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Blutprobe verschwunden: 71-Jähriger zu Geldstrafe verurteilt

Blutprobe verschwunden: 71-Jähriger zu Geldstrafe verurteilt

Ein bisher einmaliger Fall: Aus der Polizeiinspektion Wittlich verschwand im Juli ein Röhrchen mit einer Blutprobe. Verurteilt wurde nun ein 71 Jahre alter Mann, der vorher Schlangenlinien gefahren sein soll. Er bestreitet die Tat. Das Gericht glaubt, dass nur er die Möglichkeit hatte, an das Röhrchen heranzukommen, und verurteilte ihn zu einer Strafe von 1200 Euro.

Blutproben gehören für die Polizei zum Alltag. Alleine am vergangenen Wochenende musste sich fast ein Dutzend Verkehrsteilnehmer bei der Wittlicher Polizei einem Alkoholtest unterziehen (der TV berichtete). Dass auf deren Dienststelle ein Röhrchen mit einer Blutprobe verschwindet, wie am 8. Juli geschehen, ist aber eine Besonderheit. "So etwas ist vorher nie vorgekommen", sagt der Polizist, der den Verlust bemerkte und vor dem Wittlicher Amtsgericht als Zeuge gehört wird. Entwendet hat das Röhrchen nach Meinung von Staatsanwältin Annkatrin Wegemund und Richterin Silke Köhler ein 71 Jahre alter Mann aus der VG Wittlich-Land.

Die Sicht des Mannes: Er war am 8. Juli in einer Gastwirtschaft. Kaum da, kommt die Meldung, dass die Polizei draußen steht. "Da habe ich mir gesagt, ich muss langsam machen, und habe nur drei Stubbis getrunken", erzählt er. Auf der Nachhausefahrt wich er mehrfach Schlaglöchern aus. Ein Auto folgte ihm bis zu seinem Haus. Da erst merkte er, dass es sich um zwei Polizisten in einem Zivilfahrzeug handelte. Die wollten seine Papiere sehen. Weil er die im Haus gehabt habe, ging er dorthin, öffnete die Tür und wollte sie anlehnen. Da bemerkte er jemanden hinter sich und bekam ohne Vorwarnung eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht.
Nachdem der Atemalkohol (0,99 Promille) gemessen wurde, fuhr er mit zur Blutentnahme. Das Röhrchen habe er aber nicht entwendet. Wieder zu Hause, sei er mehrere Stunden spazieren gegangen, um sich von dem Angriff mit Pfefferspray zu erholen.

Die Sicht der beiden Polizisten: Der Mann fuhr in Schlangenlinien. Von Schäden auf der Straße bemerkten die Beamten nichts. Stoppzeichen mit Kelle und Lichthupe befolgte der Mann nicht. Bei dem Anwesen angekommen, wollte der Angeklagte ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen. Sie stemmten sich dagegen. Ein Beamter setzte nach mehrmaliger Vorwarnung das Pfefferspray ein. Nach der Blutprobe in der Wache ist der Mann für kurze Zeit alleine im Raum. Kein anderer Unbefugter außer ihm hatte Zugang. Der 71-Jährige verließ den Raum eilig. Eine halbe Stunde später wurde festgestellt, dass die Probe, die sich in einem Postumschlag befand, verschwunden war. Die Beamten fuhren wieder in den Wohnort des Mannes, um eine weitere Probe anzufordern, trafen ihn aber nicht an.

Die Auffassung von Verteidiger und Richterin: Der Mann habe keinen Grund gehabt, die Probe verschwinden zu lassen, sagt Hans-Stefan Maßem. Die Blutprobe hätte erfahrungsgemäß weniger als 0,99 Promille ergeben. Der Angeklagte habe befürchten müssen, dass er doch zu viel getrunken habe, sagt Silke Köhler. "Angst ist ein Motiv", fügt die Richterin an.

Die Strafe: 1200 Euro (30 Tagessätze von jeweils 40 Euro). Das Verfahren wegen Trunkenheit am Steuer wird eingestellt. Der Mann bekommt noch im Gerichtssaal seinen Führerschein zurück. Verteidiger Maßem überlegt, ob er Rechtsmittel einlegt.