Berlin - Wittlich - Paris mit einem PS: Im Mai 1928 bereiste der Eiserne Gustav auf seiner letzten Fahrt auch die Eifel
Alf/Wittlich · Mit seiner legendären Droschkenfahrt nach Paris hat sich der Berliner Fuhrherr Gustav Hartmann im Jahre 1928 einen lange gehegten Traum erfüllt, der ihn zum gefeierten Volkshelden der Deutschen machte. Die 2000 Kilometer lange Route führte den Eisernen Gustav seinerzeit durch die Stadt Wittlich, wo er gefeiert wurde.
Es war ein außergewöhnliches Ereignis für die Menschen in der Region, als der letzte Berliner Droschkenfahrer Gustav Hartmann vor 87 Jahren die Moseleifel auf seiner legendären Berlin-Paris-Fahrt besuchte.
Ein Tag vor Hartmanns Ankunft in der Stadt Wittlich wurde vor Ort bekannt gegeben, dass der rüstige Kutscher aus Richtung Alf kommend in der Eifelstadt eintreffen werde. So erwarteten zahlreiche Wittlicher am 16. Mai 1928 die Anreise des sogenannten Eisernen Gustavs, der mit seiner Fahrt gegen die zunehmende Motorisierung des Taxigewerbes protestierte.
An den Straßenrändern versammelten sich viele Schaulustige, um die angekündigte Einfahrt des einspännigen Fuhrwerks samt Lenkers nicht zu verpassen.
Das Wittlicher Tageblatt vom 16. Mai 1928 berichtete: "Trotz der Kürze der Zeit hatte sich am Ausgang der Friedrichstraße doch eine Menge Neugieriger eingefunden, die dem historischen Moment des Einzuges des biederen Berliner Rosselenkers in unsere Mauern beiwohnen wollten. Bürgermeister Neuenhofer ließ es sich nicht nehmen, den ungewöhnlichen Gast namens der Stadt Wittlich mit einer Flasche 21er Wittlicher Portnerberg, "unserer besten Flasche des Jahrhunderts", zu begrüßen.
Anschließend fuhr das mit Fahnen, Wimpeln und Blumen geschmückte Gefährt, das von dem braunen Wallach Grasmus gezogen wurde, langsam durch die Straßen der Eifelstadt. An der Droschke hingen Schilder mit der Aufschrift: "Der älteste Fuhrherr von Wannsee und Gründer der Wannsee-Droschken, erlaubt sich, mit der Droschke 120 die letzte Fahrt Berlin - Paris zu machen, da das Pferdematerial im Aussterbeetat steht".
Hartmann reiste in Begleitung des Berliner Zeitungsreporters Hans Hermann Theobald, der die gesamte Fahrt dokumentierte und daraus ein großes Medienereignis machte. Überall winkten die Menschen dem Eisernen Gustav zu und empfingen ihn mit herzlichen Willkommensgrüßen. Am Marktplatz angekommen, kehrte Hartmann in das Hotel Well ein und ruhte sich aus.
Die spätere Abreise des Eisernen Gustavs beschrieb das Wittlicher Tageblatt mit einem Hauch Wehmut: "... und als das für unsere heutigen Augen so bescheidene Gefährt verschwand, als der weiße Hut zum letztenmale aufleuchtete, da war es, als ob eine gute schöne Zeit, die noch nicht das Hetzen und Jagen unserer Tage kannte, nun auf Nimmerwiederkehr von uns gegangen sei. Über den Markt aber knatterten die Motore. Dem biederen Gustav glückliche Fahrt auf den weiteren Weg!" Am 4. Juni 1928 erreichte Hartmann sein Fahrtziel und fuhr durch die Porte de Pantin in Paris ein. Auch dort wurde er von vielen Menschen begeistert empfangen und gefeiert. Drei Monate später kehrte der Berliner am 12. September 1928 als Volksheld in seine Heimatstadt zurück, wo er von 300 000 Anhängern am Brandenburger Tor bejubelt wurde.
Nach seiner Reise gründete der Eiserne Gustav eine nach ihm benannte Stiftung für die Hinterbliebenen von zu Tode gekommenen Taxifahrern.
Seine 2000 Kilometer lange Reise bildete die Vorlage für Hans Falladas Roman "Der Eiserne Gustav" aus dem Jahre 1938. Der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit Heinz Rühmann sowie Gustav Knuth verfilmt.Extra
Gustav Andreas Theodor Hartmann wurde am 4. Juni 1859 in Magdeburg geboren. Nachdem er eine Lehre zum Bäcker absolvierte, zog der Sohn eines Kutschers in die Reichshauptstadt Berlin. Dort eröffnete er einen Kolonialwarenladen, der jedoch nicht den erhofften Erfolg mit sich brachte. So gründete Hartmann am 1. April 1885 sein eigenes Fuhrunternehmen in Berlin-Wannsee. Am 23. Dezember 1938 starb der sogenannte Eiserne Gustav als Volksheld im Alter von 79 Jahren. Er wurde auf dem Alten Friedhof Wannsee in Zehlendorf bestattet, wo er ein Ehrengrab der Stadt erhielt. Zum Andenken an den bekannten Fuhrherrn wurde an seinem früheren Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht sowie ein Denkmal in Berlin Tiergarten errichtet. phi