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Auch eine Art Religion: Rocker sein

Auch eine Art Religion: Rocker sein

Männerbünde gibt es viele: von der Burschen- über die Priesterschaft bis zum Rockerclub. So einer ist der MC Devils Disciples Wittlich. Sein Zeichen? Die 44, wegen der beiden D, vierte Buchstaben im Alphabet. Deshalb wurde das Jubiläum 44 Jahre groß gefeiert. Es kamen mehr Menschen als zur großen Galasitzung der Narrenzunft. Grund für einen Besuch beim Club.

Wittlich. Der Herr in Schwarz hat Schrittgeschwindigkeit drauf. Mit dem Fahrrad kann man ihn locker überholen. Seine Maschine mit dem enorm breiten Hinterreifen tuckert ungewöhnlich zahm. Es ist eine Harley Davidson, eine etwas teurere Maschine, die Kultstatus besitzt. Deshalb kommen auch jedes Jahr immer viele Schaulustige, wenn großes Harleytreffen an der Mosel ist und die Fahrer dann durch Wittlich rollen und auf dem Marktplatz Halt machen. In der Regel sind es Gutverdiener, keine Rocker. Doch genau das ist der Herr in Schwarz. Man sieht es: Er trägt Leder und auf dem Rücken das Logo des Wittlicher Motorradclubs Devils Disciples, ganz groß, gut lesbar.

Er ist einer von den Devils, wie man so sagt. Huch! Ein Jünger des Teufels? Das klingt zunächst erst mal nicht nach der Freundlichkeit und Sanftheit in Person. Und klar ist auch: Nicht jeder legt Wert auf eine Bekanntschaft mit den Devils - und umgekehrt. Denn wo "Devils" auf der Jacke, alias Kutte draufsteht, muss ein besonderer Mann drinstecken. Zum Beispiel braucht er ein Motorrad, ohne geht gar nicht. Und er muss sich durch eine besondere Art von Kameradschaft auszeichnen, die hat was mit zusammen Motorradfahren, Feiern, Trinken, Musik hören, aber auch Verlässlichkeit zu tun.
Da passt auch der Spruch, den Alexandre Dumas einst den Musketieren angedichtet hat: "Einer für alle, alle für einen." Bei den Devils hat das Motto vier Buchstaben: DFFD. Devils forever, forever devils.Sie nannten ihn Gürkchen


Das hängt auch in Großbuchstaben im Clubhaus der Wittlicher. Und manch' einer dieser Jünger hat es auf dem Arm tätowiert, wie auch die 44 auf weißem Grund in Rautenform. Die Abzeichen sind mehr als eine Ehrensache. Colour nennen sich die gestickten Stoffzeichen, die groß auf dem Rücken jedes vollwertigen Mitglieds, genannt Member, zu sehen sind. Dann gibt es noch die sogenannten Supporter, also Anhänger, und Hangarounds, vielleicht frei als zeitweise Besucher übersetzt.

Das alles erklärt Peter Thiel. Mit 63 Jahren ist er der Älteste, die jüngste heißt Sandy, andere tragen Spitznamen wie Kiften oder Pupp. "Die Namen hat man mit 14, 15 gekriegt und beibehalten", sagt einer. So wie der damalige Gründer der Wittlicher Devils, der Gürkchen genannt wurde. "Gürkchen kam eigentlich aus Bitburg. Zuerst nannte man sich Red Devils. Er war dann mal in Amerika und hat da die Devils Disciples gefragt, ob er hier einen Ableger aufmachen dürfte", erzählt Udo Wellems, einer von denen, die sich die Zeichen des Männerbundes in den Arm haben stechen lassen.
Gürkchen und das weitere Gründungsmitglied Knacker hat jedoch das große Jubiläumsfest in Wittlich, zu dem jetzt an die 1000 Menschen kamen, nicht mehr erlebt. Motorradunfall? "Nein. Der hatte hohen Zucker und hat auch so gelebt. Er ist 1995 gestorben", sagt Peter Thiel. Gekommen sei aber James aus Deudesfeld, der allerdings nicht mehr mitmache.

Und mancher kann nicht mehr, weil er seine Leidenschaft für die schweren, schnellen Maschinen mit dem Leben bezahlt hat. Ein Motorradtank an der Wand erinnert die Männer an einen Freund, der so einen tödlichen Unfall hatte. Daneben hinter Glas gerahmt, eine alte Kutte, noch aus Jeansstoff, auch "in memoriam". Die legendären Kutten, die musste man sich damals auf doch recht fiese Art erwerben: Es heißt, alle würden erst in ein Matschloch pinkeln, da käme die künftige Kutte rein, dann würde mit den Maschinen darübergerollt, irgendwann muss der neue Member dann das stinkende Ding anziehen … Ein Aufnahmeritual, abschreckend aber vermutlich unvergesslich, wie es auch andere Männerbünde aus unerklärlichen Gründen schätzen: Eklig soll's sein.
"Nein, nein, das machen wir heute nicht mehr. Überhaupt, unsere Sturm-und-Drang-Zeit ist vorbei", sagt einer. Gerade sitzen sieben der Wittlicher Devils in ihrem Clubhaus am Ortsausgang von Wittlich.Dann gibt's Lokalverbot


Draußen stehen ihre Motorräder, drinnen gibt es einen bollernden Ofen, bequeme Sitzgelegenheiten, viel Anschauungsmaterial vom Modelbike über Pokale bis zu Bildern an den Wänden und naturgemäß viel zu trinken. Es darf auch mal eine Cola sein, aber Stubbies scheinen immer zu schmecken. Das und Härteres verträgt nicht jeder gut. So scheint es auch früher mal gewesen zu sein.

Mancher sammelte daher Lokalverbote. Andere verloren ihren Führerschein. Das Clubleben kam fast zum Erliegen. Das alles ist lange her, glaubt man den Männern, die nun 44 Jahre und älter sind. Sich richtig daneben benehmen, war einmal. Aber selbst darüber gibt es beachtenswerte Geschichten: Eine heutige Professorin der Sozialwissenschaft hat vor etwa 30 Jahren im damaligen Jazzhouse bedient. Als zu später Stunde Devils, darunter einer, der gut hinüber war, in die verrufene Kneipe kamen, habe sie einen hinauswerfen wollen, ihm geraten: "Es reicht. Geh' heim." Sie war eine zierliche, junge Frau, jedoch nicht auf den Mund gefallen. Siehe da: Der große Rocker machte sich nach anfänglichem Widerstand vom Acker und: Am nächsten Tag kam er wieder, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Geht doch.
Außerdem können die Herren heute gepflegt in ihrem Clubhaus feiern, das sie seit 1992 immer weiter aus einer ehemaligen Stallung ausgebaut haben. Baron von Bönninghausen hat es ihnen damals zur Verfügung gestellt. Viele andere hatten dankend abgewunken.

Jetzt halten die Motorradverrückten alles in Schuss. Innen ist nach der Megaparty zum Jubiläum 44 Jahre alles tipptop aufgeräumt. Immerhin auch dafür gibt es eine Kutte: Ein Arbeitskittel mit Logos, na klar, und schön aufgestickt noch der Titel: Facility Manager, also Putzmann. Klar, Spaß. Den wollen sie zusammen haben. Deshalb besuchen sie andere, befreundete Clubs, machen Ausfahrten, organisieren selber Parties und bieten an jedem letzten Samstag im Monat ein offenes Clubhaus, dann kann jeder kommen und mit den Devils ein Bierchen trinken und reden, Musik hören ("außer Helene Fischer fast alles"), fachsimpeln. Was Männer gerne so machen. Und Peter Thiel ist sicher: "Bei uns kann sich einer auf den anderen verlassen. Wenn du irgendwo stehst, rufst du an, einer kommt dich holen. Wir sind immer füreinander da."

Und sie alle fahren "richtig" Motorrad: Da käme eine Neon-Warnweste naturgemäß niemals auf einen Rockerrücken: "Geht gar nicht. Alle Farben gerne, Hauptsache schwarz", sagt Hans Pargen, genannt Hacky. Probleme mit der Polizei beziehungsweise umgekehrt seien längst Vergangenheit, was ein Beamter auf TV-Nachfrage auch bestätigt. Ganz lieb ist man aber wohl trotzdem nicht immer. Einer der Kuttenträger sagt, er habe neuerdings Taxiverbot. Er erinnert sich nicht mehr warum überhaupt.Rocker der alten Garde

 Es gibt Motorräder, und es gibt Harley Davidsons. So ungefähr lautet der Stil-Code der Herren des MC.
Es gibt Motorräder, und es gibt Harley Davidsons. So ungefähr lautet der Stil-Code der Herren des MC. Foto: (m_wil )
 So sieht's aus: Das lange Haar ist heute grau, die Kutte bleibt schwarz.
So sieht's aus: Das lange Haar ist heute grau, die Kutte bleibt schwarz. Foto: (m_wil )
 Sie möchte es zur Ehrenmitgliedschaft schaffen. Eine Kutte hat Ellie schon, nur keinen Führerschein.
Sie möchte es zur Ehrenmitgliedschaft schaffen. Eine Kutte hat Ellie schon, nur keinen Führerschein. Foto: (m_wil )
 Ordnung muss sein: Räder müssen draußen bleiben. Wer sonst rein kommt, entscheiden die Members.
Ordnung muss sein: Räder müssen draußen bleiben. Wer sonst rein kommt, entscheiden die Members. Foto: (m_wil )
 Das waren noch Zeiten: Ein Bier, eine Mark. Der Getränkegutschein einer Party von 1982 ist in der Brieftasche als Souvenir immer dabei.
Das waren noch Zeiten: Ein Bier, eine Mark. Der Getränkegutschein einer Party von 1982 ist in der Brieftasche als Souvenir immer dabei. Foto: (m_wil )
 In memoriam: Der Tank gehörte einem Clubmitglied, das einen tödlichen Unfall hatte. Daran erinnert er an einer Wand im Clubhaus. TV-Fotos (7): Sonja Sünnen
In memoriam: Der Tank gehörte einem Clubmitglied, das einen tödlichen Unfall hatte. Daran erinnert er an einer Wand im Clubhaus. TV-Fotos (7): Sonja Sünnen Foto: (m_wil )
 Wer kommt denn da? Wer will: Jedenfalls an jedem letzten Samstag im Monat. Dann ist Platz im Clubhaus für jeden, der will. Draußen wird er von den blinkenden Maschinen der Motorradfahrer empfangen.
Wer kommt denn da? Wer will: Jedenfalls an jedem letzten Samstag im Monat. Dann ist Platz im Clubhaus für jeden, der will. Draußen wird er von den blinkenden Maschinen der Motorradfahrer empfangen. Foto: (m_wil )
 Einmal umdrehen bitte: So sehen die einst abenteuerlustigen Jungs, die längst ihre Jugendsünden überlebt haben, von vorne und ohne Motorradhelm aus. Die gemeinsame Uniform ist nicht das Einzige, was sie eint.
Einmal umdrehen bitte: So sehen die einst abenteuerlustigen Jungs, die längst ihre Jugendsünden überlebt haben, von vorne und ohne Motorradhelm aus. Die gemeinsame Uniform ist nicht das Einzige, was sie eint. Foto: Hans Pargen (m_wil )


Vorm Clubhaus stehen schön nebeneinander geparkt die Maschinen. Vor der Winterpause werden sie sicher nochmal angelassen und geputzt sowieso. Und was sind die schönsten Strecken vor der Haustür für eine "bullen- und schrottfreie Fahrt", wie sie sich wünschen? "Alles. Die Eifel ist traumhaft. Wer ett kann! Die Niederländer kennen keine Kurven. Das ist das Problem." Und das könnte auch denen, die ein Mal im Jahr beim Harleytreffen nach Ürzig kommen, gefährlich werden. Einer der Devils ist überzeugt: "Da gibt es welche, die fahren mit dem großen SUV bis Hontheim und kommen dann mit der Harley bis Ürzig. Das sind nicht die, die wir haben wollen."
Tja, da fällt die Suche schwer. Wie ein normaler Verein auch, hat der Club nämlich Nachwuchssorgen. Derzeit habe man rund 25 Mitglieder, davon elf wahre Disciples, also Jünger. Der zwölfte wird noch gesucht. Er müsse halt zu allen passen und sich bewähren. Aber wer will heute noch Rocker der alten Garde werden? "Ist schwierig", sagt Udo Wellems, " Und außerdem gibt es keine Motorradfahrer-App."