Brasilien - ein Zauberwort

Brasilien - da denken die Menschen natürlich gerade im Moment an Fußball, an Samba, Karneval, schöne Frauen und Strände. Viele Menschen aus der Region erinnern sich aber auch daran, dass Tausende aus dem Hunsrück, von der Mosel und aus der Eifel vor 190 Jahren ausgewandert sind - viele nach Brasilien. Deren Nachkommen sprechen immer noch den Dialekt ihrer Vorfahren.

Bernkastel/Wittlich. Brasilien - für Tausende Menschen im 19. Jahrhundert war das ein Zauberwort. Das Land - 9400 Kilometern entfernt von Deutschland - versprach eine Chance, das Lebensglück zu finden, das den Menschen durch Kriege, Armut, Missernten und Hungersnöte im kargen Hunsrück, an der Mosel und in der Eifel verwehrt blieb. Die meisten von ihnen fanden in der Fremde ganz im Süden Brasiliens, im heutigen Bundesstaat Rio Grande do Sul, eine neue Heimat. Den Traum davon bezahlten aber viele Menschen mit dem Leben.
Reise ins Ungewisse


Die Reise aus dem Südwesten Deutschlands in die Neue Welt traten sie von einer Hafenstadt aus mit einem der Überseeschiffe - etwa der "Christiansand" oder "Gessner" - über den Atlantik an. Drei Monate dauerte die Überfahrt unter denkbar schlechten Bedingungen. Wer zu den Glücklichen gehörte, die das Ziel erreichten, fand nicht das Paradies. Ihn erwarteten harte Arbeit und Entbehrungen.
Nach der Unabhängigkeit von Portugal haben der erste brasilianische Kaiser, Dom Pedro I., und seine Frau, die habsburgische Erzherzogin Leopoldine, ab 1822 - die Unabhängigkeitserklärung datiert auf den 7. September 1822 - gezielt begonnen, in Deutschland Bauern und Handwerker anzuwerben. Diese sollten das Land besiedeln und vor allem den Süden stärken. Spezielle Agenten wie Major Georg Anton von Schäffer waren im Auftrag des Kaisers in Deutschland unterwegs, Schäffer hatte sogar ein Werbebüro für die Ausreise nach Südamerika in Hamburg. Auch in Zeitungen wurden Annoncen veröffentlicht. Geködert wurden die Ausreisewilligen mit verlockenden Angeboten und Privilegien: Sie erhielten Land, Vieh, Saatgut, Arbeitsgeräte und wurden für zehn Jahre von Steuerzahlungen befreit. Für die Jahre 1824, 1846 und 1860 sind regelrechte Auswanderungswellen vor allem aus dem Südwesten Deutschlands dokumentiert, auch wenn es Schreckensberichte von Rückkehrern gab, die in Zeitungen und Amtsblättern als Warnung veröffentlicht wurden. Die erste deutsche Siedlung wurde nach der Landesmutter São Leopoldo genannt. Orte wie São Vendelino entstanden, das heute eine Städtepartnerschaft mit St. Wendel im Saarland pflegt. Diese wurde 2003 auf dem "Kerbfest" in São Vendelino besiegelt.
Bis 1830 gab es in Rio Grande do Sul und Santa Catarina bereits 7000 Neubürger, die aus dem Hunsrück, der Pfalz, Rheinhessen und der Saarregion kamen. Einige ihrer Herkunftsorte sind Mörschied, Mülheim an der Mosel, Kempfeld, Idar-Oberstein, Simmern. Aber die Liste von Auswanderern aus dem ehemaligen preußischen Regierungsbezirk enthält auch Namen aus der gesamten Region etwa Wittlich, Bitburg, Speicher, Hermeskeil, Kommlingen, Saarburg, Ralingen und Trier.
Heute gibt es etwa vier Millionen Brasilianer mit deutschen Wurzeln - laut Martius-Staden-Institut in São Paulo sollen es sogar 18 Millionen sein. Im Staat Rio Grande do Sul, der etwa 28-mal so groß ist wie Rheinland-Pfalz, sprechen 350 000 Menschen Deutsch - einen Dialekt, den sie selbst "Hunsrickisch" nennen. So verstehen sich auch heute noch - fast 200 Jahre später - die Menschen dies- und jenseits des Atlantiks. Die Erzieherin Solange Maria Hamester Johann etwa hat die Bewegung "Opção pelo dialeto Hunsrik" ("Option für Hunsrückisch") ins Leben gerufen. 2004 hat sie das Buch "Mayn Eyerste 100 Hunsrik Werter" verfasst, um das Riograndenser Hunsrückisch für nachfolgende Generationen zu erhalten.
Extra

 Die Aussiedler verlassen den Hunsrück gen Brasilien in einer Szene des Films „Die andere Heimat“. Foto: Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke
Die Aussiedler verlassen den Hunsrück gen Brasilien in einer Szene des Films „Die andere Heimat“. Foto: Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke

Die Auswanderergeschichte von Menschen aus Rheinland-Pfalz ist gut erforscht. 2009 gab es im Landtag eine Vortragsveranstaltung mit dem Titel "Auswanderung nach Amerika". Dort stellten unter anderem die Brasilienfreunde Rheinböllen, der Verein der Brasilienfreunde Simmern (beide Rhein-Hunsrück-Kreis) und der Freundeskreis São Lourenço aus Sponheim (Kreis Bad Kreuznach) ihre Aktivitäten vor. Im Landeshauptarchiv Rheinland-Pfalz in Koblenz gibt es einige Quellen wie eine Anzeige in der Coblenzer Zeitung, die 1858 für die freie Überfahrt nach Rio Grande do Sul warb, oder einen Brief eines Auswanderers von 1827. In Trier existiert eine Liste mit 35 000 Auswanderernamen aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Trier, und das Institut für geschichtliche Landeskunde in Mainz stellt das Internetportal www.regionalgeschichte.net zur Verfügung. Auch der in Morbach geborene Regisseur Edgar Reitz hat sich des Themas in seinem Film "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" (2013) angenommen. Darin träumt sich der Bauernjunge Jakob nach Brasilien, während sich aber andere Bewohner des Dorfes Schabbach und des Hunsrücks auf den Weg in die Neue Welt machen. Gedreht wurde der Film 2012 in Gehlweiler. Das Foto links zeigt eine Szene vom Exodus der Hunsrücker aus dem Film. Die Stadt Münstermaifeld (Kreis Mayen-Koblenz) verwandelt sich in diesem Jahr zum 12. Mal zum Klein-Brasilien auf deutschem Boden: Am 21. Juni feiert die Stadt die Festa Junina, das brasilianische Junifest. Im Programmheft heißt es: "In Brasilien feiert man die Juni-Heiligen gleich alle zusammen: Santo Antônio (13. Juni) , São João (24. Juni) und São Pedro (29. Juni) bilden zusammen die Festas Juninas. Man nimmt an, dass die Festas Juninas noch von den portugiesischen Einwanderern abstammen, die neben anderen Traditionen und Bräuchen auch das Johannisfest mit nach Brasilien gebracht haben." Gefeiert wird mit einer deutsch-brasilianischen Messe (15 Uhr) auf der Festwiese, mit Musik, typischen Speisen und Getränken, einem Capoeira-Workshop und dem Auftritt der Showtanzgruppe Timbalando-Brasil. Geplant ist auch ein Public Viewing des WM-Fußballspiels Deutschland - Ghana (21 Uhr). cofi In weiteren Berichten stellt der Trierische Volksfreund unter anderem die Partnerschaft zwischen dem Moselort Klüsserath und dem brasilianischen Winterschneiss, ein deutsch-brasilianisches Ehepaar sowie den in Trier geborenen Generalkonsul von Rio de Janeiro, Harald Klein, im Interview vor.