1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Blinder Geistlicher predigt im Hunsrück

Blinder Geistlicher predigt im Hunsrück

Er hält Gottesdienste, traut Brautpaare, tauft Kinder und teilt das Abendmahl aus: Michael Jörg aus Bischofsdhron ist seit kurzem als ehrenamtlicher Geistlicher für die evangelische Kirche tätig. Das Besondere an dem 51-Jährigen: Er ist blind. Unterstützung bekommt er von Gemeindemitgliedern – und von seinem Blindenhund Paco.

Wenn Schulen, Banken oder Rathäuser eingeweiht werden, ist es guter Brauch, dass Vertreter der Kirchen die neuen Gebäude segnen. Doch als der Bischofsdhroner Michael Jörg bei der Einweihung des Morbacher Kindergartens Auf der Huhf als Vertreter der evangelischen Kirche von der katholischen Gemeindereferentin Gerlinde Paulus-Linn nach vorne geführt wird, merken die Besucher: Hier ist etwas anders als sonst. Der evangelische Seelsorger ist durch eine Netzhautdegeneration seit 1998 blind. Doch für Jörg, der als Prädikant (siehe Extra) in der evangelischen Kirche tätig ist, ist das kein Problem. Die Predigten schreibt er an seinem Computer für Sehbehinderte und lernt diese auswendig, genauso wie Bibelstellen, die er zitiert. "Manchmal frage ich auch andere Gemeindemitglieder, ob diese die Stellen vorlesen", sagt er.
Jörg hat erst am 24. Mai nach einer zweijährigen Vorbereitung sein Amt in der evangelischen Kirche begonnen. Damit kann der 51-Jährige die gleichen geistlichen Tätigkeiten wie ein Pfarrer übernehmen, sagt er. Jörg darf predigen, Gottesdienste halten, das Abendmahl austeilen, Ehen trauen, Kinder taufen oder Verstorbene beerdigen. Der Unterschied zur Position eines Pfarrers: "Ich darf keine Pfarrverwaltung übernehmen." Zudem ist Jörg als Prädikant ehrenamtlich tätig. Nach ersten Absprachen soll Jörg in Morbach und Thalfang ökumenische Segnungen und Trauungen vornehmen. Außerdem soll er die Pfarrer entlasten und unterstützen, beispielsweise als Urlaubsvertretung oder bei Gottesdiensten und Taufen. Weitere Aufgaben werden sich noch ergeben, sagt Jörg. Auch aus anderen Pfarreien seien schon Anfragen für Predigten gekommen. Uschi Fusenig, Synodalbeauftragte für Prädikantenarbeit im Kirchenkreis Trier, lobt: "Jörgs Predigten sind tiefsinnig. Er durchdenkt die Texte, sodass die Menschen etwas für sich mitnehmen können."
Jörg, der ursprünglich der katholischen Kirche angehörte, ist durch seine protestantische Frau Ingrid zur evangelischen Kirche gekommen. "Der Morbacher Pfarrer Florian Brödner hat mich angesprochen, ob ich nicht in der Kirche mitarbeiten will", erzählt Jörg. Dies sei nichts Ungewöhnliches, denn viele Katholiken helfen in der evangelischen Kirche, sagt er. 2008 ist Jörg zur evangelischen Kirche konvertiert. 2009 hat er seine ersten Predigten gehalten, 2011 mit der Ausbildung zum Prädikanten begonnen.
Unterstützung aus Gemeinde
Bei seiner Tätigkeit wird er von anderen Gemeindemitgliedern unterstützt, die ihn zu seinen Terminen fahren oder den Prädikanten in eine Kirche, die Jörg bisher nicht kennt, einweisen. "Ich lasse mir sagen, wo die Kanzel ist und wo die Menschen sitzen, damit ich diese ansprechen kann", sagt er. Manchmal ist auch Blindenhund Paco dabei, der sich so lange ruhig hinlegt, bis Jörg seine Aufgaben erledigt hat.
Wenn Jörg nicht für die Kirche tätig ist, kümmert er sich um seine beiden Kinder im Alter von fünf und drei Jahren, während seine Frau Ingrid arbeitet. Ein drittes Kind lebt bei Jörgs erster Frau. Dann heißt es für Jörg wie bei jedem sehenden Vater: "Brote schmieren, Essen kochen, und die Kinder vom Kindergarten abholen."
Extra Prädikant

Der Begriff Prädikant lässt sich mit Prediger übersetzen. Im Bereich der evangelischen Kirche im Rheinland gibt es etwa 600 ehrenamtliche und 120 beruflich mitarbeitende Prädikanten.
Gemeindemitglieder, die Prädikant werden wollen, sollen mindestens 25 Jahre alt und rhetorisch gewandt sein und sich außerdem bereits im Gemeindeleben bewährt haben. Sie benötigen eine ausreichende Allgemeinbildung, müssen biblische Kenntnisse besitzen und Verständnis für theologische Fragen haben. cst