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"Bloß nicht als Grünschnabel outen"

"Bloß nicht als Grünschnabel outen"

TRIER. (al) Bei Tim Vogel geht die Post ab, was Mädchen betrifft ­ das erzählt er jedenfalls. Seiner Mutter ist es nicht recht, dass Janine bei ihm übernachten will, schließlich ist er erst 14 Jahre.

Tim ist mit seinem Freund Leo unterwegs. Leo hat schon viel Erfahrungen mit Mädchen, zumindest behauptet er das gerne. "Ich weiß alles über Sex, und zwar nicht nur aus dem Fernsehen, hehe!" Und dann erzählt er immer ganz heiße Storys. "Neulich mit Cora, das war geil, Alter...", meint er zu Tim. Der hört mit großen Ohren zu. "Ob das alles so stimmt?", denkt er hinterher. Haben die wirklich bei Leo Zuhause so wild rumgemacht? "Und du?", fragt Leo und grinst ihn an. "Wie läuft's mit Janine?" Tim schluckt etwas. Zugegeben: Er und Janine sind verknallt. Geknutscht haben sie auch schon. Aber viel mehr war da noch nicht. "Die ist richtig scharf auf mich, ey", sagt er zu Leo. "Ich könnte dir Dinger erzählen, da haste noch nie von gehört!" "Das ist ein typisches Gespräch für Jungs", sagt Michael Charles, Diplom-Pädagoge. Der Sexualberater von Pro Familia in Trier hat immer wieder mit Jugendlichen zu tun, die Fragen zu Liebe und Sexualität haben. "Da wird oft so getan, als ob man schon viel Erfahrung hätte. Aber meistens ist das nur heiße Luft." Der Grund für dieses Verhalten sei der enorme Druck bei Jungs, sexuelle Erfolge vorweisen zu müssen. "Gerade in der Pubertät gibt keiner gerne zu, dass er noch nicht viele Erfahrungen hat. Man(n) will sich dann bloß nicht als Grünschnabel outen." Generell gilt bei solchen Geschichten: Es wird mehr erzählt, als wirklich passiert ist. Schon deswegen gibt es keinen Grund, sich zu schämen, wenn man noch nicht viel Erfahrungen mit Mädchen hat. Neulich auf Kevins Geburtstagsfete haben Tim und Janine das erste Mal so richtig geküsst ­ Zungenkuss. Bei einem schmusigen R'n'B-Song ist Tim plötzlich ganz mutig geworden und Janine fand das auch gut. Dieses Wochenende wollen die beiden wieder auf eine Party und danach bei Tim schlafen. Mutter Tanja ist gar nicht von der Idee ihres Ältesten angetan. Bei diesem Thema ist sie sowieso zurückhaltend. "Lieber nicht", meint sie. Als sie es ihrem Mann Thomas erzählt, sagt der nur: "So was hat Zeit. Dafür ist er noch zu jung. Basta!" Dieser Schuss könnte auch nach hinten losgehen. "Wenn Tim unbedingt mehr Zärtlichkeiten mit Janine möchte, wird er es eben woanders tun", gibt Charles zu bedenken. Die Eltern sollten besser das Gespräch mit ihrem Sohn suchen. "Es empfiehlt sich, dafür alltägliche Situationen zu nutzen. Sexualität gehört zum Leben, man sollte sie nicht extra behandeln, wenn man darüber redet". Wenn es mit dem Gespräch nicht klappt, hilft manchmal auch ein Aufklärungsbuch weiter. "Einfach liegen lassen und abwarten. Bei Interesse wird der Jugendliche schon darin lesen." Tim überlegt: An seine Eltern kann er sich kaum wenden, um mehr Brauchbares über Sex und Mädchen zu erfahren. Leo denkt, dass er schon alles wüsste. Das geht also auch nicht. Aber wen kann er dann fragen? "Im Internet bietet Pro Familia die Jugend-Plattform www.sextra.de an. Dort können Jugendliche alle möglichen Fragen zum Thema stellen", gibt Michael Charles einen Tipp. "Auf jeden Fall sollte man sich mit tieferen sexuellen Kontakten Zeit lassen", rät der Experte. Aber auch Eltern können sich Hilfe aus dem Netz holen: www.treffpunkteltern.de bietet Hilfe in Erziehungsfragen. Außerdem kann man sich in der Region auch telefonisch an Pro Familia wenden oder vorbeikommen. Trier: 0651/22660, Kochstraße 4, 54290 Trier Gerolstein: 06591/983790, Hauptstraße 17, 54568 Gerolstein. Interessante Info-Broschüren für Jugendliche gibt es auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.bzga.de.