Auslandsdeutsche sprechen Hunsrückerisch in Brasilien

Auslandsdeutsche : Hunsrücker Platt unter Palmen

Im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina gibt es eine deutschstämmige Gemeinde. Ihre Vorfahren stammen aus dem Hunsrück. Bloggerin Isabel Pitz erforscht die Geschichte der Deutschbrasilianer und hat sich zudem als Kandidatin für die „Auslandsdeutsche des Jahres“ beworben.

Eine aus dem Hunsrück stammende Brasilianerin könnte in diesem Jahr zur „Auslandsdeutschen des Jahres“ gekürt werden. Isabel Pitz aus Santa Catarina hat sich für den Titel beworben. Sie hat es ins Finale des Wettbewerbs geschafft, der von der Internationalen Medienhilfe veranstaltet wird. Die Medienhilfe ist ein Netzwerk deutschsprachiger Medien mit Sitz in Berlin und will mit diesem Wettbewerb das Engagement von jüngeren Frauen in deutschen Gemeinschaften im Ausland unterstützen, wie Björn Akstinat, Leiter des Netzwerks, erläutert.

Neben drei weiteren Bewerberinnen aus Paraguay, Ungarn und Australien kämpft Pitz um den ersten Platz des Wettbewerbs, in dem jeder online abstimmen kann.

Isabel Pitz betreibt den Blog „Deutschbrasischland“ und setzt sich in der Provinz Santa Catarina für die deutschsprachige Gemeinde ein. Außerdem betreibt sie intensiv Ahnenforschung. Ihre Wurzeln reichen tief in die Region, denn sie hat Vorfahren im Hunsrück, in Oberemmel, Cochem, Trier und Luxemburg nachweisen können. Ihre Muttersprache ist portugiesisch, aber sie hatte sich schon früh für die ursprüngliche Sprache ihrer Famlie interessiert.

Bloggerin Isabel Pitz erforscht die Geschichte der Deutschbrasilianer

Pitz arbeitet als Verwaltungsassistentin in einem Unternehmen in der Hauptstadt Florianópolis und als Direktorin der kulturellen Abteilung in der ,,Associação Caminhos da Imigração Alemã“, eine Gemeinschaft, die Feste ,Events und Messen fördert, in denen die deutsche Kultur gezeigt wird.

„Schon als Kind war ich neugierig. Ich beobachtete meine Großeltern, Tanten und Onkeln, inklusive meine Mutter, und bemerkte, daß sie eine andere Sprache sprachen und verschiedene Gewohnheiten hatten. Ich hörte Familiengeschichten an, die mir als Kind wie ,fantastische Geschichten aus einer zauberhaften Welt’ vorkamen. Das hat mich interessiert. Denn nur diese Verwandten hatten ,,spezielle“ Gewohnheiten und sprachen eine andere Sprache. Alle meine anderen Verwandten sprachen nur Portugiesisch. Meine Cousine, mein Vater, meine Kollegen in der Schule, meine Geschwister und ich: niemand sprach so wie meine Mutter und meine Großmutter sprachen (zumindest wenn sie untereinander waren). Die konnten eigentlich gar kein Portugiesisch.“

Ihre Mutter entdeckte ihr Interesse und begann, ihre Tochter in Deutsch zu unterrichten. „Aber meine Mutter konnte gar kein Hochdeutsch. Sie konnte nur Hunsrückerisch und wusste das gar nicht,“ sagt Pitz. Das lag daran, dass die deutsche Sprache eine Zeit lang in Brasilien Vergessenheit geraten war.

Warum, das erklärt Isabel Pitz folgendermaßen: „Unter der Regierung von Getúlio Vargas in 1930er Jahren und 1940er Jahren wurden alle ausländischen Sprachen verboten, hauptsächlich Deutsch, Italienisch, Japanisch und die Dialekte. Die Deutschstämmigen wurden verfolgt. Bücher wurden verbrannt und Radiosendungen auf Deutsch durfte man nicht hören. Das war eine schreckliche Zeit für meine Großeltern und für alle Auslandsdeutschen.“

Ihre Mutter wusste zwar, dass sie Deutsche war. Sie wusste aber nicht dass sie Hunsrückisch sprach, schließlich sei kein Hochdeutsch an der Schule gelehrt worden. Pitz: „Sie lernte zuhause Hunsrückisch mit ihrer Eltern und ihren Großeltern, bis sie sechs Jahre alt war und lernte Portugiesisch in der Schule.“

Und so spricht auch Isabel Pitz heute einen alten Hunsrücker Dialekt, wie er vor über 100 Jahren gesprochen wurde und hat sich anschließend ebenfalls Hochdeutsch angeeignet. Ihr brasilianisches Hunsrückerisch ist eine außergewöhnliche Mischung aus verschiedenen Dialekten.

Hunsrückisch stammt aus den deutschen Dialekten Rheinfränkisch und Moselfränkisch, die im 19 Jahrhundert mit den Einwanderern nach Brasilien gebracht wurden, ein brasilianischer Einfluss kam dazu. Pitz gibt dafür Beispiele: ,Fernsehen heißt bei uns auf Hunsrückisch „,Televisióon“, auf portugiesisch heißt es aber „Televisão“.“

In ihrem Blog „Unsere Geschichte: Genealogie und Geschichte der Schmitz - Pitz Familie in Santa Catarina“ veröffentlicht sie Fotos und die Ergebnisse ihrer Forschungen.

„Meine Familie stammt mütterlicherseits von Einwanderern aus dem Hunsrück ab. Die Familien Pütz, Schmitz, Kuhn und Gesser kamen aus Oberemmel, Cochen, Koblenz und Trier. Nur meine Ur-Ur-Urgroßmutter Schappo kam aus Luxembourg, aus dem Kanton Clerf.“

Die erste große Einwandererwelle gab es im Oktober 1828, als viele Deutsche mit der ,,Johanna Jacobs” nach Brasilien segelten, erklärt sie. „Nach einem langen und anstrengenden Aufenthalt in Rio de Janeiro fuhren zwei Schiffe (Luiza und Marquês de Vianna) nach Nossa Senhora do Desterro (heute Florianópolis, die Hauptstadt des Bundestaats Santa Catarina) ab. Dort gründeten sie die kleine deutsche Siedlung São Pedro de Alcântara.“

Alcântara wurde so die erste deutsche Siedlung im Bundestaat Santa Catarina. In diesem Bundesstaat gibt es viele Kommunen, die von deutschen Einwanderern gegründet wurden. „Früher waren es kleine deutsche Kolonien; heute sind es große und wichtige Städte. Die deutschen Einwanderer leben hauptsächlich in der Region um die

Hauptstadt Florianópolis. Außer dem Hunsrückisch gibt es in Santa Catarina viele weitere Gemeinden verschiedener Deutschstämmiger, wie die Bayerische, die Bucovinen, die Pommerische, die Sächsische und sogar eine Luxemburgische Gemeinde. Übrigens gibt es in unserer Region das größte Oktoberfest außerhalb von Deutschland.“

Die Facebook-Seite und der Blog Deutschbrasischland hatten vor einem Jahr noch 300 Anhänger. Inzwischen sind es fast 50000 Menschen, die ihre Seite abonniert haben.

Einen Traum hat Isabel Pitz: „Ich war noch nie in Deutschland. Ich würde gerne den Heimatort meiner Vorfahren kennenlernen. Eine Familie aus Koblenz, mit der ich Kontakt habe, hat das Haus des Vaters vom Michael Pütz im Oberemmel gefunden. Ich möchte es eines Tages besuchen.“

Wer mit abstimmen will, kann bis zum 10. Dezember eine E-Mail mit dem Namen seiner Favouritin an info@imh-service.de schicken. Die Kandidatin, die die meisten Stimmen aus verschiedenen Ländern erhält, hat gewonnen. Das steht Mitte Dezember fest. Infos zum Wettbewerb gibt es unter www.medienhilfe.org

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