Beim Kinderschutz Fehler vermeiden
Seit zwei Jahren gibt es ein Netzwerk im Landkreis Bernkastel-Wittlich, das helfen soll, Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung zu schützen. Bei einer Tagung des Netzwerks ging es um mögliche Probleme der im Netzwerk organisierten Helfer.
Wittlich. (sys) Laut einer Erhebung von Unicef sterben bundesweit jährlich 80 bis 120 Kinder an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung. Um Kinder besser zu schützen, gibt es im Landkreis Bernkastel-Wittlich seit zwei Jahren das Netzwerk "Guter Start ins Kinderleben - Erziehungskompetenz stärken". In ihm arbeiten Menschen aus den Bereichen Jugendhilfe, Gesundheitshilfe, Justiz, Polizei, Schulen, Kindertagesstätten und Beratungsstellen zusammen. Dass diese Zusammenarbeit gelungen sei, hob Stephan Rother, Kinderschutzbeauftragter der Kreisverwaltung, bei der Tagung des Netzwerks im Wittlicher Jugendheim St. Bernhard als Erfolg für den Kinderschutz hervor.
"Ziel unserer Netzwerkarbeit ist der Aufbau eines Frühwarnsystems, das es ermöglicht, durch frühzeitiges Erkennen von Risikofaktoren mit Familien in belasteten Lebenssituationen in Kontakt zu treten", so die Landrätin Beate Läsch-Weber.
Auffallend ist, dass im Kreis die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern drastisch gestiegen ist. Wurden 2008 noch 19 Kinder aus ihren Familien herausgenommen, waren es 2009 bis einschließlich Oktober (Zahlen für November/Dezember liegen nicht vor) schon 43. Den Anstieg erklärt die Kreisverwaltung mit einer "erhöhten Sensibilität" der Umgebung.
Persönlicher Eindruck statt Aktenlage
Im Mittelpunkt der Tagung stand der Vortrag von Vanessa Schnorr, Diplompädagogin an der Universität Koblenz-Landau. Unter dem Titel "Qualitätsentwicklung im rheinland-pfälzischen Kinderschutz" beleuchtete sie, durch welche Abläufe Helfer die Gefahr für Kinder im schlimmsten Fall erhöhen können. Die Fehlerquellen wurden in einem landesweiten Modellprojekt festgestellt. Ein Fehler sei es, sich auf Akten zu verlassen, anstatt sich einen persönlichen Eindruck von der Familiensituation zu verschaffen. Zudem verhindere die Schweigepflicht die Weitergabe wichtiger Informationen. Verantwortlichkeiten seien dar über hinaus oft nicht klar geregelt. Gefährlich werde es, wenn es Helfer versäumten, die Vorgeschichte der Eltern, die möglicherweise mit Alkohol, Vorstrafen oder Depressionen zu tun habe, zu berücksichtigen. Die Gefährdung des Kindes wachse auch, wenn die Helfer wegen mangelnden Personals überlastet seien oder die Zuständigkeiten oft wechselten.
Vanessa Schnorr betonte, wie wichtig es sei, dass Helfer ihr eigenes Handeln hinterfragten und ihre Arbeit zusätzlich von Dritten kontrolliert werde. Der Weg des Netzwerks sei richtig: "Kooperation ist die einzige Möglichkeit, eine Wende in schwierige Kinderschutzfälle zu bringen."EXTRA Bedrohung erkennen: Diplompädagogin Vanessa Schnorr gab Tipps, wie eine Bedrohung des Kindeswohls festzustellen sei. Folgende Fragen sollten Helfer stellen: Wie ist die körperliche und psychische Verfassung des Kindes? Versorgen die Eltern das Kind ausreichend und bieten sie Sicherheit? Was belastet die Bezugspersonen? Wie ist ihre Lebenssituation? Sind die Eltern bereit, Hilfe anzunehmen? Sind die Helfer in der Lage, Hilfe zu gewährleisten? Verfügen die Helfer über ausreichend Personal? (sys)EXTRA Ergebnisse der Netzwerk-Arbeit im Landkreis: Der Diplompädagoge Stephan Rother bezeichnete es als "Riesenerfolg", dass die unterschiedlichen Berufsgruppen mittlerweile Hand in Hand für den Schutz von Kindern arbeiteten. Besonders hob er hervor, dass das Jugendamt seit September 2009 rund um die Uhr über Polizei und Krankenhäuser erreichbar sei. Ein Schwerpunkt zur Prävention von Kindesmisshandlung liege in der Familienbildung, die das Netzwerk mit der Veröffentlichung von Elternratgebern fördere. Ab Herbst plane das Gesundheitsamt, gemeinsam mit einem Kinderarzt in Kitas über die Untersuchungen zu informieren, auch in russischer und türkischer Sprache. Zudem werde ein Konzept zur sozialen Gemeindearbeit entwickelt, das überlasteten Eltern ehrenamtliche "Familien-Paten" an die Seite stellen will.(sys)