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Aus der Doppelstadt auf die Doppelinsel

Aus der Doppelstadt auf die Doppelinsel

TRABEN-TRARBACH. Vor 20 Jahren kehrte der Mathematiker Karl Scherer seiner Heimat Traben-Trarbach den Rücken und wanderte nach Neuseeland aus. Am anderen Ende der Welt wurde er heimisch und kreativ. Doch regelmäßig zieht es ihn von Auckland mit seinen mehr als einer Million Einwohnern zurück in das beschauliche Traben-Trarbach.

In diesem Jahr verdankt er seine Deutschland-Reise einer Einladung der Universität Jena, wo er zwei Vorlesungen über Mathematik und mathematische Spiele gehalten hat. Nach dem Abitur hatte Scherer seine Lieblingsfächer Mathemathik und Physik als Nebenfächer studiert und mit dem Diplom abgeschlossen. Anschließend promovierte er und arbeitete als Programmierer. "Ich wollte mich immer mal umgucken, gerne am Meer leben und eine zweite Sprache sprechen", sagt Karl Scherer, und so schaute er sich Australien und Neuseeland an, und die Wahl fiel auf die Doppelinsel im Pazifik, wo er im Computerbereich tätig war. Seit nunmehr 20 Jahren lebt der 54-Jährige auf der Südhalbkugel, und mit Ehefrau Megan an seiner Seite ist er dort "total glücklich". Er fühle sich als Weltbürger, erklärt Scherer, der kein Heimweh kennt, den die Mosel aber dennoch nicht ganz losgelassen hat. "Es gibt kaum Ecken auf der Welt, wo es so schön ist", hat er festgestellt. Wasser, Wald und Berge sind die richtige Mischung, und so fühlt er sich während seiner Deutschland-Besuche hier auch immer wieder wohl, zumal er viele alte und neue Freunde in der Heimat hat. Seinen Beruf hat er inzwischen an den Nagel gehängt. "Als Vermieter kann ich nicht reich werden, aber es reicht zum Leben", sagt Scherer, der sich nun ganz seinen Interessen widmet und dabei jeden Gesprächspartner zum Staunen bringt. Ungelöste Probleme liebt er, und daraus entstanden drei mathematische Bücher. Er hat fast 500 Computerspiele programmiert und einige hundert Computergrafiken kreiert; er erfindet Geduldspiele, entwirft mathematische Mosaike, die für den Laien einfach nur atemberaubend schön sind, und er hat einen Gedichtband herausgebracht, der satte 347 Seiten umfasst. "Die Gedichte werden nicht gemacht, sie kommen", erklärt er schmunzelnd, und schon zitiert er den jüngsten Reim, der ihm "gestern beim Autofahren" in den Sinn kam. Viele heitere Verse hat er festgehalten, und er ist dem großen Komiker Heinz Erhardt dabei dicht auf den Fersen. "Wir haben ja auch am selben Tag Geburtstag", klärt Scherer schmunzelnd auf. Aber wie der Faden aus dem von ihm entwickelten Puzzle-Anhänger herauszukriegen ist, ohne ihn durchzuschneiden oder das kunstvoll geformte Metallgebilde mit der Zange durchzukneifen, verrät er nicht. Ein Geduldspiel für kluge Köpfe - blindes Probieren ist zwecklos -, aber Scherer hatte schon Kandidaten, die nur fünf Minuten nachdachten und die Lösung hatten. "Die meisten Künstler und Erfinder sterben arm, man muss das alles aus Spaß machen", sagt der 54-Jährige, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und festgestellt hat, dass die Deutschen sich gerne beschweren und viel jammern. "Alle klagen, dass sie kein Geld haben, aber wenn man hohe Ansprüche hat, ist das Leben eben schwer". Die Leute müssten ein bisschen bescheidener werden, meint Scherer, der selbst ein gutes Beispiel dafür ist. "Ich habe einen alten Fernseher und fahre das billigste Auto", sagt er zufrieden. Acht Wochen ist er in Deutschland, Mitte August geht es zurück auf die Doppel-Insel, die fast genau unterhalb der Doppelstadt liegt, würde man sich von hier durch die Erde bohren. "Wo ich bin, mach' ich mir mein Zuhause", sagt Karl Scherer, der sich auch nach 20 Jahren in der Fremde in Traben-Trarbach immer wieder heimisch fühlt.