Anstellen zum Ankreuzen - Zu Gast in Wahllokalen im Hunsrück und an der Mosel

Anstellen zum Ankreuzen - Zu Gast in Wahllokalen im Hunsrück und an der Mosel

Wahlsonntag in der Region: In den Städten bilden sich Menschenschlangen vor Kabinen und Urnen - auf dem Land warten die Wahlhelfer Stunden bis überhaupt etwas passiert. Der TV hat verschiedene Wahllokale besucht.

Bernkastel-Wittlich. Die Tür öffnet sich mit einem Quietschen. Der Mann hinter der Theke schaut von seiner Illustrierten auf. Er ist Wahlhelfer in Rorodt im Hunsrück. Auf 3,5 Quadrat-Kilometern wohnen hier rund 50 Einwohner, fernab von Autolärm und Handyempfang. "Es gibt hier mehr Tiere als Menschen", sagt Hermann Klein, Ortsbürgermeister und Wahlvorsteher in Personalunion.

Seit 8 Uhr morgens sitzt er mit drei Wahlhelfern im Gemeindehaus. Bratengeruch liegt in der Luft. "Der wurde gestern beim Feuerwehrfest serviert", sagt Klein. Am Stärksten ist der Geruch in der Wahlkabine, die sich in der Küche des Gemeindehauses befindet. "Da kannst du sogar die Tür zumachen, wenn du dein Kreuzchen machst", sagt Klein. "Einen eigenen Wahlraum - so einen Luxus gibt es in der Stadt nicht."

Inzwischen ist es schon Nachmittag. 20 Stimmzettel liegen bereits in der Urne - im Schnitt kommen vier Wähler pro Stunde. Etwas mehr als die Hälfte des Dorfes fehlt noch. "Wir wären schon längst fertig, wenn wir einfach mit der Urne durchs Dorf gehen würden", meint Klein.
Es ist still im Gemeindehaus, von draußen hört man nur den Wind. Dann plötzlich: Ein Geräusch an der Tür. Ein Wahlhelfer schreckt von der Lektüre hoch. "Keine Panik - das ist nur die Heizung", sagt Klein. "Die rumort öfter mal." Bis 18 Uhr müssen die Helfer noch auf ihren Posten ausharren. Die Zeit vertreiben sie sich mit dem Blättern in Automagazinen und Urlaubsbroschüren.
Wahlhelfer als Fremdenführer



Solche Prospekte hängen auch im Moselgästezentrum in Bernkastel-Kues, die zum Wahllokal umfunktioniert wurde - "zu einem der schönsten in ganz Rheinland-Pfalz", wie Wahlhelfer Lothar Marmann findet. Die Trennwände der Kabinen stehen hier auf Kaffeetischchen. Wer aus dem Fenster schaut, blickt direkt aufs Moselufer.

So lange wie in Rorodt müssen die Bernkasteler nicht auf Besuch warten. Alle paar Minuten öffnet sich die Tür. Hereinkommen aber nicht nur Wähler, sondern auch Touristen - in diesem Fall eine französische Familie. Sie erkundigt sich nach Fahrradwegen und den Öffnungszeiten der Kirche. Die Wahlhelfer müssen sich heute auch als Fremdenführer beweisen, denn die Tourist-Information öffnet erst später. "Holländer, Russen - wir hatten heute schon alles hier", sagt Marmann.
Das ZDF in Bernkastel-Kues


Aber schon bald strömen auch die Einheimischen ins Lokal. "Die Rush Hour ist immer nach der Sonntagsmesse", weiß Marmann aus seiner mehr als 20-jährigen Erfahrung als Wahlhelfer.
In dieser Zeit hat er schon viel erlebt: Ungültige Wahlzettel gebe es jedes Mal. "Ein paar streichen einfach nur das Blatt durch, andere schreiben sogar Beleidigungen drauf." Marmann ist nicht der einzige, der heute in Bernkastel-Kues die Stimmzettel auswertet: Am Eingang des Moselgästezentrums sitzen die beiden Studenten Marius Reiß und Natascha Gold. Sie passen jeden zweiten ab, der aus der Wahlkabine kommt.

Geschickt wurden sie von der ZDF Forschungsgruppe Wahlen, die bis 18 Uhr eine Prognose des Ergebnisses liefern will. Zu diesem Zweck erstatten die Trierer Studenten regelmäßig Bericht. Wie die Auszählung in der Doppelstadt bisher gelaufen ist, wollen sie nicht verraten.
Der 18-jährige Philip Hoffmann nimmt es mit dem Wahlgeheimnis hingegen nicht so genau. Er habe die CDU gewählt, sagt er. Hoffmann sitzt im Jugendparlament und engagiert sich bei der jungen Union. In diesem Jahr durfte er zum ersten Mal wählen.
Viel Aufwand für zwei Kreuze



Der Longkamper Josef Volk ist hingegen seit mehr als 70 Jahren wahlberechtigt. Seitdem habe er keine Wahl versäumt, sagt seine Tochter Ludmilla Hoffmann. Aber in diesem Jahr könnte es für den 90-Jährigen schwierig werden. Volk sitzt seit Jahren im Rollstuhl. Den Weg in die Gemeindehalle schaffe er heute nicht, sagt seine Tochter. Wählen wolle er aber unbedingt. "Kann nicht jemand von Ihnen mit dem Stimmzettel zu uns nach Hause kommen?" bittet sie die Wahlhelfer. Das gehe leider nicht, sagt Bürgermeister und Wahlvorsteher Franz Josef Klingels, obwohl das Haus der Familie direkt gegenüber steht.

Laut Gesetz müssten allerdings immer mindestens drei Wahlhelfer zugegen sein, wenn jemand seine Stimme abgibt - eine Vorsichtsregel, um die Manipulation der Ergebnisse zu vermeiden.
Klingels ruft bei Thomas Ruf, dem Wahlvorsteher der Verbandsgemeinde, an. Am Telefon erklärt Ruf das offizielle Prozedere: Ludmilla Hoffmann muss bei der Verwaltung in Bernkastel-Kues die Briefwahlunterlagen für ihren Vater beantragen und sie ihm nach Longkamp bringen. "Es tut mir leid, aber das ist eben der offizielle Weg", sagt Klingels. Hoffmann hastet sofort los und fährt mit dem Auto nach Bernkastel-Kues.

Nicht alle nähmen einen solchen Aufwand in Kauf, um ihre Stimme abzugeben, meint der Bürgermeister. "Vielen ist es zu viel überhaupt zur Wahl zu gehen." In den vergangenen Jahren habe die Beteiligung in Longkamp meist unter dem Landesdurchschnitt gelegen.
Auszählen in 15 Minuten

Zwischen Prospekten und Postkarten: Die Wahlkabinen im Bernkastel-Kueser Moselgästezentrum. Foto: (m_kreis )
Diese Urne aus Musweiler ist wohl eine der ältesten in der Region. Foto: (m_kreis )
Zwei Kreuze auf dem Zettel können schon eine Veränderung im Land bewirken. Foto: (m_kreis )
Vier Besucher pro Stunde: Hermann Klein (links) und die drei Wahlhelfer Jörg Schmidt, Stefan Alt und Arnold Lützenburger warten auf Wähler in Rorodt. Foto: (m_kreis )
Die Studenten Natascha Gold und Marius Reiß waren für das ZDF in Bernkastel-Kues. Am Eingang des Moselgästezentrums sprachen sie mit den Wählern, um eine Prognose für das Wahlergebnis in der Doppelstadt zu ermitteln. Foto: (m_kreis )



Im Alten Rathaus in Wittlich bilden sich hingegen noch kurz vor der Auszählung Menschenschlangen vor der Urne. Mehr als 1000 Stimmzettel sind in diesem Bezirk zusammengekommen.
Eine halbe Stunde nach der Schließung des Lokals sind die neun Wahlhelfer immer noch dabei, die Stimmzettel in verschiedene Stapel zu unterteilen. Hektisch werden die Unterlagen durchgeblättert, die leeren Umschläge wieder zurück in die Urne geworfen.

Während die Wittlicher noch sortieren, ist eine kleine Gemeinde im Hunsrück schon mit der Auszählung fertig. Acht Stimmen sind seit dem Mittag hinzugekommen. Um 18.15 Uhr schickt Hermann Klein, Ortsbürgermeister von Rorodt, das Ergebnis ab. Damit haben sie sogar das 57-Seelen-Dorf Musweiler um drei Minuten geschlagen. In den vergangenen Jahren hatten die Musweilerer ihre Stimmzettel stets am Schnellsten ausgezählt.
Für die Rorodter ist die Wahl jetzt gelaufen: Nach der zähen Warterei am Mittag können sie wenigstens früh Feierabend machen.

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