Baustelle geht, Brasserie kommt

Das zweite große innerstädtische Bauvorhaben nach dem Projekt "Altstadt-die Neue" in der Neustraße steht vor dem Abschluss: Im Erdgeschoss der aufwendig sanierten und umgebauten Alten Posthalterei soll ab Mitte Juni eine Brasserie eröffnen. Die beiden Obergeschosse will die Stadt Wittlich nutzen.

Wittlich. Mächtig und bei aller Größe doch elegant ragt am Marktplatz eine historische Immobilie in Wittlichs Stadthimmel. Sie stellte einst sogar das Rathaus in den Schatten, die ehemalige Posthalterei Thurn und Taxis. Die eigentliche Posthalterei wurde bereits 1726 fertiggestellt, die erhaltene Fassade des barocken Bürgerhauses später. Das Haus gehörte seit 2004 zu Wittlichs prominentesten Leerständen: Davor wurde es bis 2004 noch zum Wohnen genutzt. Eine weitere Funktion fürs innerstädtische Leben hatte es nicht.
Heimat- Geschichte(n)


Genau das zeigte auch der Bau deutlich: Seit 1973 führte sein prächtiges Hauptportal, dessen Stufen auf dem Pflaster des Marktplatzes auslaufen, wortwörtlich ins Nichts: Hinter Treppe und repräsentativer Tür war alles abgerissen worden, um Platz für die sogenannte Freckmann-Passage zu machen.
Das Modehaus Freckmann gibt es nicht mehr in Wittlich. Aber es gibt einen Investor aus den Niederlanden, der mehrere Millionen Euro (die Summe bleibt stets ungenannt) in die Alte Posthalterei steckt. Für ihn arbeitet der Architekt Peter Berdi, um mit der komplett sanierten Posthalterei das Zentrum der Stadt Wittlich wiederzubeleben.
Und das unterstützt von der Stadtpolitik (der TV berichtete mehrfach). Das Vorhaben mitten auf dem Marktplatz steht zudem unter Dauerbeobachtung der Öffentlichkeit. Seit Ende 2013 ist das Gebäude eine Baustelle. Der Fortschritt ist stets im Blick der Bürger.
So bleiben die Wittlicher und Stadtbummler auch jetzt kurz vor Fronleichnam auf dem Markt stehen, als der riesige gläserne Aufzug angeliefert wurde, der das Gebäude seitlich barrierefrei zugänglich machen wird. Ob da ein Gewächshaus geliefert werde, fragt einer. Andere wissen Bescheid: Das wird der Außen-Aufzug an der rechten Gebäudeseite.
Dazu steht in der Endphase häufig das neue alte Hauptportal offen, das nicht mehr ins Nichts führt sondern in die künftige Brasserie Balthazar. Schon glitzern dort im Erdgeschoss die Kristallleuchter an den hohen Decken, drücken sich Ledersitze an die Wände.
Mitten drin steht Roland Hach. Er wird gemeinsam mit Michael Brost, beide Gastronomen kommen vom Trierer "Coyote" nach Wittlich, Mitte Juni die Brasserie Balthazar eröffnen. Die beiden wollen Wittlichs neueste Gastwirte sein. "Das ist unser zehntes Projekt. Uns hat das Gesamtpaket einfach überzeugt", sagt Roland Hach, während Glaser einen riesigen Spiegel an ihm vorbeitragen und draußen die LKW mit den Aufzugteilen rangieren.
Vor ihm steht eine Theke, dahinter sind die Regale für Flaschen, Gläser & Co. noch nicht bestückt.
Das soll sich bald ändern. Denn bald sollen die Menschen wie zur Postkutschenzeit hier einkehren, um zu essen, zu trinken, sich zu amüsieren, einen schönen Abend zu verbringen. Oder einen schönen Tag draußen. In und vor der Posthalterei soll es Platz für jeweils 100 Gäste geben. Die Gastronomie, die von Anfang an Teil des Sanierungs- und Umbaukonzeptes war, ist zentraler Anker des Konzeptes, das dem innerstädtischen Leben neuen Schwung geben soll. Das passt in ein Förderprogramm: Zu Beginn der Arbeiten Ende 2013 hat Joachim Winkler, Pressesprecher des Innenministeriums, mitgeteilt, es gebe für die private Modernisierungsmaßnahme aus dem Programm Aktive Stadtzentren einen Zuschuss von 373 330 Euro. Für ein aktives Stadtzentrum sind nun nicht nur die Investoren und die Politik gefragt sondern auch die Bürger, indem sie das neue Angebot nutzen.Extra

Was die Bürger bislang von dem Projekt denken, hat TV-Mitarbeiterin Valerie Schneider nachgefragt. Die alteingesessene gastronomische Konkurrenz in direkter Nachbarschaft, das Café am Markt, will dem Trierischen Volksfreund keine Auskunft dazu geben. Die Baustelle ist auf jeden Fall nicht spurlos an den Geschäften am Marktplatz vorübergegangen: "Wir haben seitdem weniger Kunden. Das liegt an dem ganzen Fuhrpark vor der Tür. Die Kunden beklagen sich, dass sie vor lauter Autos den Eingang nicht mehr finden", erklärt Brigitte vom Dorff vom Modegeschäft Charles Vögele. Vor dem Geschäft stehen tatsächlich über zehn Fahrzeuge: Tischler, Elektriker, Maler und Gebäudereiniger, Isoliertechniker. "Die Kunden freuen sich auch, wenn das ein Ende hat!", sagt vom Dorff, die in der Neueröffnung nebenan auch das Gute sieht: "Alles, was wieder Leben hier in die Innenstadt bringt, ist positiv!" Passantin Lydia Kever aus Daun versteht das Problem des Modegeschäftes: "Es wundert mich nicht, dass da alle vorbeigehen, man kann den Eingang ja gar nicht mehr sehen!" Die Autos vor der Tür haben auch Stefanie Ehlen von "Ehlen - Die Frisöre" gestört. "Wir freuen uns wirklich, wenn es endlich vorbei ist, weil es genervt hat. Wir sind aber gespannt auf die Gastronomie. Es ist wirklich schön geworden." Diese Einstellung teilen die meisten Passanten. "Ich freue mich, wenn der Marktplatz wieder so aussieht wie früher, oder sogar noch schöner", meint Willi Waxweiler. Eine Wittlicherin, die ungenannt bleiben will, bedauert, dass keine zweiläufige Treppe in das erneuerte Gebäude führt: "Es tut mir leid um eine schöne zweiläufige Treppe, so wie das zu so einem Barockhaus einfach dazugehört. Aber wenn die Maschinen weg sind, sieht das toll aus, denn es wurde viel Kapital und viel Liebe zum Detail hineingesteckt. Sogar an den Seitenteilen wurden die Fenstergewände aufwendig neu gestaltet!" vasExtra

1726 wurde die Postkutschenlinie in der Eifel-Mosel-Region eröffnet. Der Trierer Kurfürst als Landesherr wollte das fortschrittliche neue Verkehrsmittel Postkutsche nutzen und ließ erstmals seit der Römerzeit eine durchgängig befahrbare Straße zwischen Trier und Koblenz bauen. Alle 20 Kilometer gab es Pferdewechselstationen wie in Wittlich. Posthalter Fier stellte damals Pferde für das neue Verkehrsmittel bereit und sorgte für die Bewirtung der Passagiere. red