Apfelernte im Eimer

BERNKASTEL-WITTLICH. Die Obsternte in diesem Jahr kann kaum in die Kategorie "reichlich" eingestuft werden. Vor allem im Hunsrück sind Äpfel schon beinahe Mangelware.

Leere Apfelbäume, als ob sie schon abgeerntet worden wären - dieses Bild zeigt sich zurzeit vielerorts in der gesamten Region. Hier hat sich jedoch keiner an den Gewächsen vergriffen und die Früchte geklaut - an vielen Bäumen wuchs in diesem Jahr kaum Obst. Zum Beispiel im Morbacher Ortsbezirk Haag: In jedem Jahr versteigert die Gemeinde normalerweise das Obst der Bäume am Spielplatz und in der Nähe des Sportplatzes. In diesem Jahr fiel die Auktion jedoch ins Wasser. Mögliche Interessenten hatten sich die Bäume wahrscheinlich schon vorher angeschaut und mussten dasselbe feststellen wie Ortsvorsteher Norbert Schemer: "Wir haben vielleicht einen großen Korb voller Äpfel von allen Bäumen hier - mehr ist einfach nicht da." Und somit blieb die für vergangenen Samstag ausgeschriebene Auktion ohne Interessenten und ohne Auktionsgut. Auch in der Umgebung fällt die Ernte schwach aus: "Wir haben in diesem Jahr etwa ein Drittel weniger Äpfel als 2004. Die Qualität ist jedoch hervorragend", sagt Karl Simon, Inhaber von Obstgut und Brennerei Simon in Platten. Die Obstbauern haben mit dem geringeren Ertrag wegen der allgemein großen Menge der Obsternte kaum Probleme. Die einzelnen Bäume auf den privaten oder gemeindeeigenen Streuobstwiesen, die nicht professionell bewirtschaftet werden, tragen zurzeit jedoch sehr wenig Früchte. Wie es dazu kommt, erklärt Alfred Hilmes, Obstanbauer vom Schäferhof in Piesport: "Ein Grund ist, dass die Bäume auf den Streuobstwiesen in jedem Jahr die volle Last an Obst tragen sollen. Ist zum Beispiel ein Apfelbaum in einem Jahr randvoll mit Äpfeln bestückt, so bleibt dem Baum keine Kraft mehr, um für das kommende Jahr ausreichend Knospen zu bilden. Der Baum muss sich dann erst erholen." Die Apfelbäume haben in diesem Jahr ihr so genanntes Alternanzjahr eingelegt. Das ist eine Art "Auszeit", die sich die Bäume im zweijährigen Rhythmus genehmigen. So sammeln sie neue Kraft für eine ausgeprägte Fruchtentwicklung im Folgejahr. Man kann dem vorbeugen, indem ein Teil der Früchte bereits am Anfang der Reifezeit vom Baum entfernt werden, und die Pflanze so Kraftreserven für eine ausreichende Knospenbildung zur Verfügung hat. Des Weiteren wütete im vergangenen Frühjahr die Frostspannerraupe auf den Wiesen und an den Bäumen. Wurden die Schädlinge nicht rechtzeitig bekämpft, dann hatten die befallenen Bäume keine Chance, im Herbst Früchte auszutragen. In diesem Herbst gibt es ein weiteres Phänomen, für das Pflanzenschutzberater Franz-Josef Scheuer und seine Expertenkollegen noch keine Erklärung haben: Die Singvögel haben ihre Liebe zum Kernobst entdeckt. Scheuer: "Besonders Spatzen und Amseln fallen über die Plantagen her und hacken auf den fast erntereifen Früchten herum." Meist werde nur die Schale aufgepickt und etwas Fruchtfleisch herausgefressen. Danach habe der Vogel an dieser Stelle genug und mache sich ein paar Meter weiter über die nächste Frucht her. Der Schaden, den die Tiere in der gesamten Region anrichten, ist erheblich. Zum Verkauf sind die angepickten Äpfel nicht mehr geeignet - sie faulen schon am Baum und müssen schnellstens ausgesondert werden, um nicht die benachbarten Früchte zu gefährden. Je nach Lage kann der Verlust durch die marodierenden Vögel mehrere Tonnen pro Plantage betragen.