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Aus dem Tagebuch einer streitbaren Frau: Maria Reese aus Lüxem

Geschichte : Aus dem Tagebuch einer streitbaren Frau

Sie war Schriftstellerin, Journalistin, Reichtags­abgeordnete und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs politisch aktiv: Maria Reese. Am 8. Mai jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal. Aus diesem Anlass hat Gastautor Franz-Josef Schmit einen Blick in die Tagebücher der widersprüchlichen Frau geworfen, die jahrelang im heutigen Wittlicher Stadtteil Lüxem lebte.

Maria Reese lebte seit Sommer 1944 wieder in Lüxem, wo sie sich Jahrzehnte zuvor als Lehrerin beworben hatte und wo ihr Sohn bei den Großeltern aufgewachsen war.

Wiederholt hatte sie damit begonnen, wichtige Ereignisse ihres privaten und politischen Lebens in Tagebuchform festzuhalten: „So oft begonnen, Tagebuch zu führen, und dann wieder verbrannt, weil die Entdeckung den Kopf kostet. Trotzdem, es ist schade.“

In ihrem Nachlass sind 18 maschinengeschriebene Seiten vom Mai 1944 bis 4. März 1945 überliefert sowie mehrere undatierte, vermutlich zu Beginn der 1950er Jahre verfasste Aufzeichnungen. Ihre direkten Tagebuchaufzeichnungen kreisen vor allem um ihren einzigen Sohn Harro Dagobert. Dieser war wenige Wochen zuvor als vermeintlicher Wehrmachtsdeserteur in Bessarabien erschossen worden. Reese hielt auch fest, wie sie die letzten Kriegsmonate in Lüxem erlebt hat.

Sie hatte wie die meisten Dorfbewohner große Mühen angesichts der knappen Versorgungslage, das eigene Überleben zu organisieren. Ihre besondere Sorge galt ihrer betagten Mutter, aber auch drei arbeitsverpflichteten jungen Belgiern, die von den Schanzarbeiten im Westen geflohen waren und sich wieder zu ihren früheren Arbeitgebern in Lüxem begeben hatten. Außerdem kümmerte Reese sich um zwei verschleppte junge Frauen aus der Ukraine, von denen ihr die Zwangsarbeiterin Maria Heidenko aus Stalino besonders ans Herz gewachsen war.

Die Belgier dankten ihr nach Kriegsende in herzlichen Briefen für ihren menschlichen Einsatz. Von ihren beiden „Pflegetöchtern“ hörte Reese nichts mehr – sie vermutete, dass diese in ein Umerziehungslager Stalins gebracht worden waren. Wegen dieses Einsatzes wurde Reese nach eigener Darstellung von einigen Dorfbewohnern auch direkt angefeindet.

Im Gegensatz zu einigen im Ort stationierten Soldaten und Offizieren – Reese nennt letztere verächtlich „Etappenhengste“ – glaubt sie nicht mehr an den „Endsieg“ und irgendwelche „Wunderwaffen“: „Heute kam wieder ein Brief aus der Eifel, dass in der Umgegend von Gerolstein täglich drei bis vier herunterkommen. Sie nennen sie darum die „Faule I“ oder auch „Eifelschreck“.

Reese sehnt wie die meisten Dorfbewohner ein baldiges Ende des Krieges herbei: „Wenn es noch ein höheres Recht gibt, dürfen die Nazis auch nicht siegen, denn das Leid, das sie ungezählten Menschen angetan haben und noch antun würden, ist so unermesslich, dass ihm ein Ende gesetzt werden muss.“

In Lüxem, so glaubt Reese, werde man sich auf die Amerikaner freuen. Aber sie verweist auch auf eine wachsende Empörung, weil „die Amerikaner die Zivilbevölkerung auf dem Lande angreifen, die doch weder etwas zur Kriegsverlängerung oder -verkürzung tun kann. Unser Ort war bekannt für seine Sympathie für die Amerikaner, man hätte glauben können, man sei hier – wenn nicht in einem amerikanischen Dorf – so doch in amerikanischer Interessensphäre. (…) Fast begeistert schaute man früher zum Himmel auf, wenn die Bomberverbände hinüberflogen, wenn man auch bedauerte, dass es Opfer koste. Aber man hielt die Ziele doch in gewissem Sinne für kriegswichtig und fand immer Entschuldigungen, um die Menschlichkeit der Amerikaner verteidigen zu können. Seit aber die Bomben hier auf die kleinen Orte fallen, beginnt man zu zweifeln. In Platten war vor ein paar Tagen eine Bombe auf die Kirche gefallen, die an die 100 Opfer (Anmerkung des Autors: korrekt 85) in dem Dorf forderte, das kann man nicht verstehen. Wittlich sei auch unnötig im Zentrum angegriffen worden. (...) Verkehrswege aller Art, Fabriken, Knotenpunkte, alles, was den Krieg direkt verlängert oder ihm dient, das versteht man, ja das begrüßt man, denn man will ihn beendet wissen, und die meisten wollen den Untergang des Nazismus. Andererseits, wie soll das Ausland mit diesem Hitler fertig werden, der lieber das ganze Volk opfert als Schluss macht?“

Die Einwohner Lüxems erscheinen bei Reese in überwiegend positivem Licht. Als ein Oberleutnant ihr vorhält, Lüxem sei „ein kommunistisch verseuchtes Dorf“, bringt Reese das mit ihrer Person in Verbindung. Damit überschätzt sie, der es an Selbstbewusstsein nie gefehlt hat, sicherlich ihren eigenen Einfluss. Nicht zu bestreiten ist aber, dass in Lüxem wie in keinem anderen Ort des Kreises vor 1933 die Kommunisten beachtliche Stimmenanteile bei Wahlen erzielen konnten.

Pfarrer Heinrich Schneider, über viele Jahre ein enger Vertrauter von Reese, schreibt in seinem Reese-Nachruf „von über 100 eingeschriebenen KPD-Mitgliedern im Jahr 1932 in Lüxem“, was seine Seelsorgearbeit nicht gerade erleichtert habe. Reese sieht darin auch die Erklärung, „weshalb die Leute nicht mit ‚Heil Hitler‘ grüßen und nicht für die Nazis seien.“

Zwar räumt Reese ein, es gebe einige „kleine Nazis“ im Dorf, um dann aber festzustellen: „In unserem Ort gab es aber nie mehr als höchstens drei begeisterte Hitler. Die anderen warteten ab, soweit sie Hitler nicht hassten.“ In einigen Fällen glaubt Reese jedoch, Dorfbewohner wegen allzu unvorsichtigem öffentlichen Reden und dem Hören von „Feindsendern“ warnen zu müssen.

Selbst sieht sich Reese auch in Gefahr, noch denunziert zu werden. „Aber ich bin ja geschickt bei der Propaganda, habe das ja zu lernen Zeit gehabt“, schreibt sie in Anspielung auf ihre früheren Tätigkeiten bei den Sozialdemokraten, Kommunisten und zuletzt bei der Anti-Komintern in Goebbels Propagandaministerium. Vor allem aber sei „die Zersetzung doch schon weit fortgeschritten, man braucht nicht mehr in jedem Fremden einen Gestapospitzel zu sehen.“

Beleg dafür ist für sie auch folgender Vorfall: „Der Lehrer Fey aus Wengerohr, der früher in Hupperath angestellt war und ein ziemlich großschnauziger Nazi ist, hielt in Minderlittgen eine Rede und sagte, er sei stolz, dass sein einziger Sohn bei der Luftwaffe für Deutschland gefallen sei. Der Erfolg war, dass ihn die anwesenden Männer schallend auslachten.“ Und Reese fügt hinzu: „Die Bauern sind sehr einfache Menschen, die alles Unnatürliche verabscheuen. Und so weit ging ihr Respekt vor den Nazis denn doch nicht, dass sie sich diesen Blödsinn ruhig vorsetzen ließen.“

Als ein erster US-Vortrupp am 10. März 1945 einrückt, fallen vom Hang an der Häusergrenze des Ortes Schüsse, ohne dass jemand zu Schaden kommt. „Ich vermute“, schreibt Reese, „dass ein Offizier der abrückenden Deutschen irgendeinen idiotischen Jungen für diesen Streich gewonnen hatte, der leicht die Zerstörung des ganzen Dorfes hätte nach sich ziehen können.“ Der Ortsbürgermeister übergibt mit der weißen Fahne in der Hand das Dorf, und Reese hält fest: „Dass die Amerikaner anständig blieben, hielt man für selbstverständlich. So waren eben Amerikaner!“

Das politische Leben von Maria Reese war wahrhaftig nicht frei von Widersprüchen – ihre Gegner sprachen von „Charakterlosigkeit“, sie selbst von einem „tiefen Gesinnungswandel“. Etliche Ausführungen in ihren Aufzeichnungen erscheinen zumindest aus heutiger Sicht irritierend: So sorgt sie sich einerseits um das Schicksal der in Berlin untergetauchten jüdischen Familie Büchler, die sie von Lüxem aus nicht mehr mit Lebensmitteln unterstützen kann. Andererseits operiert die damals 55-Jährige mit antijüdischen Klischees und Ressentiments: „Was aus Amerika an Hassausbrüchen kommt, kommt von einem traditionsbeladenen Volk, von den Juden. Menschlich ist es zu verstehen, aber es ist klein und falsch, und es ist der Grund, weshalb der Antisemitismus in der Welt nicht ausstirbt. Der Nationalsozialismus wird aussterben, die Juden aber nicht, und eines Tages wird man sich ihrer Hassausbrüche erinnern und sie nicht mehr verstehen. Sie schießen immer übers Ziel hinaus…“

Auch gibt die frühere Kommunistin Reese den deutschen Juden zumindest eine „Mitschuld am Siege Hitlers“, wenn sie ernsthaft fragt: „Was taten sie, ihn vorher zu bekämpfen?“ Nicht anders haben deutsche Kommunisten – vor allem auch in der späteren DDR – argumentiert, um Juden über viele Jahre nicht als „Opfer des Faschismus“ anzuerkennen und vom öffentlichen Gedenken weitgehend auszuschließen. Bolschewismus und Nationalsozialismus setzt Reese wegen der „Barbarei“ auf die gleiche Stufe und relativiert gleichzeitig die Verbrechen des NS-Regimes: „Auch wenn die Nazis barbarisch waren, so viel Unglück haben sie doch kaum über ein Volk gebracht wie die Angloamerikaner über die Deutschen mit ihren Flugzeugen, mit denen sie ohne Gefahr auf Menschenjagd gehen können und gehen. Sicher ist anzunehmen, dass es die Nazis im Falle solcher Luftstärke genauso gemacht hätten, aber bei den Luftangriffen auf London waren breite Volksschichten Deutschlands voller Empörung, wenn sie auch nichts unternehmen konnten, und wenn man gewillt ist, es genauso zu machen, ja noch toller, weshalb schimpft man dann über die Nazis?“

Eine Bescheinigung für Maria Reese von Dr Toussaint. Foto: TV/Franz-Josef Schmit
Maria Reese Foto: Franz-Josef Schmit Foto: TV/Franz-Josef Schmit
Maria Reese Foto: Franz-Josef Schmit Foto: TV/Franz-Josef Schmit
Maria Reese mit Zwangsarbeiterin aus der Ukraine beim Lesen einer alten Ausgabe der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung. Foto: TV/Franz-Josef Schmit

Das antifaschistische Engagement von Maria Reese bis zu ihrem KPD-Austritt war ohne Zweifel beeindruckend. Dass die Nazis sie ab 1935 eingebunden haben, ohne dass man ihren Diensten wirklich getraut hat, ist ebenfalls nicht zu bestreiten. Politische Irrtümer hat Maria Reese bis zu ihrem Lebensende nicht bei sich selbst, sondern bei ihren wahren oder vermeintlichen Gegnern gesehen. Das bezeugen auch ihre Tagebuchaufzeichnungen.