Beim Kikeriki atmen alle auf

Die Weinlese ist ein beschwerliches Geschäft, vor allem, wenn das Gelände keine Maschinen zulässt. So wie im "Spaßweinberg" von Ingrid Herres-Ertz im Herzen des Piesporter Goldtröpfchens. Neben der extremen Steillage erschwerte auch Matsch das Ende der Lese.

Piesport/Minheim. Die ganze Nacht hat es wie aus Eimern geschüttet. Auch am Morgen hört der Regen nicht auf. Aber es hilft nichts, für die Trauben ist es höchste Zeit. Sie müssen runter vom Stock. Ingrid Herres-Ertz und ihr Lebensgefährte treffen sich um 9 Uhr mit ihren Helfern an ihrem Weinberg unterhalb der Panoramastraße nahe Minheim. 400 Weinstöcke in Steilstlage warten auf sie.
Von den Eltern geerbt


Ingrid Herres-Ertz hat den kleinen Wingert mit Blick auf Piesport von ihren Eltern geerbt und denkt nicht daran, ihn wie die benachbarten Weinberge links und rechts verkommen zu lassen. Piesporter Goldtröpfchen muss man pflegen, findet die Rentnerin, trotz aller Beschwerlichkeit. Mit modernen Maschinen ist hier nichts auszurichten. Kein Traubenwagen, kein Vollernter können hier zum Einsatz kommen. Die Gegebenheiten des Geländes und die eng stehenden Rebstöcke fordern Improvisation. Nur ein altmodischer Schlitten erleichtert die Lese. Er hängt an einem Drahtseil, an dem ein kleiner roter Traktor mit einer Winde die Ausbeute nach oben zieht.
Die Söhne der Weinbergsbesitzerin und deren Partnerinnen sowie Freundin Hilde sind zur Unterstützung gekommen. "Normalerweise beginnt man unten", erklärt Josef Steffen, der Lebensgefährte der Winzerin. Er ist als pensionierter Banker zwar kein Fachmann, aber seit Jahren engagiert bei der Sache. "Bei dieser Steilstlage ist es einfacher, von oben nach unten zu arbeiten." Die Helfer haben ihre Not, in dem extremen Hang einen stabilen Stand zu bewahren. Weinstock für Weinstock knipsen sie die Trauben ab und werfen sie in Eimer, die bei dem Gefälle immer umzukippen drohen.
Ingrid Herres-Ertz kam schon als kleines Kind hierher. "Es war der Lieblingsweinberg meines Vaters", erzählt die Winzertochter aus Piesport. Ihre Mutter war dem Weinberg so verhaftet, dass sie sogar noch am Tag der Niederkunft in dem Steilhang arbeitete.
Die Weinstöcke auf dem Schieferboden sind 100 Jahre alt. Ihren "Spaßweinberg", nennt Ingrid Herres-Ertz die Fläche mit den rund 400 Rebstöcken. Immerhin bringt er ihr jedes Jahr etwa 400 Flaschen Piesporter Goldtröpfchen für den Eigenverbrauch und zum Verschenken.
Nach eineinhalb Stunden hört es endlich auf zu regnen, und Josef Steffen lädt die ersten acht gut gefüllten Kisten auf den Schlitten. Per Handy gibt er das Signal an Carsten Herres, der vom Traktor aus die Seilwinde in Bewegung setzt. Der Schlitten arbeitet sich durch den glitschigen, tiefen Matsch den Berg hinauf. Oben laden die beiden Männer die Kisten ab und tragen die 25 Kilo schweren Behälter auf den Anhänger an ihrem Auto.
Eine Jause zur Belohnung


Zum Mittag schallt das Geläut der Piesporter Kirchenglocken auf den Berg hinauf. Die Sonne kommt raus. Kurz darauf ist es geschafft. "Das Schönste ist, wenn\'s fertig ist", atmet Kai Herres auf.
Der jüngere Sohn der Hobbywinzerin ist wie sein Bruder Carsten lieber Polizeibeamter als Winzer geworden. Der ältere lässt allerdings als Hobbywinzer Leidenschaft erkennen. Er werde den Weinberg einmal weiter bewirtschaften, sagt Mutter Ingrid mit der Inbrunst der Überzeugung.
Dann setzt sie an und ruft zwei Mal "Kikeriki". "Das bedeutet, wir haben den Hahn gefangen", erklärt sie den alten Brauch, der das Ende der Lese anzeigt. Die Männer füllen die letzten Trauben aus den Eimern in die Kisten auf dem Schlitten, dann machen sich alle auf den Weg nach oben.
Nach dem rutschigen Aufstieg, der manches Schlammbad fordert, wartet die Belohnung. Das, worauf sich alle am meisten gefreut haben: Die Jause mit Rollbraten im Brötchen, Kaffee und Kuchen.