Anti-Terror-Training in Wengerohr: „Ohne Geräuschkulisse kein Stress“

Polizei : Anti-Terror-Training in Wengerohr: „Ohne Geräuschkulisse kein Stress“

Wie laut sind die Übungen auf dem Hochschulgelände der Polizei in Wittlich Wengerohr? Ein Anwohner hatte sich über eine angeblich unzumutbare Lärmbelastung beschwert. Der TV ist an einem Übungstag live dabei.

Außer dass die Sonne  mal  dabei scheine, laufe das Training an diesem Donnerstagvormittag genau so wie immer ab, sagt Robert Kirchen, Leiter des Schieß- und Einsatztrainingszentrums auf dem Gelände der Polizei in Wittlich-Wengerohr.

Polizeischule Wengerohr Übung Training. Foto: Christian Moeris
2018 führte die Polizei an 28 Vormittagen in Wittlich-Wengerohr ein Anti-Terror-Training durch, um Streifenpolizisten aus dem Bezirk des Polizeipräsidiums Trier fortzubilden. Bei der Übung unter freiem Himmel kommen Maschinenpistolen mit Übungsmunition zum Einsatz. Foto: Christian Moeris/Chriwstian Moeris
polizeischule ausbildung wengerohr. Foto: Christian Moeris

Heute werden am Osttor auf dem umzäunten Areal in Wengerohr wieder 16 von rund 1700 Polizisten aus dem Bezirk des Polizeipräsidiums Trier für Ernstfälle, die hoffentlich nie eintreten, fortgebildet und trainiert.

„Das Szenario lautet: Eine Dienststelle der Polizei ist überfallen worden. Es gab Explosionen. Es kann kein Kontakt mehr zur Dienststelle hergestellt werden. Ein Polizeiwagen wurde vor dem Gebäude gerammt und möglicherweise sind noch zwei Täter vor Ort, die sich ins Gebäude zurückgezogen haben.“

Eine Nebelmaschine neben einem gerammten Streifenwagen simuliert Rauch. Aus einem kleinen OutdoorLautsprecher vom Typ Gartenparty,  der neben einer Baracke steht, die im  Training eine überfallene Polizeistation darstellt, tönt ein Martinshorn. 16 Polizisten, die Besatzung von acht Streifenwagen, nähern sich dem Einsatzziel. Sie sind mit Maschinenpistolen, schussresistenten Westen sowie Helmen ausgestattet und wirken eher wie die Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos. „Diese Ausrüstung wird mittlerweile in jedem Streifenwagen vorgehalten“, erklärt Kirchen.

„Und seit den islamistischen Terroranschlägen in Paris, sagt Edgar Breit, Leiter der Hochschule der Polizei am Standort Wengerohr, gebe es auch erhöhten Trainingsbedarf.

„Wir richten uns dabei an den Anforderungen der Gegenwart aus. Seit den Terroranschlägen in Paris trainieren wir intensiver.“

Doch die Intensivierung des Trainings und die Geräuschkulisse, die damit einhergeht, gefällt nicht jedem Anwohner rund um den Standort der Polizei in Wengerohr (der TV berichtete). So beschwerte sich jüngst ein Nachbar der nach eigener Aussage für mehrere Anwohner spricht, über den „Lärm der Anti-Terror-Trainings“ beim Innenministerium in Mainz . Aber ist die Lautstärke, die das Training freisetzt, denn wirklich so enorm?

Um das festzustellen, sind am Trainingstag auch Beamte der Stadtverwaltung vor Ort, die mit technischem Gerät Schallpegelmessungen durchführen.

Mit einem Böllerschlag durch einen handelsüblichen kubischen Kanonenschlag startet die Übung. „Das soll die eintreffenden Kräfte irritieren.“ Martinshörner tönen aus dem Lautsprecher und simulieren eine Großlage. Polizisten rücken in Vierer -Gruppen vor, scannen das Gelände ab und sichern sich auch nach hinten ab. „Es muss Stress erzeugt werden. Wir brauchen wir eine gewisse Geräuschkulisse, damit wir an die Bedingungen draußen im Ernstfall möglichst nah ran kommen“, sagt Kirchen. „Wenn wir eine stressresistente Polizei wollen, dann müssen wir so trainieren.“

Während sich die Polizisten mit der Maschinenpistole im Anschlag  der Polizeistation nähern, fällt ihnen ein „Terrorist“, der mit einem Maschinengewehr bewaffnet ist, in den Rücken und eröffnet das Feuer. Das Maschinengewehrfeuer  und die Schüsse, welche die Polizisten abfeuern, klingen aus einiger Entfernung eher wie Schüsse aus einer Karnevalspistole. „Das sind Platzpatronen. Der Schalldruck dieser Übungsmunition ist nicht groß.“ Ohrenbetäubender Lärm, wie ein Anwohner es beschreibt, ist in einer gewissen Distanz zum Schauspiel nicht zu hören. Richtig laut wird es allerdings kurzfristig, als ein Kampfjet über Wengerohr donnert – in die Polizeiübung ist dieser natürlich nicht involviert.

Nur wenige Schüsse werden abgefeuert, bis der Terrorist am Boden liegt. Seine Hände werden hinter dem Rücken mit Kabelbindern fixiert. Dann ist die Übung auch schon gelaufen.

Die Polizisten versammeln sich im Kreis zur Nachbesprechung. Kirchen: „Wir trainieren das Nötigste, aber auch nicht weniger.“

Bei den Anti-Terror-Trainings am Standort Wengerohr werden die 1700 Streifenpolizisten aus dem Bezirk des Polizeipräsidiums Trier fortgebildet. Viele der taktischen Übungen spielen sich auch in den Gebäuden ab. „Eine Trainingseinheit dauert vier Tage, wobei immer 16 Beamte theoretisch und taktisch  in einer Vielzahl an Trainings fortgebildet werden.“

Dabei werde auch der Umgang mit der neuen Ausrüstung wie den schussresistenten Westen, die für die Beamten neun Kilogramm zusätzliches Gewicht bedeuten, „aber die Kugel aus einer Kalaschnikow stoppen können“, geprobt.

„Hier in Wengerohr ist schon seit Jahrzehnten eine Ausbildungsstelle der Polizei“, erklärt Kai Süßenbach, Abteilungsleiter beim Polizeipräsidium Einsatz, Logistik und Technik (PPELT). „Nur nach den terroristischen Vorfällen in Frankreich mussten wir unsere Trainings intensivieren.“ Vor 30 Jahren habe niemand über  solche Einsatzlagen nachgedacht.  „Die Ausbildungsbedürfnisse und -konzepte ändern sich.“

Eine Geräuschkulisse sei in Wengerohr mit der Fahrschulausbildung der Kradfahrer, Wasserwerfer sowie Hundertschaften für den Einsatz bei Demonstrationen jedoch immer vorhanden gewesen. Das Anti-Terror-Training, sagt Breit,  werde nun bereits seit 2017 in Wengerohr durchgeführt, erklärt Süßenbach.  2018 habe es 28 Vormittage gegeben, sagt Breit, an denen unter freiem Himmel am Osttor trainiert worden sei. Darüber hinaus habe es an drei Tagen Trainings der Spezialeinheiten gegeben, wobei es insgesamt 52 Starts und Landungen von Hubschraubern gegeben habe.

„Aber Fakt ist“, sagt Andreas Michel, Leiter Abteilung Spezialeinheiten, „wenn wir zu laut sind, reagieren wir auch. Nur bislang ist hier in Wengerohr noch niemand persönlich auf uns zugekommen und hat sich über Lärm beschwert.“

Gleiches erklären auch Ortsvorsteher Joachim Platz, „Davon habe ich noch nie gehört, und Rainer Stöckicht, Pressesprecher der Stadtverwaltung, „das ist mir neu“.

Sie bezweifeln, dass sich wirklich  viele Anwohner in Wengerohr von den notwendigen Trainings der Polizisten gestört fühlen. Kirchen: „Viele Anwohner sind dagegen froh, dass sie die Polizei ganz in der Nähe haben.“

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