Am Vorabend des Krieges

BERNKASTEL-WITTLICH. Resignation, Enttäuschung und kaum noch Hoffnung auf eine friedliche Lösung: Der Beginn des Irak-Kriegs ist vermutlich nur noch eine Sache von Stunden. Mit großer Sorge erwarten auch die Menschen im Kreis den drohenden Waffengang im Golf und üben dabei mehrheitlich massive Kritik am Vorgehen der Supermacht USA.

Wittlich, Montagabend, 19 Uhr: Während alle Welt fast lethargisch auf die für zwei Uhr nachts angekündigte Rede des US-Präsidenten Bush wartet, setzen sich in der Säubrennerstadt mehr als 300 Menschen in Bewegung. Sie wollen in der Tradition der Leipziger Montagsdemonstrationen ein Zeichen gegen den bevorstehenden Einmarsch der US-Truppen in den Irak setzen. Zum Schweigemarsch aufgerufen hatte die Wittlicher Pax Christi Gruppe. Bereits am Sammelpunkt an der evangelischen Kirche, wo die mitgebrachten Kerzen entzündet werden, sprechen Gläubige beider Konfessionen erste Gebete. Angst, Verzweiflung, Mitgefühl mit den irakischen Müttern und Kindern, aber auch Wut auf die Unmenschlichkeit der herrschenden politischen Strukturen bringen sie zum Ausdruck. Unter anderem wird ein Text des Theologen Eugen Drewermann verlesen, den dieser vor dem Golfkrieg 1991 verfasst hatte. Darin lässt er Krieg niemals und unter keinen Umständen als Lösung menschlicher Konflikte gelten. Schweigend gehen die Demonstranten - unter ihnen viele Kinder - weiter zum Marktplatz, zum Vorplatz der Markuskirche und zur Moschee. An allen Stationen halten die Menschen inne im gemeinsamen Gebet. Auch islamische Gläubige, die unter den Montagsmarschierern zahlreich vertreten sind, ergreifen das Mikrofon. Wird der von US-Prädident Bush angekündigte "Tag der Wahrheit" zum "Tag der Kriegserklärung" an den Irak? - diese Frage beschäftigt aber nicht nur die Wittlicher Demonstranten. In vielen Wohnzimmern im Kreis schauen die Menschen an diesem Abend die Nachrichtensendungen, verfolgen gebannt die Berichte aus Washington, London, Bagdad und dem UN-Sitz New York. Wittlich, Dienstag, 14 Uhr: Zwölf Stunden sind seit Bushs-Rede vergangen, in der er dem irakischen Diktator Saddam Hussein eine Galgenfrist von 48 Stunden eingeräumt hat. Sollte er bis dahin nicht ins Exil gehen, werden Bomben auf Bagdad fallen. Hoffnung auf eine friedliche Lösung haben die Passanten nicht mehr. Sie wissen, dass die Welt an diesem sonnigen Frühlingstag vermutlich am Vorabend eines Krieges steht. "Wenn der Krieg wirklich kommt, dann wäre das ganz furchtbar", äußert sich eine ältere Frau in der Wittlicher Fußgängerzone. Verständnis für den Krieg - diese Stimmen werden an diesem Tag in der Kreisstadt nicht laut. Unüberhörbar ist jedoch die Kritik am Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten. "Die führen sich auf, wie die Herren der Welt", wettert beispielsweise Franz Markowsky aus Wittlich und auch die Schülerin Melanie Becker verurteilt den "Alleingang der Amis in der UN". Dass der irakische Diktator schon bald aus seinen Palästen vertieben sein wird, daran glauben die meisten Befragten. "Die USA werden diesen Krieg schnell durchziehen", sagt Georg Daufenbach. Aber ob Gewalt, das richtige Rezept für den Regimewechsel im Irak ist, das bezweifelt Hildegard Weißenborn. "Natürlich wünsche auch ich mir, dass Saddam gestürzt wird. Aber das hätte man auf friedlichem Weg versuchen sollen", sagt die Landscheiderin. Und wie sie denken viele.