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Betrügerische Bettelbriefe aus Schweden

Bernkastel-Wittlich. Am Tag vor dem Ball des Weines steht bei Ulrich Spier das Telefon nicht still. Nicht weil er das Ereignis zum Abschluss der Weinbautage in Bernkastel-Kues organisiert, sondern weil unter seiner E-Mail-Adresse Bettelbriefe verschickt wurden, wonach er Geld braucht und in Göteborg festsitzt. Die Kripo Wittlich kennt diese Masche. Sonja Sünnen

Bernkastel-Wittlich. Wer Moselwein kennt, kennt womöglich Ulrich Spier. Der Traben-Trarbacher arbeitete als Oberlandwirtschaftsrat bei der Fachstelle für Weinbau, ist Kommentator von Weinproben, engagiert sich in der Vereinigung ehemaliger Bernkasteler Weinbauschüler und organisiert in diesem Zusammenhang das gesellschaftliche Ereignis zum Abschluss der Weinbautage: den Ball des Weines, der am Samstag war (der TV berichtete). Schafft es ein solcher Mann, der donnerstags als Festorganisator in Bernkastel war, über Nacht nach Göteborg zu reisen, dort in die Bredouille zu kommen, und freitags früh einen Hilferuf an "Millionen" Bekannte und Freunde zu senden, um um Geld zu bitten? Und verliert ein Mann solchen Kalibers auch noch seine Deutschkenntnisse? Wohl kaum. Dafür bekommt ein solcher Mann unverhofft "Tausende" Anrufe. "Bei mir steht das Telefon nicht mehr still. Ich bin irgendwann gar nicht mehr drangegangen", sagt Ulrich Spier am Freitag. Bei jedem Anruf, den er entgegennimmt, erfährt er das Gleiche: Unter seiner E-Mail-Adresse hat jemand einen Bettelbrief geschrieben und mit Ulrich Spier unterzeichnet. Darin ist zu lesen, dass der Traben-Trarbacher angeblich in Göteborg Tasche, Pass, Kreditkarte verloren hat und schnell Geld braucht. Weiter steht in der E-Mail: "Ich gebe dir zurück, sobald ich da bin. Ich muss unbedingt auf dem nächsten Flugzeug zu bekommen." Angesichts des merkwürdigen Deutschs und der wegen des Ballereignisses unwahrscheinlichen Schwedenreise reagieren die meisten Mailempfänger mit der Löschtaste. Andere greifen zum Telefon: "Ich bin von überall angerufen worden. Ernst hat das kaum einer genommen, doch einige waren besorgt. Die meisten wissen, dass ich mit dem Ball genug zu tun habe und hier bin. Als Allererstes bin ich zu einem Computerfachmann gegangen, habe die Passwörter geändert und so weiter. Aber ich bin schon irritiert darüber, wie so etwas möglich ist." Ein Hacker müsse sich Zugang zu seiner E-Mail-Adresse und den gespeicherten Kontaktdaten verschafft haben.
Dabei hat der Traben-Trarbacher tatsächlich Freunde, die unter allen Umständen hilfsbereit sind: Beim Ball des Weines am Samstagabend wurde der Bettelbrief vorgelesen und bekannt, dass zumindest zwei Mailempfänger glaubten, Ulrich Spier sei in Not. Einer hat Geld überwiesen, konnte es aber zurückbuchen. Bei einem anderen ist der Transfer an die Western Union Bank fehlgeschlagen. "Bei allen Umständen: Beeindruckend war für mich die Anteilnahme", sagt Ulrich Spier am Montag. Er hat Anzeige erstattet. Svenja Kriebel, Kriminalhauptkommissarin, sagt: "Das kommt selten zur Anzeige. Die Dunkelziffer ist unbekannt, aber es ist immer dieselbe Masche."
Über gefälschte Bettelbriefe zu versuchen, an Geld zu kommen, fällt für die Polizei unter Betrug, Ausspähen von Daten und Fälschung beweiserheblicher Daten. Die Aufklärung ist schwierig. Svenja Kriebel sagt: "Und die Empfänger sollten, wenn sie Zweifel haben, als Erstes versuchen, den Freund anzurufen."Extra

Gehackte Internetadressen: Wenn das Passwort zum persönlichen Mail-Zugang geknackt wird, haben Fremde unbemerkt Zugriff auf das System und auch gespeicherte Kontaktadressen. Wenn dann Täter unter dem Deckmantel der realen Adresse Briefe versenden, können sie anschließend ein neues Passwort wählen. Damit kommt der ursprüngliche Nutzer der E-Mail-Adresse nicht mehr an seine Mails heran und kann auch nicht Kontakte über den Betrug informieren. Die Empfänger können die "falsche" Post an folgenden typischen Merkmalen erkennen: Meist wird in der Notruf-Mail ohne wirkliche Details zu schildern vorgetäuscht, der Absender sei im Ausland und habe Geld, Kreditkarte, Pass etc. verloren. Ein telefonischer Kontakt sei nicht möglich, nur eine Kommunikation über die Mail. Die Botschaft habe diesen Weg an Geld zu kommen empfohlen. Das Geld soll meist überwiesen werden. Oftmals sind die unpersönlichen Texte in fehlerhaftem Deutsch verfasst. sos