Bewusst leben, voll Staunen

Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Vetter: "An Vaters Todestag habe ich am Grab mit dem Alten Zwiesprache gehalten...", und eine Nichte erzählte mir, dass sie sich am Todestag ihrer Mutter in den Wagen setzt, alte Wege, die ihre Mutter liebte, abgefahren und dabei laut die Lieblingslieder ihrer Mutter gesungen habe, als letztes "Großer Gott! Wir loben dich!" Wie nah uns Tote doch sein können, ja sind! Diese Erfahrungen machen viele von uns. Allerheiligen und Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag, der November bringt uns ja wie kein anderer Monat das gedenken an all' die Menschen nahe, die wir geliebt und die schon von uns gegangen sind. Mit ihnen Zwiesprache halten über ihren Tod hinaus kann Rat und Hilfe sein. Mit ihnen und für sie beten, tröstet uns. Der Gedanke an den eigenen Tod dagegen erschreckt uns. Wie schnell schieben wir ihn beiseite. Halten wir ihn aber aus, so drängen sich sofort Fragen auf, die wir nicht beantworten können. Weder über den Zeitpunkt noch über das, was danach kommt, wissen wir etwas. Menschen, die dem Sterben nahe waren oder nahe sind, geben uns manchmal einen ganz wichtigen Hinweis, unser Leben in der Gewissheit des eigenen Todes richtig zu leben. Einen todkranken Jungen will ich es hier sagen lassen. Sein Ansprechpartner ist Gott. "Es war früh am Morgen...Ich habe gespürt, dass Du da warst. Dass Du mir Dein Geheimnis verraten hast: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal. Ich habe auf das Licht geschaut, die Bäume, die Vögel, die Tiere. Ich habe gespürt, wie die Luft durch meine Nase strömt und wie sie mich atmen lässt. Ich habe gespürt, wie ich lebe. Ich bebte vor reiner Freude. Vor Glück, da zu sein. Ich war überwältigt." (Entnommen dem Buch von Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa) Bewusst leben, voll Staunen und Dankbarkeit, hält er den Blick auf das eigene Sterben als Teil dieses Lebens aus, und diese Haltungen schaffen Vertrauen, dass ich nach meinem Tod gut aufgehoben sein werde. Der kleine Junge stellt drei Tage vor seinem Tod einen Zettel auf seinen Nachtisch, auf dem steht: "Nur der liebe Gott darf mich wecken." Ilse Limper Wittlich

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