Bald regiert Bacchus: Moselgemeinde Kesten hat erstmals einen Weinkönig

Bald regiert Bacchus: Moselgemeinde Kesten hat erstmals einen Weinkönig

Ein Novum in Kesten: Erstmals wird ein Mann für den örtlichen Wein Werbung machen. Sven Finke wird beim Weinfest zum Bacchus gekürt. In seinem Amt wird ihn Weinprinzessin Julia Haas unterstützen. Damit das Team auf den vielen Terminen auch Wein trinken kann, hat sich schon ein Fahrer gefunden: Finkes Lebensgefährte, mit dem er in Kesten wohnt.

Kesten. Eigentlich war es eine Schnaps (oder auch Wein-) Idee: Beim Kestener Weinfest im vergangenen Jahr feierte Sven Finke mit. In lockerer Runde kam das Gespräch auf die Weinkönigin, die ihre zweijährige Regentschaft mangels Nachwuchs bereits verlängert hatte, aber nicht mehr weitermachen wollte. Auch sonst fanden sich keine jungen Damen, die das Amt weiterführen wollten.

Da sagte Finke: "Ich mach' Euch die Weinkönigin!" Das Thema war dann eine Weile in Vergessenheit geraten. Aber eines Tages kam Finke zur Gemeinderatssitzung, weil er sich für die Ausstattung mit Internet engagiert und zudem die Kestener Homepage gestaltet hatte. "Ich hatte den Tagesordnungspunkt ,Wahl zur Weinkönigin' gar nicht im Programm gesehen. Sonst hätte ich mir schon was denken können", erinnerter sich und schmunzelt. Denn plötzlich sagte Bürgermeister Michael Beer: "Wir haben einen Kandidaten!" Und damit war Sven Finke gemeint.

Die Aussage vom Weinfest war nicht in Vergessenheit geraten. "Der Gemeinderat applaudierte, und ich war total überrascht", sagt Finke heute. Die Stelle wurde natürlich offiziell ausgeschrieben, weitere Bewerber fanden sich aber nicht. Finke hatte Zeit, es sich zu überlegen. "Ich habe mit mir selbst diskutiert und dachte, so eine Chance kriege ich nie wieder." So wurde das neue Amt des "Bacchus Castanidi", der Weingott von Kesten, geschaffen - und Finke vom Gemeinderat einstimmig gewählt.

Es ist für ihn in doppelter Hinsicht Neuland: Er ist der erste Mann, der den Ort vertritt. Und er lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Dazu sagt Finke: "Ich bin so aufgewachsen. Meine Homosexualität ist für mich völlig ok. Man liebt ja eine Person und kein Geschlecht." In den vergangenen Wochen habe er ein einziges Hetzplakat gegen Schwule im Ort gesehen, das aber ein engagierter Nachbar sehr schnell weggenommen habe. "Es gibt halt immer mal einen Neider. Aber sonst ist die Resonanz im Dorf sehr positiv", sagt Finke, für den seine Sexualität auch letzten Endes Privatsache ist: "Wenn jemand kommt und mich fragt, dann sage ich das. Aber mir geht es nicht darum zu predigen."

Finke will in den nächsten zwei Jahren seine Energie lieber für die Werbung für Kesten aufwenden. Der 24-jährige Jurastudent, der ursprünglich aus Kröv stammt, bereitet sich derzeit gemeinsam mit Weinprinzessin Julia Haas auf sein Amt vor. Dazu haben sie ein Weinköniginnenseminar des Moselwein e.V. in Bullay besucht und dort mit zwölf Weinhoheiten gelernt, wie man auftritt, wie man Fragen beantwortet und sich über den Weinbau informiert.
Das gesamte Dorf unterstützt ihn, wie Finke versichert: "Wir haben viel zu tun und jede Hilfe ist willkommen."

So hat die Tante seines Lebenspartners ihm eine römische Toga genäht, sogar mit einem Geheimfach fürs iPhone, damit Finke erreichbar ist und auch in den sozialen Medien am Ball bleiben kann. "Auch dort habe ich schon sehr viele nette Kommentare erhalten." Ortsbürgermeister Michael Beer lobt sein großes Engagement: "Er setzt sich sehr für den Ort ein und macht sich viel Arbeit für sein Amt. Für uns ist das ja auch ein Alleinstellungsmerkmal, einen Bacchus statt eine Weinkönigin zu haben. Er hat viel Rückhalt im Ort." Ein erster Höhepunkt seiner Amtszeit wird die Krönung auf dem Straßenfest am 12. August sein "Dann ist Kesten der Mittelpunkt der Welt", sagt Finke. Aber auch in den kommenden zwei Jahren wird er mit seinem Gefolge unterwegs sein.

"Man besucht sich auf den Weinfesten untereinander, von Mehring bis Briedel", sagt Finke. Und damit er und seine Prinzessin auch ein Glas Wein trinken können, übernimmt sein Lebenspartner den Job des Fahrers. Finke hat aber auch noch weiterführende Ideen: "Eine Toga und eine Flasche Wein kann man immer ins Gepäck packen."Besuch bei Olivia Jones


Im Oktober macht er ein Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei in Hamburg: "Da gehe ich als Bacchus auf die Reeperbahn und besuche die Travestiekünstlerin Olivia Jones. Denn wo ich bin, da will ich was für Kesten und den Wein tun."

Für seine zukünftige Prinzessin, Julia Haas, ist es ebenfalls Neuland, mit einem männlichen Partner auftreten. Aber dafür kann sie als bereits amtierende Prinzessin einige Erfahrungen beisteuern, um Finke zu unterstützten. "Ich stelle mir das schön und lustig vor. Viele Leute haben mich darauf angesprochen. Das ist mal was ganz Neues, mit einem Mann zu den Auftritten zu gehen. Das lasse ich alles mal auf mich zukommen."

Was macht Bacchus Finke sonst so? "Internet und digitale Technik faszinieren mich, aber ich fahre auch gerne Achterbahn", verrät er. Dazu gibt es ein Forum im Internet, in dem sich Achterbahnfans verabreden. "Einmal in der Woche fahre ich zur Entspannung in Riol Sommerrodelbahn", sagt Finke. hpl

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