Borkenkäfer setzen Fichten massiv zu

Holzmarkt und Waldsterben : Borkenkäfer setzt Fichten der Hunsrücker Wälder massiv zu

Das zweite trockene Jahr in Folge beunruhigt die Förster. Die Menge an Schadholz in Fichtenbeständen ist 2019 im Forstamt Idarwald bis zu 50 Mal so hoch wie üblich. Hinzu kommt, dass sich die  Holzpreise im freien Fall befinden.

Auf  den ersten Blick bietet der Wald bei Gonzerath mit seinen Fichtenbeständen den gewohnten Anblick. Doch Gerd Womelsdorf, Leiter des Forstamtes Idarwald, schüttelt nur mit dem Kopf. „Anfang der 1980-er Jahre hatten wir das durch sauren Regen verursachte Waldsterben. Die daraufhin erfolgten Reduzierungen beim Schwefeldioxid-Ausstoß hatten damals Wirkung gezeigt. Doch das hier ist eine andere Hausnummer“, sagt er. „Der Klimawandel ist auch in den höher gelegenen Hunsrücker Wäldern angekommen.“ Der Grund für seine Besorgnis: das zweite zu trockene Jahr in Folge. Denn die Fichte leidet als Flachwurzler massiv unter den geringen Niederschlägen. „Wenn der Wasserspiegel sinkt, ist sie schnell an ihren Grenzen“, sagt er. Was bedeutet, dass Schädlinge, insbesondere der Borkenkäfer, derzeit leichtes Spiel haben. Sie bohren sich durch die Rinde in den Baum. Bei normalen Wetterbedingungen produziert der Baum Harz und verklebt den eingedrungenen Schädling. Doch in diesem Jahr reicht dafür das Wasser nicht mehr.

Revierleiter Bernd Spier weist auf eine bereits gefällte Fichte im Gonzerather Hinterwald. Darauf sind viele Bohrlöcher zu sehen, die mit Bohrmehl umgeben sind. „Hier sieht man keinen Harzfluss mehr“, sagt er. Spier reißt kurz an der Rinde. Darunter sind die typischen Gänge des Buchdruckerszu sehen, die den Baum innerhalb weniger Wochen absterben lassen.

Die Waldfläche bei Gonzerath ist eher ungewöhnlich für das Aufkommen des Schädlings, sagt Spier. „Normalerweise befällt der Borkenkäfer Bäume neben freien Flächen, wie sie bei Windwurf entstehen. Jetzt haben wir sie mitten im Bestand, das haben wir so noch nie gehabt“, sagt er. In etwa 30 von knapp 4000 Bäumen, die sich hier befinden, hat sich der Buchdrucker breit gemacht. An anderen vergleichbaren Stellen sind es schon bis zu 150 befallene Bäume. Doch wenn man den Schädlingen nicht Einhalt gebietet, werden sich diese weiter ausbreiten, sind die beiden Forstleute überzeugt. „Aus einer einzelnen Käfer-Fichte heraus können innerhalb eines Jahres 400 weitere Bäume befallen werden“, macht Womelsdorf den Ernst der Lage deutlich. Aufgrund der Wärme rechnet der Forstamtsleiter, dass der Buchdrucker in diesem Jahr drei statt der üblichen zwei Generationen entwickelt, möglicherweise sogar vier.

Gerade im Bereich des Forstamts Idarwald sorgt der Borkenkäfer für viel Kopfzerbrechen. Denn das Areal ist für eine der fichtenreichsten Regionen des Landes verantwortlich. „Normalerweise haben wir zwischen 1000 und 1500 Festmeter Schädlingsholz. In diesem Jahr rechnen wir mit bis zu 50 000 Festmetern“, sagt Womelsdorf. In ganz Europa seien es mehr als 100 Millionen Festmeter. Deshalb besteht derzeit ein Einschlagstopp für gesunde Bäume. Die Preise für Holz sind derzeit im freien Fall, sagt der Forstamtsleiter. Im Januar 2018 habe man einen Festmeter Fichtensägeholz noch für 95 Euro verkaufen können. Derzeit liegt der Preis bei etwa 47 Euro pro Festmeter.

Was früher noch für die  Hackschnitzelerzeugung verkauft werden konnte und dem Forstbetrieb Einnahmen brachte, wird heute für teures Geld ebenfalls zerkleinert, um dem Borkenkäfer das Brutmaterial zu entziehen, aber anschließend in den Wald zurückgeblasen.

In Gonzerath hilft bei der Aufarbeitung der befallenen Bäume eine Spezialmaschine, ein Harvester, der mit einem auch für die Entrindung ausgestatteten Maschinenkopf ausgerüstet ist, der den Stamm in kurzer Zeit fällt und gleichzeitig entrindet, womit dem Buchdrucker  die Lebensgrundlage entzogen wird. Bis zu 20 Fichten kann der Harvester innerhalb einer Stunde verarbeiten. Ein Luxus, denn bundesweit gibt es bislang erst rund 30 Harvester, die so ausgerüstet sind. Doch trotzdem kommen die Forstarbeiter nicht hinterher. Vielleicht sind 25 Prozent der erkrankten Bäume im Bereich des Forstamts Idarwald zu schaffen. Womelsdorf: „Wir versuchen unser Bestes, schauen aber etwas ohnmächtig zu“, sagt er. Seit 1988 ist er im Hunsrück tätig, doch „so etwas habe ich noch nie erlebt.“

Forstamtsleiter Gerd Womelsdorf mit einem Stück Rinde, auf dem die typischen Gänge des Buchdruckers  gut erkennen sind. Foto: Christoph Strouvelle

Die Veränderungen im Forstwesen kommen dem Borkenkäfer zu Hilfe. Früher sei Totholz aus dem Wald geschafft worden, heute lässt man es dort, als Lebensraum für andere Lebewesen, sagt Womelsdorf. Zudem dürfen im Wald heute keine Insektizide mehr eingesetzt werden, mit denen die Schädlinge früher deutlich effektiver bekämpft werden konnten. Hinzu kommt die geringe Zahl an Personal.  Es brauche einen mindestens eine Woche dauernden Landregen, sagt Spier, damit die Bäume wieder Harz produzieren. Langfristig benötige die Region mehrere feuchte Jahre hintereinander. Dann entwickeln sich Parasiten und Pilze, die den Buchdrucker befallen.

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