicher Menschen, die mit dem NS-Regime in Konflikt gerieten.

Verhaftung und Internierung

Ende März 1945 wird Enck zusammen mit etlichen Wittlichern von den Amerikanern verhaftet und ins Internierungslager Idar-Oberstein, später nach Diez gebracht. Erst Anfang April 1948 kommt Enck wieder frei. Schon unmittelbar nach Bekanntwerden seines Schicksals setzen Bemühungen früherer Kollegen und Bekannten ein, Encks Lage und die zu erwartende Verurteilung zu mildern. Unter den sehr zahlreichen Leumundszeugnissen, die von Personen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten und politischer Einstellungen stammen – darunter nur wenige von ehemaligen Parteigenossen – stechen die Schreiben von Dr. Karl Zengerle hervor. Dieser war 1935 im saarländischen Eppelborn als Amtsbürgermeister entlassen und ab 1940 aufgrund der Kriegsnotverordnungen zur Kreisverwaltung Wittlich versetzt worden. Als inzwischen Oberkreisdirektor des Landkreises Bonn schreibt er, er habe fast fünf Jahre unmittelbar erfahren können, „dass Enck ein rechtlich denkender Mensch war, der sich jedem rechts- und sittenwidrigen Ansinnen des Staates und der Partei widersetzte.“ Zudem habe Enck keinerlei Parteipropaganda im Kreishaus geduldet und Denunzianten kein Gehör geschenkt.

Eindruck dürfte beim französischen Lagerkommandanten die Stellungnahme von früheren Wittlicher Kommunisten und Sozialdemokraten gemacht haben, die bezeugten, dass Enck sie im Sommer 1944 rechtzeitig gewarnt habe, dass ihr Leben auf dem Spiel stünde, wenn es den alliierten Truppen gelänge, die Reichsgrenzen zu überschreiten. Zudem habe er sie wiederholt vor Vernehmungen durch die Gestapo gewarnt – das Schreiben schließt: „Wir glauben damit den Beweis erbracht zu haben, dass Herr Enck, wenn nicht als Antifaschist, so doch zumindest als bewusster Gegner des Sicherheitsdienstes (SD) gehandelt hat, weil er dessen Maßnahmen gegen uns planmäßig und zu unseren Gunsten sabotiert hat.“

Matthias Joseph Mehs, der zusammen mit früheren Zentrumsabgeordneten nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler verhaftet worden war, kam auch mit Encks Hilfe wieder rasch frei – er nannte Enck einen „ausgezeichneten Verwaltungsbeamten mit einem offenen Charakter, der sich im Parteiamt nicht hervortat.“

Entnazifizierung

Während der Wittlicher Untersuchungsausschuss Enck als Unbelasteten einstuft, legt der Landeskommissar für die politische Säuberung in Rheinland-Pfalz in Koblenz einen härteren Maßstab an. Belastend herangezogen wird Encks einjährige Aufgabe als Vertrauensmann von Amtswegen zur Gestapozweigstelle Wittlich, auch wenn ihm nichts Verwerfliches nachzuweisen war. Weiterhin müsse aber berücksichtigt werden, dass Encks „gegnerische Tätigkeit erst auf das Jahr 1943 zurückgeht, wo es jedem Menschen klar war, wie alles enden müsse.“

So ganz richtig war das nicht. Unter den „Persilscheinen“ für Enck befinden sich etliche, die ihm eine hilfsbereite, korrekte und eher nazifeindliche Haltung bescheinigen, als er noch in Cochem tätig war – so etwa vom schon 1933 entlassenen Amtsbürgermeister Adolf Gandner aus Ediger. Der Landeskommissar wollte auch „keine besondere persönliche Gefährdung“ erkennen – das hatten die von Enck Geschützten und auch die Wittlicher Spruchkammer anders bewertet: Enck habe gerade seine amtlichen Möglichkeiten im positiven Sinne genutzt und dies auch unter persönlicher Gefahr. Trotzdem wird auch vom Landeskommissar anerkannt, dass Enck die von Finanzamtschef Döring 1944 angeordnete Einebnung des jüdischen Friedhofes verhindert und auch dem Kampfkommandanten von Wittlich, Major Heinrich Hoffmeister, widerstanden habe, als dieser die Lieserbrücke zur Verteidigung der Stadt sprengen und den Volkssturm mobilisieren wollte. Enck konnte für diese und etliche andere gute Taten jeweils mehrere schriftliche Erklärungen verschiedener Zeugen vorlegen. Am Ende wird Enck als „Mitläufer“ eingestuft.

Wieder in der Verwaltung und Tod

 Das Dokument zeigt einen Ausschnitt aus der Mehs-Bescheinigung.

Das Dokument zeigt einen Ausschnitt aus der Mehs-Bescheinigung.

Foto: TV/Franz-Josef Schmit
 Foto: Franz-Josef Schmit

Foto: Franz-Josef Schmit

Foto: TV/Franz-Josef Schmi
 Georg Basten, ehemaliger KPD-Vorsitzender in Wittlich.

Georg Basten, ehemaliger KPD-Vorsitzender in Wittlich.

Foto: TV/Franz-Josef Schmit

Nach seiner Entlassung arbeitet Enck als Verwaltungsleiter im Kreiskrankenhaus Wittlich und ab Mai 1952 als Leiter der Verwaltungsabteilung im neu geschaffenen Bundesarchiv in Koblenz. Als Amtsrat im Bonner Innenministerium geht er 1967 in Pension. Enck, Vater einer Tochter und eines Sohnes, stirbt vier Jahre nach dem Tod seiner Frau 1995 in Bonn.

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