Beziehungskiller Karneval?

BERNKASTEL-WITTLICH. Karneval kann auch zum Problem werden: Nicht selten sind Aktivitäten des Partners in der fünften Jahreszeit ein Thema bei Trennungsberatungen von Paaren. Diese Erfahrung hat der Konfliktberater Aloys Leyendecker aus Pies-port gemacht.

Sie kann mit Karneval gar nichts anfangen, er dafür um so mehr. Leidenschaftlich gerne steht er in der Bütt. Sie hingegen sagt: "Ich schäme mich, wenn mein Mann sich auf der Bühne zum Narren macht."Fälle wie dieser sind bei Konfliktberater Aloys Leyendecker aus Piesport schon des öfteren in der Trennungsberatung aufgetaucht. Es muss also nicht immer gleich der klassische Seitensprung sein, der Paare im feucht-fröhlichen Treiben ins Straucheln bringt. In etwa zehn Prozent seiner 200 Trennungsberatungen sei Karneval ein Thema gewesen, schätzt Leyendecker.

Eifersucht wegen Karneval: eher ein Männerthema

Eifersucht - nicht auf einen Menschen, sondern auf das Engagement im Karneval - macht der Konfliktberater als ein weiteres Problem aus. Eifersüchtig auf die Karnevalsaktivitäten sind in Leyendeckers Fällen eher die Männer. "Wenn die Frauen eifersüchtig sind, dann eher wegen Hobbys wie Traktoren oder Motorrädern." Für Frauen, gerade auf den Dörfern, sei Karneval oft die einfachste Möglichkeit, mal rauszukommen, spekuliert der Berater. Die Frauen, die oft für die Familienarbeit zuständig seien, fänden in der auf eine Zeitspanne beschränkten Vorstandsarbeit, beim Kostüme nähen oder auch in der Bütt oft Selbstbestätigung.

Problematisch kann Karneval für Paare auch werden, wenn einer der beiden Partner das fröhliche Feiern als "Markt der Möglichkeiten" begreift. Leyendecker berichtet von "einem sehr traurigen Fall". 16 Jahre hatte ein Paar keinen Sex. Sie war eine lebensfrohe Frau aus einer Großstadt am Rhein, die an Karneval auflebte und sich immer recht aufreizend kostümierte. Er wurde sauer, wenn er nur sah, was sie anzog. Sie sagte: "Das habe ich gebraucht, ich wollte wissen, wie ich auf Männer wirke." Der Seitensprung kam in dieser Trennungs-Geschichte erst ganz zum Schluss.

In anderen Beratungsfällen von Leyendecker spielte der Seitensprung im Karneval eine größere Rolle. Und mühelos stellt der Berater auch für die neuen, sexuellen Erfahrungen im närrischen Treiben verschiedene Kategorien auf. Leyendecker unterscheidet den Seitensprung aus Rache, den Seitensprung als Hilferuf beziehungsweise Rettungsversuch, und den Seitensprung aufgrund einer sexuellen "Unterversorgung", die daher rühre, dass die Partner verschiedene Bedürfnisse hätten. Leyendecker konstatiert: Letzteres komme verstärkt vor.

Kommunikation als Schlüssel

Bei all den Problemen drängt sich die Frage auf: Ist Karneval eigentlich ein Beziehungskiller? Leyendecker, der selbst Karnevalist ist, gibt Entwarnung: "Der Karneval ist nicht der Grund für die Paar-Probleme, der eigentliche Grund liegt in der problematischen Paardynamik." In der Beziehung vorhandene Probleme träten an den tollen Tagen verstärkt ans Licht.

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Und nun die gute Nachricht: Abhilfe ist möglich, meint Leyendecker. "90 Prozent der Trennungen, die ich gemacht habe, hätten nicht sein müssen." Die wichtigste Hilfe zur Bewältigung der Probleme in Paarbeziehungen ist für Leyendecker eine verbesserte Kommunikation. Der Berater plädiert für Kommunikation als Schulfach. "Unsere Beziehungen sind im Wandel, wir haben keine Vorbilder mehr. Gerade in Zeiten des Wandels ist der Austausch zwischen den Partnern jedoch besonders wichtig, um die Beziehung zu gestalten und das Für und Wider von Rollenmustern zu hinterfragen."

Also alle zur Paarberatung? Leyendecker verneint. Single, phasenweise Paarbeziehung, Patchworkfamilien - alle Modelle haben für ihn ihre Berechtigung. Alles ist erlaubt. Wie im Karneval eben. In diesem Sinn: Frohes Feiern!

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