Auf dem Weg zur Wunsch-Schule

Bernkastel-Wittlich · Eine wichtige Entscheidung steht für die 906 Viertklässler im Landkreis Bernkastel-Wittlich nach der Zeugnisübergabe Ende Januar an: Wie soll es künftig schulisch weitergehen? Um Eltern eine Entscheidungshilfe zu geben, stellt der Trierische Volksfreund in einer Serie die weiterführenden Schulen im Kreis vor.

 Welche Schullaufbahn soll ich einschlagen? Vor dieser Frage stehen zurzeit die Viertklässler und ihre Eltern. TV-Foto: Mechthild Schneiders

Welche Schullaufbahn soll ich einschlagen? Vor dieser Frage stehen zurzeit die Viertklässler und ihre Eltern. TV-Foto: Mechthild Schneiders

Bernkastel-Wittlich. Realschule plus, Integrierte Gesamtschule und Gymnasium: Nach der Zeugnisübergabe am Freitag, 30. Januar, müssen sich die derzeitigen Viertklässler beziehungsweise deren Eltern entscheiden, wohin sie der weitere Schulweg führen soll. Hilfreich ist dabei die Empfehlung der Grundschulen.

906 Mädchen und Jungen besuchen zurzeit die insgesamt 43 Grundschulen im Kreisgebiet - sie werden ab Montag, 7. September, eine weiterführende Schule besuchen. Das sind fast 23 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren, als es 1172 Viertklässler waren.

Schularten: Im laufenden Schuljahr ist die Realschule plus die beliebteste Schulart der insgesamt 982 Fünftklässler. Vier von zehn Grundschülern, genau 41,2 Prozent, besuchen diese Schulform. In die Gymnasien zieht es knapp 36 Prozent. In die Integrierte Gesamtschule gehen 23 Prozent aller Schüler.
Vor zehn Jahren, im Schuljahr 2004/05, besuchten rund 32 Prozent der Fünftklässler das Gymnasium und 38 Prozent eine Realschule. 30 Prozent gingen auf eine Duale Oberschule, eine Haupt- oder Regionale Schule.
Schul- Wegweiser



Realschulen plus: Die Realschule plus besteht in kooperativer oder integrativer Form. Die Schüler können in beiden Varianten nach dem neunten Schuljahr die Berufsreife und nach der zehnten Klasse den qualifizierten Sekundarabschluss I, den sogenannten Realschulabschluss, erreichen. In der fünften und sechsten Stufe lernen alle Schüler gemeinsam im Klassenverband.
Ab dem siebten Schuljahr belegen die Schüler Wahlpflichtfächer wie Technik/Naturwissenschaften, Wirtschaft/Verwaltung, Hauswirtschaft/Sozialwesen und Französisch sowie weitere schuleigene Angebote.
Nach der Orientierungsstufe werden die Schüler in der Kooperativen Realschule plus leistungs- und abschlussbezogen in Klassen eingeteilt, unterteilt in Berufsreife- und Realschulzweig. Nach diesem System unterrichten die Clara-Viebig-Realschule plus Wittlich, die Friedrich-Spee-Realschule plus Neumagen-Dhron sowie die Realschulen plus Thalfang und Traben-Trarbach.
In der Integrativen Realschule plus lernen die Jugendlichen nach der Orientierungsstufe weiter im Klassenverband. Sie werden entsprechend ihrer Neigungen und Leistungen in Kursen oder Lerngruppen gefördert. Schulen in integrativer Form sind: Kurfürst-Balduin-Realschule plus Wittlich, Realschule plus Manderscheid und Freiherr-vom-Stein-Realschule plus Bernkastel-Kues.
An der Realschule plus Traben-Trarbach können Schüler nach zwei weiteren Jahren an der Fachoberschule für Gesundheit und Soziales die Fachhochschulreife erzielen.

Integrierte Gesamtschule (IGS): Als Schule für alle lernen an der IGS die Kinder mit einer Grundschulempfehlung für Realschule plus und Gymnasium gemeinsam. Ab der sechsten Klasse schnuppern sie in verschiedene Wahlpflichtfächer, die sie ab der 7. Klasse fest belegen. Die Schüler können an der IGS die Berufsreife (nach Klasse 9), den Sekundarabschluss I (nach Klasse 10), den schulischen Teil der Fachhochschulreife (nach Klasse 12, verbunden mit einem berufsbezogenen Anteil) oder die allgemeine Hochschulreife (Abiturprüfung in der 13. Klasse) erzielen.
Integrierte Gesamtschulen gibt es in den Orten Morbach und Salmtal.

Gymnasium: Absolventen eines Gymnasiums können mit einer bestandenen Abiturprüfung die allgemeine Hochschulreife erzielen. Der Abschluss berechtigt zum Besuch einer Universität oder Hochschule. Im Kreis gibt es vier Gymnasien: Nikolaus-von-Kues-Gymnasium in Bernkastel-Kues, Cusanus Gymnasium und Peter-Wust-Gymnasium in Wittlich sowie Gymnasium Traben-Trarbach, seit 2010 die einzige G8-Schule im Landkreis. Dort absolvieren die Schüler in acht Jahren das Abitur - davon drei volle Jahre in der Oberstufe.
Für die Anmeldungen zur fünften Klasse einer weiterführenden Schule benötigen Schüler folgende Unterlagen: das Halbjahreszeugnis der vierten Grundschulklasse im Original und einer Kopie, das Empfehlungsschreiben der Grundschule, das Familienstammbuch oder die Geburtsurkunde.
Extra

Michaela Brohm, Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung und Didaktik an der Universität Trier. Sollen sich die Eltern an die Schulempfehlung halten? Michaela Brohm: Für die Mehrheit der Kinder trifft die Grundschulempfehlung im Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit zu, aber bei circa einem Drittel aller Viertklässler wird wohl falsch empfohlen. Es gibt viele Kinder, die von ihren Leistungen her sowohl die Realschule als auch das Gymnasium oder die Gesamtschule besuchen könnten. Für diese Kinder eine klare Empfehlung abzugeben, ist schwierig. Leider sind die Empfehlungen der Grundschullehrer auch nicht immer objektiv: Chefarztkinder etwa haben eine viermal höhere Wahrscheinlichkeit, auf das Gymnasium empfohlen zu werden als Arbeiterkinder. Und das gilt auch, wenn das Chefarztkind weniger Leistung zeigt als das Arbeiterkind. Außerdem ist der Zeitpunkt meines Erachtens viel zu früh: Wie kann man über ein neunjähriges Kind wissen, ob es mit 19 das Abitur schaffen wird? Letztendlich sollten die Eltern gewissenhaft auf der Grundlage der Empfehlungen entscheiden. Wenn sie die Lernleistung ihres Kindes gut beurteilen können und zu einem anderen Schluss kommen als die Lehrer, so sind auch andere Entscheidungen manchmal richtig. Wie erkennen Eltern, welche die beste Schule für ihr Kind ist? Brohm: Die beste Schulform ist diejenige, an der ein Kind herausgefordert wird, ohne überfordert zu sein. Herausforderungen und Impulse führen zu Entwicklungen und zu geistigem, emotionalem und sozialem Wachstum. So sollte die Schule ein Ort der Menschenentwicklung sein. Die Gesamtschule ist eine echte Alternative zu Realschule und Gymnasium, da die Schulabschlussentscheidung erst in der 9. Klasse fällt und die Kinder in der Zwischenzeit die Möglichkeit haben, Leistungsunterschiede in Kursen auszugleichen. Wovon hängt die Entscheidung der Eltern über die Schulform für ihre Kinder ab? Brohm: Wir wissen inzwischen, dass die Schulwahlentscheidung der Eltern davon abhängt, für wie wichtig sie Bildung halten, wie ihre soziale Position und ihr Familieneinkommen ist. Das wichtigste davon ist aber der Wert, den Bildung in der Familie hat. Ist Lesen, Rechnen, Schreiben, Musizieren und Besprechen wirklich wichtig in der Familie? Wenn ja, überträgt sich das auch auf das Kind. Wenn nein, raubt die Armut an Bildung die Zukunft. Soll das Kind Ihrer Ansicht nach bei der Schulwahl mitentscheiden? Brohm: Meines Erachtens kann ein Kind die Tragweite der Entscheidung für den Bildungsverlauf des eigenen Lebens noch nicht richtig einschätzen. Die Kinder sollten ihre Ansichten natürlich äußern, aber die letztendliche Verantwortung liegt bei den erwachsenen Menschen und sollte nicht an das Kind delegiert werden. mehi