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Amtsgericht Wittlich milde Haftstrafe

Justiz : Messerattacke hätte tödlich enden können

Zwei Stiche in den Rücken eines jungen Mannes haben einem 21-Jährigen vor dem Amtsgericht Wittlich eine milde Haftstrafe eingebracht.

„Gegen 22 Uhr am 4. Juni kam die Meldung: ,Messerstecherei auf den Lieserterrassen – ein Verletzter‘. Als wir ankamen, waren Notarzt und Rettungswagen schon da“, erinnert sich die Streifenbeamtin im Zeugenstand. Der Täter sei weg gewesen. Der Freund des Opfers habe Folgendes berichtet: „Wir saßen auf einer Terrassenstufe, etwa drei Meter entfernt saß ein junges Paar. Den Mann kannte ich nicht. Er hat immer komisch zu uns rübergeguckt. Dann sind die beiden gegangen. ,Wartet, ich komme gleich wieder‘, hat er noch gesagt.“ Dann sei er allein zurückgekommen, habe seinem Freund erst einen Faustschlag an die Schläfe versetzt und ihm dann zweimal in den Rücken gestochen. Mit den Worten „ich mach‘ dich kalt“ sei er dann gegangen, wobei er das Messer demonstrativ am Hals entlang geführt habe.

Nun sitzt der damalige Angreifer vor dem Wittlicher Jugendschöffengericht und hört die Anklage von Staatsanwalt Mathias Juchem: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Der angegriffene Jugendliche, der als Nebenkläger auftritt, blieb drei Wochen im Krankenhaus. Die Messerstiche nach dem Faustschlag habe er zunächst nur als Schläge auf den Rücken registriert – „dann waren da plötzlich starke Schmerzen und mir wurde schwindlig“.

Er hatte nach Angaben der Ärzte noch Glück, dass durch die vier bis fünf Zentimeter tiefen Einstiche keine inneren Organe verletzt wurden – es hätte tödlich enden können. „Von den körperlichen Folgen habe ich mich ganz erholt – aber ich habe seitdem Angst, alleine rauszugehen“, erklärt er.

Der damals 20-jährige Täter wurde in seiner Wittlicher Wohnung festgenommen und ging zunächst für sieben Wochen in Untersuchungshaft. Er ist albanischer Herkunft, aber über seine Mutter, die 2005 vom Balkan in den Norden ausgewandert war, schwedischer Staatsangehöriger. Er hat in Schweden eine Disponentenausbildung gemacht, war kurz in der Schweiz in der Gastronomie tätig und zog dann zu seinem Onkel nach Wittlich. Hier arbeitet er in einem großen Industriebetrieb.

Der Angeklagte schildert den Vorfall konträr zu dem Opfer: Er habe den jungen Mann an der Lieser nur zur Rede stellen wollen, weil der Tage zuvor den kleinen Bruder seiner Verlobten mit einem Messer bedroht und dessen Fahrrad gefordert habe. Auf der Lieserterrasse sei der andere dann auf ihn losgegangen, habe ihn mit der Faust geschlagen und mit der Linken ein Messer gezogen. Der Angeklagte: „Ich habe ihm das Messer entwunden, es vom Boden aufgehoben und einmal damit eine Sichelbewegung in seine Richtung gemacht – kann sein, dass er ungewollt dabei verletzt wurde.“ Er lege Wert darauf, als friedfertiger Mensch zu gelten und sagt: „Vielleicht war es ein Fehler, überhaupt das Gespräch anzufangen.“

Der Vorsitzende Richter Josef Thul gibt ihm deutlich zu verstehen, dass er die Geschichte nicht glaubt. Thul: „Das ist eine typische Situation, die wir schon hundertmal hier hatten – erst anstarren, dann weggehen und mit Rückkehr drohen. Das endet immer in der körperlichen Auseinandersetzung.“

Die 19-jährige Verlobte des Angeklagten war zu dem Zeitpunkt schwanger – nun ist das gemeinsame Kind 13 Tage alt. Sie erklärt als Zeugin, dass sie sich von den beiden Jungs am Lieserufer bedroht gefühlt habe. „Die haben uns provoziert und Grimassen geschnitten“, sagt sie und bricht sogar in Tränen aus. Auch ihr kleiner Bruder ist erschienen. Der 13-Jährige bestätigt den Vorfall mit dem Fahrrad. „Und es war ein Messer“, bekräftigt er.

Doch das Pendel schwingt eindeutig zu Ungunsten des Angeklagten aus: Eineinhalb Jahre Jugendstrafe fordert der Staatsanwalt, die wegen des geregelten Lebenswandels des Paares auf Bewährung auszusetzen sei – „er soll noch eine Chance haben“. Dem schließt sich Verteidiger Jörg Ehlen an. Keine Bewährung will Nebenklagevertreterin Anna Kohlhaas. Nach halbstündiger Beratung entscheidet sich das Gericht für die eineinhalb Jahre mit Bewährung. Der Angeklagte erklärt sofort, dass er das Urteil annehme. Es ist rechtskräftig.