Anzug und Krawatte können täuschen

Wer Glatze trägt, muss nicht unbedingt rechtsradikal sein. Und umgekehrt: Wer einer extremen Gruppierung angehört, kann durchaus aussehen "wie du und ich" oder gar Anzug und Krawatte tragen. Das war eines der Ergebnisse der Projekttage zum Thema "We are different" in den zehnten Klassen der Morbacher Realschule.

Morbach. In der Klasse 10a der Morbacher Realschule ist es mucksmäuschenstill. Jeder Schüler hat orangefarbene Kärtchen vor sich und notiert Stichworte. "Glatze" steht auf einer, "Springerstiefel" auf einer anderen. "Gegen Ausländer", "Baseball-Schläger" und "aggressiv" ist bereits auf einer Pinnwand zu lesen, die anderen Karten werden hinzugehängt. In der Klasse steht einen Tag lang das Thema Rechtsextremismus auf der Tagesordnung. Das Wissen über dessen Anhänger mancher der Zehntklässler reicht weiter. "Sie tragen gern die Marke Lonsdale", weiß beispielsweise der 16-jährige Lukas. Denn ziehe der Träger ein Hemd darüber, bleiben die Buchstaben "nsda" zu lesen und erinnern an die NSDAP. "Aber die Firma distanziert sich vom Thema Rechtsextremismus", klärt Corinna Rose, eine der Referenten vom "Netzwerk für Demokratie und Courage" auf. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Langer aus Mainz gestaltet sie den Projekttag mit dem Titel "Wir are different" (auf Deutsch: "Wir sind unterschiedlich").Rose attestiert der Klasse ein gutes Grundwissen. Und das kommt nicht von ungefähr. Denn Lukas beispielsweise stammt aus Gonzerath. Seine Eltern sind die Gründer der Bürgerinitiative "Gonzerath gegen Rechts", die sich erfolgreich gegen das NPD-Schulungszentrum gewehrt hat. Er ist wie viele andere erleichtert, dass die NPD inzwischen sein Dorf verlassen hat. Es sei ein "komisches Gefühl gewesen", wenn man einen Fremden im Dorf traf und nicht wusste, ob "er zu denen gehört oder nicht". Doch zurück zur Pinnwand. "Ist jeder, der einen Baseballschläger dabei hat ein Rechtsextremer? Oder jeder, der sich eine Glatze rasiert hat?", fragt die Referentin aus Birkenfeld. In der Runde ist man sich einig, dass das nicht der Fall ist. Ähnliches gilt für die Kleidung, argumentiert Rose: "Die T-Shirts tragen auch Leute, die diese Klamotten einfach toll finden." Das Fazit: Rechtsextreme können aussehen "wie du und ich". Man müsse schon ganz genau hinschauen. Mitglieder von extremen Gruppierungen könnten auch in Anzug und Krawatte auftreten, um so Anhänger zu gewinnen.Der Projekttag in der Sophie-Scholl-Realschule ist keine Eintagsfliege. Schon im Vorfeld der Demonstration am 3. März gegen das NPD-Schulungszentrum in Gonzerath (der TV berichtete) wurde im Unterricht über die politisch-historischen Hintergründe aufgeklärt, sagt Schulleiter Wolfgang Fink. Viele Realschüler hätten an der Protestveranstaltung teilgenommen. Zusätzlich zu den Projekttagen für die Schüler seien auch die Eltern in der vergangenen Woche über "rechte Musik und Symbolik" informiert worden.Dass sie sich in der Schule mit dem Thema befassen, finden die Jugendlichen sinnvoll. "Es ist schon gut, wenn man Bescheid weiß", sagt die 16-jährige Nathalie. "Dann kann man auch besser reagieren, wenn man angesprochen wird", meint der gleichaltrige Marvin.Ein Ziel der Referenten ist damit bereits erreicht. Denn sie wollen Informationen weitergeben. Doch dabei soll es nicht bleiben. "Wir wollen auch zu couragiertem Handeln ermutigen", erklärt Kai Partenheimer, Mainzer Geschäftsführer der Regionalstelle Rheinland-Pfalz des "Netzwerks für Demokratie und Courage". Projekttage Seit 1999 gibt es die Projekttage "Für Demokratie Courage zeigen". Sie wurden mit der Absicht ins Leben gerufen, Antirassismus zu bekämpfen und ein demokratisches gesellschaftliches Miteinander in Schulen, Berufsschulen und Jugendeinrichtungen zu mobilisieren. Damals wurden in einem ersten Seminar 30 junge Leute für Veranstaltungen ausgebildet, die an verschiedenen sächsischen Schulen erprobt wurden. Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) entstand. Es wird bundesweit vom DGB, der Friedrich Ebert Stiftung und dem Herbert Wehner Bildungswerk unterstützt. Es sind viele weitere Partner in weiteren Bundesländern und in Frankreich dazu gekommen. Mit der Unterstützung von EU und Familienministerium ist man mittlerweile in allen fünf neuen Bundesländern, in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Hessen aktiv. Insgesamt wurden 1155 ehrenamtliche Projektleiter ausgebildet. (iro).